# taz.de -- Bundeswehr an Schulen: Mathe, Englisch, Bundeswehr?
> Berliner Schulen und die Bundeswehr sollen stärker zusammenarbeiten, das
> wurde diese Woche vertraglich festgehalten. Eine gute Idee?
(IMG) Bild: Nicht nur die Bundeswehr an Schulen ist ein heißes Thema, auch die Wehrpflicht. Demo im März in Berlin
JA!
Bundeswehrbesuche in Schulen stehen also angeblich [1][im Widerspruch zum
Auftrag zur Friedenserziehung] im Berliner Schulgesetz. So ist das von der
Linkspartei zu hören. Das kann man meinen. Aber dazu muss man ein sehr
spezielles Bild von Frieden haben. Eines, das Invasionen, Gemetzel, Folter,
Vergewaltigung zwar vielleicht nicht widerspruchslos, aber widerstandslos
hinnehmen will.
Politiker und längst nicht nur Militärexperten warnen seit langem davor,
dass Russland in wenigen Jahren fähig sei, ein Nato-Land anzugreifen. Da
kann man sagen: Dann ist das so, dann sind die Russen halt auf dem
Kurfürstendamm, wenn auch nicht mehr „in fünfzehn Minuten“, wie Udo
Lindenberg das zu DDR-Zeiten besang.
Lindenberg hatte dabei ganz spezielle Vorstellungen von der russischen
Invasion: „Sie lassen ihre Panzer im Parkhaus steh'n und wollen im Café
Kranzler die Sahnetörtchen seh'n“, heißt es [2][in seinem ab 1984 zu
hörenden Text]. „Sie kommen uns besuchen, einfach nur mal so auf Kaffeechen
und Kuchen und 'n Fläschchen Piccolo.“
Die Einwohner von [3][Butscha und vielen anderen Orten in der Ukraine]
haben das ganz anderes erlebt. Sich solchen „Besuchen“ zu widersetzen,
geschieht – ein paar Waffennarren ausgenommen – nicht aus Lust an
Militärischem und Schießen, sondern aus dem Willen zum Überleben jenseits
einer Diktatur, in einer schließlich wieder friedlichen Welt.
Dieses Schießen und letztlich auch Töten, im besten Fall bloß Abschrecken,
geschieht aber nicht von allein. Das müssen Menschen übernehmen, die Waffen
in die Hand zu nehmen bereit sind. Wenn Schule unter Friedenserziehung
verstünde, sich verteidigungslos einem Aggressor zu ergeben, könnte sie die
Vermittlung von Werten wie Freiheit und wertschätzendem Umgang miteinander
ganz aufgeben. Denn was sind die wert, wenn sich für sie keiner notfalls
mit der Waffe einsetzen mag?
Es bestehe der Verdacht, dass die Bundeswehrbesuche in Schulen auch der
Nachwuchsgewinnung dienen sollen, heißt es. Ja, natürlich, was denn sonst?
Was soll daran schlecht sein, junge Menschen in ihrer ganzen Vielfalt dazu
zu motivieren, ihr Land und ihre Werte zu verteidigen, egal ob auf Dauer
oder als kurzzeitig Wehrdienstleistender? Und was soll denn nicht links
sein an Friedensbewahrung, dem Schutz von Frauen vor Vergewaltigung, dem
Erhalt einer Welt sozialer Sicherungsysteme?
Wer in den russischen Streitkräften nur wie Udo Lindenberg potenzielle
Konditoreikunden auf dem Ku'damm sieht, mag das anders betrachten. Wer sich
aber an offen aggressiven Aussagen aus Russland orientiert, der sollte das
Feindbild nicht im eigenen, in Artikel 87 des Grundgesetzes verankerten
Militär sehen, sondern die Bundeswehr in Schulen willkommen heißen. (Stefan
Alberti)
NEIN!
2025 fanden 166 Besuche der Bundeswehr in Berliner Schulen statt – bei 190
Schultagen im Jahr ist das fast jeden Tag einer. Jetzt sollen es noch mehr
werden. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) unterzeichnete
dazu am vergangenen Montag eine Kooperationsvereinbarung mit der
Bundeswehr. Man wolle auf diese Weise sicherheits- und
verteidigungspolitische Fragen an Schulen sachlich und kontrovers
behandeln. Aber wie kontrovers kann diese Unterhaltung sein, wenn die
Gegenseite fehlt?
Kindern und Jugendlichen verschiedene Berufsfelder vorzustellen, zählt zu
guter Bildungsarbeit dazu. Doch es drängt sich die Frage auf, wieso die
Bundeswehr hier diese auffällige Sonderstellung erhält. Wieso reiht sich
der Soldat nicht neben der Ärztin, dem Feuerwehrmann und der
Chemielaborantin an einem allgemeinen Berufsorientierungstag ein? Wichtig
wäre in einer vollumfänglichen Betrachtung des Soldat*innenberufs auch
das Aufzeigen möglicher Risiken.
Werden zum Beispiel Mädchen darüber aufgeklärt, dass es bei der Bundeswehr
vermehrt zu sexuellen Übergriffen an Frauen gekommen ist? So räumt sogar
das [4][Journal der Bundeswehr] ein, dass es zwischen 2020 und 2024 über
1.319 Verdachtsfälle von sexualisierter Gewalt gegeben hat. Anfang des
Jahres erst waren nach dem Bekanntwerden von „sexualisiertem Fehlverhalten“
bei den Fallschirmjägern in Rheinland-Pfalz Ermittlungen gegen 55
Beschuldigte eingeleitet worden, berichtet der [5][Deutschlandfunk].
Ausmusterungsgrund Homosexualität
Bis 1979 war Homosexualität bei der Bundeswehr ein Ausmusterungsgrund und
galt auch später noch als Ausschlussgrund für die Beförderung zum Offizier.
Erst 2000 wurde die institutionelle Diskriminierung von schwulen Männern in
der Bundeswehr beendet, berichtet der [6][Verband Queere Vielfalt]. Die
[7][Studie] „Zwischen Tabu und Toleranz“ von 2020 versucht die
Diskriminierung von schwulen Soldaten zwischen 1955 und 2000 aufzuarbeiten.
Es lohnt sich auch ein Blick auf die psychischen Folgen, die ein Einsatz
nach sich ziehen kann. Das [8][Deutsche Ärzteblatt] nennt neben der
klassischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auch Angststörungen,
Depression und Alkoholabhängigkeit als mögliche Einsatzfolgen. Betrachtet
werden muss in diesem Zusammenhang auch die weiterhin hohe Stigmatisierung
von psychischen Erkrankungen und die Problematik des Unterangebots von
trauma-therapeutischen Therapieplätzen.
Sozialpsychologische Effekte wie das von Irving Janis geprägte Phänomen
„Groupthink“ besagen, dass Mitglieder einer Gruppe ihre eigene kritische
Urteilskraft unterdrücken, wenn das Bestreben besonders groß ist,
dazuzugehören. Ein Experiment von Solomon Asch – bei dem aus vier Strichen
zwei gleich lange identifiziert werden sollten – zeigte, dass Menschen die
falsche Antwort gaben, wenn andere im Raum diese vorhersagten. Gruppendruck
kann also dazu führen, dass Menschen offensichtliche Tatsachen leugnen.
Während diese Effekte auch bei Erwachsenen wirken, ist die Gefahr bei
Jugendlichen noch größer. Denn psychosoziale Anpassung an Peers ist ein
Kernelement dieser Entwicklungsphase, schreibt zum Beispiel [9][Sarah
Bagley von der Boston University]. Kinder sollen in Deutschland besonders
geschützt werden. So darf man erst mit 18 Jahren alleine Auto fahren, auf
Bundesebene wählen und sich im Glücksspiel versuchen – wieso also im zarten
Alter von 14 Jahren schon Werbung für die Lebens-Lotterie Bundeswehr
konsumieren? (Anna Simbürger)
13 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bundeswehr-an-Berliner-Schulen/!6185257
(DIR) [2] https://www.udo-lindenberg.de/lyrics.307.d_records_detail_lyrics.htm
(DIR) [3] /Russische-Verbrechen-in-der-Ukraine/!6167283
(DIR) [4] https://www.bundeswehr-journal.de/2025/sexualisierte-gewalt-in-den-deutschen-streitkraeften/
(DIR) [5] https://www.deutschlandfunk.de/studie-ueber-sexuelle-belaestigung-und-gewalt-in-truppe-soll-demnaechst-beginnen-100.html
(DIR) [6] https://www.lsvd.de/de/ct/1323-Diskriminierung-schwuler-Soldaten-in-der-Bundeswehr
(DIR) [7] https://www.bmvg.de/de/tabu-toleranz-umgang-mit-homosexualitaet-bundeswehr
(DIR) [8] https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychische-traumatisierung-bei-soldaten-herausforderung-fuer-die-bundeswehr-8b2d0ae8-f75c-4e92-bb8f-baf94d140ee9
(DIR) [9] https://www.msdmanuals.com/de/profi/p%C3%A4diatrie/gesundheitsprobleme-bei-jugendlichen/psychosoziale-entwicklung-bei-jugendlichen
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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