# taz.de -- Fußball-WM in New York: Die einheimischen Communitys feiern den World Cup
       
       > Auf dem Times Square ist nichts los, in den den Vierteln jenseits der
       > großen Touristenhotelmeilen umso mehr. Dort feiern die Menschen aus
       > Mexiko und Puerto Rico.
       
 (IMG) Bild: Fernab von New Yorks Touristenzentren: Im „Euromex“ öffnet sich eine Fußball-Kathedrale mit Trikots aus der ganzen Welt
       
       Es ist ungewöhnlich still am Times Square an diesem Mittwoch vor dem ersten
       Spiel der Fußball-WM. Der große Platz an der Kreuzung von Broadway und
       Seventh Avenue, an dem sonst zwischen Touristenhorden und genervten
       Büroangestellten kein Durchkommen ist, ist für New Yorker Verhältnisse
       leer. Ein einsamer Spiderman zwängt sich in sein Kostüm, um sich für Geld
       mit Touristen fotografieren zu lassen. Ein Dutzend Männer in roten Hemden
       versucht verzweifelt Stadtrundfahrten im Doppeldeckerbus loszuwerden. Der
       Kiosk mit Last-Minute-Tickets für Broadway-Shows ist verwaist.
       
       Zwei junge Männer mit englischem Akzent und rotweißen Trikots sprechen
       Passanten an und bitten sie, für ihren Instagramkanal eine Frage zu
       beantworten. Welches Land sie denn anfeuern würden, wenn es nicht das
       eigene ist. Eine Familie in Brasilien-Trikots bleibt stehen, doch eine
       Antwort fällt ihnen nicht ein. Eine andere Mannschaft als Brasilien? Was?
       
       Der große Pelé-Shop ein paar Schritte entfernt, im heute nur schwach
       pochenden Herz New Yorks, ist ebenfalls verlassen. Auf einer Leinwand im
       hinteren Teil des Ladens läuft das Viertelfinale von 2022 zwischen
       Argentinien und Holland. Auf den Stufen davor sitzen nur zwei Angestellte
       des Ladens. Ich solle unbedingt wiederkommen, wenn es losgeht, sagen sie
       mir dringlich.
       
       In Jahren, in denen keine Fußball-WM ist, ist es hier, wo sich alle großen
       Touristenhotels ballen, voller. Das liegt ganz sicher an dem Dämpfer, den
       die Touristenbranche durch die Einreise-Politik von Trump erfahren hat. 5,5
       Prozent weniger Reisende kommen in die USA, seit Trump die Kontrollen bei
       der Einreise verschärft hat und Urlauber Angst haben müssen, von der
       Einwanderungspolizei ICE verschleppt zu werden. Mehr als acht Milliarden
       Dollar weniger haben in diesem Jahr Reiseveranstalter, Hotels und
       Gastronomie verdient.
       
       ## WM-Boom? Die Hotelpreise sind niedriger als sonst
       
       Die WM schien da ein Lichtblick zu sein. Vom größten Sportereignis der Welt
       würden sich die Fans sicher auch nicht von Trump verschrecken lassen. Doch
       nach einem WM-Lift sieht es für den Fremdenverkehr bislang nicht aus. Die
       Hotelpreise, die vor Monaten drastisch angestiegen waren, sind mittlerweile
       noch niedriger als sonst. Die FIFA, die spekulativ Betten geblockt hatte,
       musste sie verlustig wieder auf den Markt werfen.
       
       Die 116te Straße ist nur sechs Kilometer vom Times Square entfernt; die
       Gegend East Harlem, in der sie liegt, könnte jedoch genauso gut auf einem
       anderen Planeten liegen. Niemals würde sich ein Tourist hierher, in den „El
       Barrio“ genannten Kiez verirren, es gibt keinen Reiseführer, in dem der
       Barrio mehr als eine flüchtige Erwähnung findet. Er gehört ganz seinen
       mexikanischen, dominikanischen und puertorikanischen Einwohnern. Die Namen
       der Läden und Restaurants sind ausschließlich auf Spanisch.
       
       In der Mitte des Blocks zwischen zweiter und dritter Avenue umwirbt in
       grünen und roten Lettern der Schriftzug „Euromex“ die Passanten. Wenn man
       durch einen schmalen Hauseingang in das Innere tritt, dann eröffnet sich
       eine verborgene Kathedrale des Fußballs. Auf zwei Geschossen hängen Trikots
       bis unter die Decke, ergänzt von einer Wand mit Schuhen und großen Körben
       voller Bälle. Mittendrin steht Roger Flores, der etwa 25 Jahre alte Sohn
       des Besitzers. An der Kasse arbeitet die Mutter, seine beiden Schwestern
       helfen ebenfalls beim Verkauf.
       
       Flores, der ein AC-Mailand-Trikot trägt, ist stolz auf das Geschäft, das
       sein Vater nebenan auf einer kleineren Fläche vor der WM 1994 eröffnete.
       Von den 48 Mannschaften der WM hat Flores 45 Trikots, nebst allen wichtigen
       Vereinstrikots aus Europa und Südamerika. Hinzu kommt eine museale Ecke von
       Sonderauflagen, wie etwa ein Johan-Cruyff-Trikot vom 125ten Jubiläumsspiel
       von Ajax Amsterdam.
       
       ## Ganze LatinX-Familien statten sich mit Trikots aus
       
       Besonders stolz ist Roger jedoch auf das Nationaltrikot Iraks, das sich zum
       ersten Mal seit 40 Jahren für die Endrunde qualifiziert und dabei das
       zerrissene Land geeint hat. „Wir sind das einzige Geschäft in den USA, das
       dieses Trikot hat“, sagt Roger mit Gewissheit. Und man glaubt es ihm. Es
       ist schwer, sich vorzustellen, dass irgendein anderes Fußballgeschäft der
       USA so gut sortiert ist. Schon gar nicht die Pelé-, Nike– und Adidas-Läden
       im Touristenbezirk Times Square.
       
       Die Kundschaft weiß das zu schätzen. Junge Männer, eindeutig selbst aktive
       Spieler, diskutieren über Schuhmodelle und geben Turnierprognosen ab. Vor
       allem aber rücken ganze LatinX-Familien an, um sich für die kommenden
       Wochen auszustatten. Eine sechsköpfige ecuadorianische Familie kauft
       Nationaltrikots von XL bis zur Kindergröße. Roger ist sich mit ihnen einig,
       dass ihrer Mannschaft eine Überraschung gelingen könnte.
       
       Der Laden ist voll, die Menschen drängen sich durch die schmalen Gänge.
       „Das geht schon seit zwei Wochen so“, sagt Roger. Im Schnitt glaubt er,
       verkaufe er 80 bis 100 Trikots pro Tag. Was an WM-Fieber aus Übersee fehlt,
       so scheint es, wird in New York durch den Enthusiasmus der Einheimischen
       wettgemacht.
       
       Es sind die Einheimischen, die Bürgermeister Zohran Mamdani immer meint,
       wenn er von den Menschen spricht, die diese Stadt ausmachen. Die
       Einwanderer-Communitys, die sich auf die Weiten der Bezirke rund um
       Manhattan verteilen. Die Mexikaner von East Harlem, die Haitianer von
       Queens, die Kongolesen und die Usbeken von Brooklyn.
       
       ## 1.000 günstige Tickets für die Einheimischen
       
       Für sie ist diese WM im eigenen Land, in der eigenen Stadt, eine enorme
       Gelegenheit. Wenn die Fremden wirklich wegbleiben, dann gehört die WM-Party
       in New York ganz ihnen. Szeneblätter wie die Brooklyn Rail sagen jetzt
       schon voraus, dass dort die besten WM-Partys steigen werden: im
       brasilianischen Café „Beco“, im senegalesischen „Rue Dix“, im mexikanischen
       „lasuperior“. Und, nun ja, im oberbayrischen „Zum Schneider“, der in
       Greenpoint einen Pop-up aufgemacht hat.
       
       Dass dies ihre WM, die WM der Einwanderer, werden könnte, ist ganz nach
       Mamdanis Geschmack. Ganz [1][im Sinne seiner Bezahlbarkeitsagenda] ist der
       bekennende Fußballfan ein glühender Anhänger vom englischen Meister Arsenal
       London, so auch bei der Fifa vorstellig geworden, um für ein Kontingent
       bezahlbarer Tickets zu werben. 15 Prozent der Karten für jedes New Yorker
       Spiel wollte er für je 50 Dollar an die Bürger der Stadt geben.
       
       Am Ende spuckte Fifa-Chef Gianni Infantino insgesamt 1.000 Karten für alle
       acht Spiele in New York aus. Mamdani verloste sie vergangene Woche vor dem
       Rathaus. Zusätzlich kündigte er für das Endspiel, das im Stadion in den
       Meadowlands, keine 20 Kilometer von Manhattan entfernt stattfindet, eine
       riesige Watchparty im Central Park an. „Game not Greed“ ist Mamdanis Motto
       für die WM. Alleine die Gouverneurin von New Jersey, auf deren Territorium
       das Stadion liegt, mag nicht mitspielen. Sie knöpft den Besuchern bis zu
       150 Dollar für die Busfahrt ab.
       
       Das multikulturelle Fußballfest der einfachen Leute, das Mamdani sich
       wünscht, kann nun nur noch Donald Trump vermiesen. Zielgenau zum WM-Anpfiff
       hat ICE-Direktor Tom Homan angekündigt, die Präsenz seiner Truppen auf den
       Straßen New Yorks drastisch zu erhöhen. Er ist sauer, dass die New Yorker
       Gouverneurin Kathy Hochul ihm nicht erlauben will, Insassen New Yorker
       Gefängnisse zu verhaften und zu deportieren. Hinzu kommen die Proteste in
       Newark, ganz in der Nähe des Stadions, wo die Insassen eines ICE-Lagers
       derzeit in einen Hungerstreik getreten sind.
       
       Eine ICE-Invasion [2][im Stil von Minneapolis] oder vorher Chicago und Los
       Angeles würde ganz gewiss die Feierstimmung drücken, gerade in den
       Einwanderer-Communitys. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass ICE
       versprochen hat, die Stadien von Großrazzien zu verschonen.
       
       Im „Euromex Soccer“-Shop mag man an so etwas, drei Tage vor dem ersten
       Spiel in New Jersey, jedoch nicht denken. Roger Flores spekuliert lieber
       über das Turnier. Na klar würde er sich wünschen, dass Mexiko weit kommt.
       Aber er glaubt nicht wirklich, dass die Mannschaft über die erste Runde
       hinauskommt. Sein Favorit ist Frankreich, darauf legt er sich eindeutig
       fest. Und wo er die Spiele schaut? Im Laden natürlich. „Die haben die
       Spiele für Amerikaner mitten in den Tag gelegt“. Das ist das einzige,
       worüber er sich im Moment wirklich aufregt.
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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