# taz.de -- Israels Vormarsch in Libanon: Kirchenvertreter warnen vor Angriff auf Altstadt
> Israel greift die historische Großstadt Tyrus an und ruft alle Einwohner
> zur Flucht auf. Der Aufruf ergeht nach dem Angriff, der acht Tote
> fordert.
(IMG) Bild: Ein israelischer Luftangriff hat das Dorf Burdsch al-Schamali in der Nähe der südlichen Hafenstadt Tyrus getroffen
dpa/Reuters/AP | Ungeachtet einer mit der libanesischen Regierung
vereinbarten Waffenruhe [1][greift das israelische Militär weiter in
Südlibanon an]. Bei einem Angriff am Stadtrand der historischen Küstenstadt
Tyrus wurden nach vorläufigen Angaben des libanesischen
Gesundheitsministeriums mindestens 8 Menschen getötet und 32 weitere
Personen verletzt. Kurz nach dem Angriff rief die israelische Armee die
Bewohner von Tyrus dazu auf, die Stadt zu verlassen.
Tyrus ist eine Großstadt mit zuletzt über 130.000 Einwohnern. Die
viertgrößte Stadt des Landes ist eine der frühesten phönizischen Metropolen
und wurde 1984 in die Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten aufgenommen.
Unter den zahlreichen archäologischen Stätten der Stadt finden sich
römische Bäder, eine Säulenstraße, ein römisches Wohnviertel, Reste einer
im Jahr 1127 errichteten Kathedrale und die Überreste der Nekropole
El-Bass.
Ein Sprecher der israelischen Armee äußerte sich auf Anfrage der
Nachrichtenagentur Reuters zunächst nicht dazu, warum der Angriff vor der
Warnung erfolgte. Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen setzte ihre Arbeit in der Region
vorübergehend aus.
## Familien errichten Zelte am Strand
Das israelische Militär rief ausdrücklich auch die Bewohner und
Verbliebenen in den christlichen Teilen der Stadt zur Flucht auf. Viele
Menschen hatten dort in den vergangenen Tagen Zuflucht gesucht, nachdem die
restlichen Teile der Stadt bereits [2][immer wieder unter Beschuss]
standen, darunter auch viele schiitische Muslime. Anschließend rückte das
libanesische Militär in das Viertel ein, um zu demonstrieren, dass die
Schiitenmiliz dort keine bewaffnete Präsenz habe. Christen in Libanon
stehen der Hisbollah ohnehin zum großen Teil ablehnend gegenüber.
Israel zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt. Das israelische Militär
wirft der Hisbollah vor, sich in den Vierteln vor Angriffen zu verstecken.
Der arabischsprachige Sprecher des israelischen Militärs, Avichay Adraee,
erklärte auf der Plattform X, dass das israelische Militär bald gegen
terroristische Aktivitäten der Hisbollah in der Gegend vorgehen müsse.
Nach der „Evakuierungsanordnung“ flohen Hunderte Menschen aus dem
christlichen Viertel. Mitarbeiter des Zivilschutzes brachten ältere
Menschen in sicherere Gebiete, wie die NNA berichtete. Entlang einer
Küstenstraße stauten sich Autos über Kilometer. Viele Fahrzeuge waren mit
Matratzen, Gepäck und Hausrat beladen. Familien stopften so viele ihrer
Besitztümer wie möglich in die Fahrzeuge, Teppiche ragten von Autodächern,
Kofferräume blieben wegen Möbeln und persönlichen Gegenständen teils offen.
## Kirchenvertreter verfassen Appell
Anwohnerin Rula Sultani sagte der Deutschen Presse-Agentur (DPA), sie und
ihre Familie wollten nicht in zu Notunterkünften umfunktionierten Schulen
übernachten, „also haben wir uns für den Strand entschieden“. Familien mit
Gepäck, Decken und Plastikstühlen strömten an den Strand, einige bauten
Zelte auf. Andere fuhren in voll beladenen Autos aus der Stadt, wie
Augenzeugen berichteten. Auf den Straßen bildeten sich Staus.
Hochrangige Kirchenvertreter in Tyrus haben vor einem israelischen Angriff
auf das christliche Viertel der libanesischen Stadt gewarnt. Georges
Iskandar, der melkitisch-griechisch-katholische Erzbischof von Tyrus, Elias
Kfury, der griechisch-orthodoxe Metropolit von Tyrus, Sidon und den
zugehörigen Gebieten, sowie Charbel Abdullah, der maronitisch-katholische
Erzbischof der Stadt, appellierten am Dienstag in einer gemeinsamen
Stellungnahme an die internationale Gemeinschaft und die libanesische
Regierung, Israel von dem Vorhaben abzuhalten.
Die drei Geistlichen forderten „sofortige und ernsthafte Maßnahmen“, damit
die Altstadt vor Zerstörung und menschlichen Tragödien bewahrt werde. Sie
sei nicht nur ein Wohngebiet, sondern „das historische und menschliche Herz
von Tyrus, die Heimat von Tausenden Zivilisten, darunter Familien, Kinder
und ältere Menschen“. Kfury erklärte, der Konflikt sei nicht nur ein Krieg
Israels gegen die Hisbollah, sondern richte sich gegen den gesamten
Libanon. „Sie zerstören Libanon.“
## Kein Ende der Angriffe in Sicht
Israel und Libanon hatten sich vergangene Woche eigentlich auf einen
[3][neuen Plan zur Umsetzung einer bisher unwirksamen Waffenruhe] geeinigt.
Die Vereinbarung sieht das Einstellen der gegenseitigen Angriffe vor, den
Rückzug der Hisbollah bis hinter den Fluss Litani, also etwa 30 Kilometer
hinter die israelische Grenze, und eine Entwaffnung der Hisbollah.
Die von Iran unterstützte Organisation [4][hat den Bedingungen nicht
zugestimmt]. Auch Israel will den Beschuss gegen die Schiitenmiliz in
Südlibanon nach eigenen Angaben fortsetzen. Es wertet allein die Präsenz
von Hisbollah-Kämpfern im Gebiet südlich des Litanis als De-facto-Verstoß
gegen die Waffenruhe. Das israelische Militär ist weiterhin mit Truppen im
Libanon präsent und [5][rückte zuletzt auch immer weiter vor].
Israels Weigerung, seinen Krieg im Libanon zu beenden, behindert
[6][Trumps Bemühungen um eine dauerhafte Friedenslösung]. Die Menschen, die
aus Tyrus fliehen, sind verzweifelt. „Wir haben unsere Sachen genommen und
sind los“, sagte Ali Bahar, der mit seiner Frau und drei Kindern in einem
voll beladenen Auto unterwegs war, der Nachrichtenagentur AP. „Wohin sollen
wir gehen? Es gibt keinen Ort, an den wir gehen können“, sagte er. „Wir
werden auf der Straße landen. Wir fahren nach Sidon.“ Auch Hussein Darwisch
stand mit seinem beladenen Fahrzeug im Stau. Er hoffe darauf, mit seiner
Familie anderswo sicherer zu sein, sagte er der AP.
10 Jun 2026
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