# taz.de -- Anti-Wehrpflicht-Festival der Linken: „Unfollow Bundeswehr“
> Nein zur Wehrpflicht, nein zum Fragebogen, darüber ist sich die Linke
> einig. Ihr Publikum auch.
(IMG) Bild: Die Jugend will nicht dienen. Das zeigt sich nicht nur auf dem Linken-Kongress, sondern auch bei Demos, hier etwa in Potsdam
„Wer von euch ist denn heute freiwillig hier?“, fragt Heidi Reichinnek, die
Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion. Im gut gefüllten Saal des
Zentrums für Kunst und Urbanistik in Berlin gehen fast alle Hände hoch. Es
sind vor allem junge Leute zum Anti-Wehrpflicht-Festival der Linken
gekommen – und um die geht es ja auch. Über den Altersschnitt freut sich
auch Reichinnek, damit gehe die Linke Bundestagsfraktion deutlich besser
mit jungen Menschen um als die Bundesregierung.
Seit dem ersten Januar gilt: Alle jungen Männer, ab Jahrgang 2008, müssen
einen Fragebogen zur Wehrerfassung ausfüllen. Gut ein Viertel hat das bis
Anfang Mai [1][nicht getan] und riskiert damit ein Bußgeld. Der Wehrdienst
bleibt freiwillig, [2][die Musterung] allerdings nicht. Da die Bundeswehr
bislang nicht genügend Kapazitäten hat, um den gesamten Jahrgang zu
mustern, müssen zunächst nur die Freiwilligen zum „Eierkontrollgriff“.
„Ihr kriegt ja jetzt schon richtig Stress, wenn ihr die nicht ausfüllt“,
sagt Reichinnek zu den Fragebögen. Dagegen müssten sie sich wehren. Ob
freiwillig oder nicht, für die Linken-Fraktionsvorsitzende ist klar: „Nein
zum Kriegsdienst, nein zur Militarisierung und nein zu einer Regierung, die
gegen euch und ohne euch entscheidet!“ Das Publikum im Saal applaudiert.
Im ersten Stock des Zentrums für Kunst und Urbanistik sind fünf Computer
aufgebaut. An einem sitzt Prisca zusammen mit einer Freundin und spielt
„This War of Mine“. Im Game geht es darum, eine Gruppe von Menschen zu
steuern, die versucht, in einer zerbombten Ruine zu überleben. Letzte Nacht
sei sie ausgeraubt worden, weil sie niemanden für die Wache eingeteilt
habe, erklärt Prisca. Das Spiel sei aber „ganz cool“. Zur Bundeswehr würde
sie nur „ungern“ gehen, aber sie müsse es zum Glück auch nicht.
## „Propaganda“ in Afghanistan
Etwas am Rand steht Daniel Lücking, wissenschaftlicher Mitarbeiter für die
Linke im Bundestag und ehemaliger Soldat. Im Bereich „Propaganda“ sei er
Offizier gewesen, erzählt Lücking. Offiziell sage die Bundeswehr „operative
Kommunikation“ dazu, aber Propaganda treffe es besser. In Afghanistan habe
er gemeinsam mit Kolleg:innen zehn bis zwölf Stunden Radioprogramm am
Tag produziert. Dabei sei es vor allem darum gegangen, die lokale
Bevölkerung zur Kooperation mit der Bundeswehr zu bewegen. Die
Wehpflicht-Armee sieht Lücking als ein Relikt der Vergangenheit an: „Ich
glaube, heute braucht man das nicht mehr.“ Es sei viel einfacher mit
Sabotageakten, wie einer Drohne am Flughafen, einen Millionenschaden zu
verursachen.
Auf einem Tisch liegen neben Kondomen mit der Aufschrift „lieber geschützt
als eingezogen“ Leitfäden zur Kriegsdienstverweigerung. Davor steht Justin
Klemm. Mit 24 muss er sich keine Gedanken mehr über Fragebögen oder
Wehrdienst machen. Für ihn sei es aber wichtig, dass Jugendliche nicht an
die Waffe gehörten. Statt für Rüstung solle mehr Geld für Soziales
ausgegeben werden.
Ein kurzes Gespräch mit Desiree Becker im „Verweigerungs-Beratungs-Raum“
nebenan. Sie sitzt für die Linke im Verteidigungsausschuss des Bundestags
und sagt, es sei ein Trugschluss zu glauben, durch den Wehrdienst hätte die
Bundeswehr mehr aktive Soldat:innen. Wehrdienstleistende seien keine
Berufssoldat:innen und könnten das Kriegsgerät, das gerade beschafft
wird, nicht bedienen.
Aktuell sind knapp 186.000 Soldat:innen bei der Truppe. Damit ist das
Minimalziel, das im Wehrdienstgesetz ausgegeben ist, für 2026 schon
erreicht. Bis 2035 soll die Truppe [3][auf mindestens 255.000
Soldat:innen aufwachsen.]
Einer in der Linken-Bundestagsfraktion bricht aus der Parteilinie aus, die
ein klares Nein zur Wehrpflicht und anderer Zwangsdiensten vorgibt.
Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow hat vorgeschlagen, die Schulpflicht um
ein soziales Jahr auszuweiten. Auf taz-Anfrage sagt er, das Jahr könne
unter anderem als Sanitätsdienst, bei der Feuerwehr aber auch bei der
Bundeswehr abgelegt werden. Ihm gehe es vor allem darum, den Übergang
zwischen Schule und Berufsleben besser zu gestalten, um mehr
Chancengleichheit zu schaffen. Heidi Reichinnek sagt der taz: „Wir als
Partei lehnen Pflichtdienste ab, aber wir sind auch keine Sekte.“ Eine
Debatte über einen chancengleichen Sprung ins Berufsleben sei sinnvoll.
14 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rnd.de/politik/neuer-wehrdienst-28-prozent-der-maenner-geben-keine-antwort-NLLEFHXYANCQFD3HWRKVQMRMJM.html
(DIR) [2] /Neuer-Wehrdienst-in-Deutschland/!6137853
(DIR) [3] /Pistorius-nennt-strategische-Grundlagen/!6172995
## AUTOREN
(DIR) Pascal Maier
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