# taz.de -- Prekäre Arbeitsbedingungen an Unis: Jetzt verärgert Bär auch noch die Forschenden
> Erst die Bafög-Absage, nun ein Reförmchen gegen prekäre
> Arbeitsverhältnisse an Unis. Und wieder steht die Wissenschaftsministerin
> in der Kritik.
(IMG) Bild: Hochschulen sind nicht so ihr Ding: Forschungsministerin Dorothee Bär
Dorothee Bär hat beinahe Wort gehalten. Nicht beim Bafög – da hat die
Bundesforschungsministerin von der CSU gerade die [1][geplanten Erhöhungen
wieder infrage gestellt]. Dafür bei einem anderen Versprechen aus dem
Koalitionsvertrag: Bis „Mitte 2026“ wollten Union und SPD eine Novelle für
bessere Arbeitsbedingungen an Hochschulen verabschieden. Auch wenn dieser
Zeitplan mit der nahenden Sommerpause realistischerweise nicht mehr zu
halten sein wird: Bärs Ministerium hat mittlerweile einen Referentenentwurf
vorgelegt. Bis zum kommenden Dienstag können Fachverbände und
wissenschaftliche Einrichtungen dazu Stellung nehmen.
Die Betroffenen warten schon lange auf diese Reform. Fünf Jahre nach den
[2][#IchBinHanna-Protesten] sind immer noch vier von fünf Forscher:innen
befristet beschäftigt, bei den „Nachwuchswissenschaftler:innen“ unter 45
Jahren sind es sogar 90 Prozent. Wer Glück hat und eine Professur
ergattert, ist im Schnitt bereits jenseits der 40. Heißt: Eine Karriere in
der Wissenschaft bedeutet in den allermeisten Fällen, zunächst viele Jahre
beruflicher Unsicherheit in Kauf zu nehmen.
Für diese Zustände machen Kritiker:innen das sogenannte
Wissenschaftszeitvertragsgesetz verantwortlich, kurz WissZeitVG. Die
Sonderregelung zum Arbeitsrecht erlaubt den Hochschulen, Forscher:innen
insgesamt für zwölf Jahre befristet anzustellen – je sechs Jahre vor und
nach der Promotion. Begründet wird das damit, dass sich der akademische
Nachwuchs in der Zeit für spätere Stellen qualifizieren soll – die
sogenannte Qualifizierungsphase.
Schon die [3][Ampel-Regierung wollte das Gesetz nachschärfen] und so
Kurzzeitverträge und Kettenbefristungen in den Griff kriegen, scheiterte
aber mit ihrer Reform. Nun versucht sich Schwarz-Rot am akademischen
Prekariat, aber eher halbherzig. Der Bär-Entwurf, der der taz vorliegt,
klammert jedenfalls die strittigen Punkte aus.
## Bär-Entwurf ignoriert Expert:innen
Eine kürzere Höchstbefristungsdauer nach der Promotion, wie sie die Ampel
noch gegen den Willen der Unis plante, fehlt beispielsweise komplett. Damit
wüssten Postdocs zumindest etwas früher, ob sie in der Wissenschaft bleiben
können oder nicht. Zuletzt [4][forderte sogar der Wissenschaftsrat], dass
Betroffene „spätestens zwei bis drei Jahre nach der Promotion“ Klarheit
haben müssen. Über die Frage, wann genau die Unis diese Klarheit geben
müssen, [5][hatten sich die Ampelparteien zerstritten].
Der Bär-Entwurf indes ignoriert die Frage. Stattdessen sollen die
Hochschulen promovierte Wissenschaftler:innen – wie bisher auch – bis
zu sechs Jahre befristet anstellen können. Entsprechend zufrieden äußerte
sich die Hochschulrektorenkonferenz: Ihr Präsident Walter Rosenthal lobte,
dass von der „zeitweise diskutierten Verkürzung der Höchstbefristungsdauer
in der Postdoc-Phase Abstand genommen wurde“.
Ebenfalls vom Tisch – im Vergleich zum Ampelentwurf – ist die Öffnung des
Bereichs für Tarifverhandlungen. Für die Betroffenen sei das „ein Schlag
ins Gesicht“, urteilt der Jenaer Soziologe Tilman Reitz vom Netzwerk für
Gute Arbeit in der Wissenschaft. Er fordert ein Ende der Sonderbefristung
in der Wissenschaft. „Für alle, die nach der Promotion noch in der
Wissenschaft bleiben wollen, stellt das jetzige System ein ernsthaftes
Problem dar“, sagt Reitz der taz.
Um die Situation der Betroffenen zu verbessern, plant Bär die Einführung
von Mindestvertragslaufzeiten vor und nach der Promotion, die drei
beziehungsweise zwei Jahre betragen. Auch soll künftig eine Vorrangregelung
sicherstellen, dass eine Drittmittelbefristung künftig erst nach
Ausschöpfen der Höchstbefristungsdauer in der Qualifizierungsbefristung
möglich sein soll. Die Regelung soll sicherstellen, dass alle
Nachwuchsforscher:innen für Mutterschutz, Elternzeit oder bei der
Pflege Angehöriger mehr Zeit für ihre Qualifizierung erhalten. Auch diese
beiden Punkte wollte bereits die Ampel einführen.
## Scharfe Kritik
Aus Sicht von Gewerkschaften und Opposition ist das insgesamt zu wenig. Von
einer „Minimallösung“ spricht die grüne Bundestagsabgeordnete Ayşe Asar.
Sie kritisiert, dass die Bundesregierung die strukturellen Probleme gerade
im Postdoc-Bereich ignoriere und damit die Existenzangst zementiere: „Am
deutschen Campus herrscht keine Bestenauslese, sondern eine brutale soziale
Selektion“, sagt Asar der taz. Wer bis Mitte 40 in permanenter Unsicherheit
leben müsse, brauche ein familiäres Sicherheitsnetz und finanzielles
Backup. Demnächst wollen die Grünen ein Gegenmodell in den Bundestag
einbringen, das unter anderem stärker auf Dauerstellen neben der Professur
setzt. Auch das hat der Wissenschaftsrat gefordert.
Ähnlich kritisch äußerte sich die Linkenpolitikerin Nicole Gohlke. So
gingen die geplanten Mindestlaufzeiten völlig an der Realität vorbei. „Wenn
eine Doktorarbeit im Schnitt fast sechs Jahre dauert, lässt ein
Dreijahresvertrag die Forschenden auf halber Strecke im Regen stehen“,
sagte Gohlke der taz. Auch die Linkspartei will demnächst ein eigenes
Konzept vorstellen. Ein zentraler Punkt darin: Die Qualifizierungsphase
soll grundsätzlich mit der Promotion enden.
Selbst der Koalitionspartner scheint mit dem Entwurf nicht zufrieden: „Ich
habe durchaus noch Fragen und Wünsche, aber wir stehen ja noch am Anfang
des Verfahrens“, sagt die zuständige SPD-Berichterstatterin Carolin Wagner
auf Anfrage der taz. Wo genau die SPD noch nachverhandeln will, ließ Wagner
zwar offen. In der Vergangenheit kritisierte die Abgeordnete aber die
„unerträglich lange Zeit der Unsicherheit ohne verlässliche Perspektiven“.
Für die Betroffenen wünscht sich Wagner nun „den Mut des Ministeriums, sich
gegen die Lobbyarbeit der Hochschulen und Einrichtungen durchzusetzen“.
## Nur der Bund darf steuern
Andreas Keller, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung der
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hat nicht viel Hoffnung. Bis
auf die neuen Mindestvertragslaufzeiten, die nicht nur zu niedrig, sondern
auch nicht juristisch bindend seien, bliebe de facto alles beim Alten. Und
damit meint Keller: „So wie sich die Hochschulen das wünschen.“
Was den Gewerkschafter besonders ärgert: Im vergangenen Jahr hat das
Bundesverfassungsgericht in einem Urteil klargemacht, dass [6][nur der Bund
das Arbeitsrecht an Hochschulen regeln darf]: „Der Ball liegt beim Bund,
aber der Bund möchte diese Kompetenz offenbar nicht ausfüllen“, sagt Keller
der taz. Stattdessen bleibe es weiter bei einer „Lizenz zum Befristen“.
Das Bundesforschungsministerium sieht die Verantwortung hingegen bei den
Unis: Mit der geplanten Reform setze es lediglich den Rechtsrahmen für
Befristungen in der Wissenschaft, heißt es in dem Referentenentwurf. Für
bessere Arbeitsbedingungen sei „ein Kulturwandel in der Wissenschaft“
notwendig. Zudem sei das WissZeitVG „nur ein Baustein unter mehreren“.
Auf Anfrage verweist das Ministerium unter anderem auf eine
Peer-to-Peer-Beratung durch den Stifterverband, über die Hochschulen Hilfe
bei der Erstellung neuer Personalkonzepte erhalten können, sowie auf
einzelne Bundesprojekte wie das [7][Professorinnenprogramm] und die
„Mittelbau-Strategie“. Was sich jedoch konkret hinter der ebenfalls im
Koalitionsvertrag angekündigten Strategie verbirgt und wann diese kommt,
ließ das Ministerium unbeantwortet.
Dass die Länder einspringen und beispielsweise zusätzliche Gelder für neue
Dauerstellen bereitstellen, darf bezweifelt werden. Viele Unis wie
beispielsweise in Hessen oder Berlin müssen [8][derzeit mit drastischen
Budgetkürzungen] klarkommen. Eine positive Entwicklung gibt es aber
dennoch: Immer mehr Ministerien ermöglichen mittlerweile neue
Personalstrukturen neben der Professur und fordern – wie etwa Brandenburg –
[9][von ihren Unis Konzepte für mehr Dauerstellen] ein. Teilweise gehen
auch einzelne Unis mit gutem Beispiel voran.
Das beobachtet auch der Jenaer Soziologe Reitz. An seinem Institut
beispielsweise sollen demnächst alle Postdocs unbefristete Verträge
erhalten, die Stellen sollen auch nicht mehr am Lehrstuhl angesiedelt sein.
Dieser Plan ist allerdings noch nicht genehmigt und auch an der Fakultät
noch ein Einzelfall. Noch sei der Widerstand an den Unis gegen eine
radikale Reform zu groß, so Reitz. Er ist sich sicher: „Ohne eine
gesetzliche Regelung werden sich die Arbeitsbedingungen für
Wissenschaftler:innen nur sehr langsam und sehr punktuell verbessern“.
10 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geschacher-um-Bafoeg-Reform/!6183208
(DIR) [2] /Arbeitsbedingungen-in-der-Wissenschaft/!5776997
(DIR) [3] /Arbeitsbedingungen-an-Unis/!5939173
(DIR) [4] /Prekaere-Arbeitsbedingungen-an-Unis/!6097383
(DIR) [5] /Arbeitsbedingungen-an-Unis/!5994836
(DIR) [6] /Befristung-von-Postdocs/!6096210
(DIR) [7] https://www.bmftr.bund.de/DE/Forschung/Wissenschaftssystem/GleichstellungUndVielfaltInDerWissenschaft/Professorinnenprogramm/professorinnenprogramm_node.html
(DIR) [8] /Demo-gegen-Uni-Kuerzungen/!6183694
(DIR) [9] /Brandenburgs-Wissenschaftsministerin/!6112862
## AUTOREN
(DIR) Ralf Pauli
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