# taz.de -- Büchergeschäft in der SPD-Zentrale: Bald ist der Laden dicht
       
       > Die SPD steht in Umfragen bei 11 bis 13 Prozent. Eine Buchhandlung in der
       > Parteizentrale in Berlin-Kreuzberg startet schon den Schlussverkauf.
       
 (IMG) Bild: Der Letzte macht das Licht aus: Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg
       
       Alles muss raus: „50 Prozent auf alle Bücher“, steht in roter Schrift an
       der Glasfront der SPD-Bundeszentrale in Berlin. Hinter der Scheibe befindet
       sich die Buchhandlung „Vorwärts“. Es ist still, nur gelegentlich klackert
       eine Tastatur. Eine junge Frau schaut sich vor den meterhohen Bücherregalen
       im Laden um – einige der oberen Fächer sind schon leer.
       
       An der Kasse sitzt Katharina Weber, die Geschäftsführerin der Buchhandlung
       im Erdgeschoss des Willy-Brandt-Hauses. Sie tippt noch schnell eine Anzeige
       für das zum Verkauf stehende Ladeninventar fertig, dann hat sie Zeit. „Es
       bricht mir ein bisschen das Herz“, sagt sie geknickt. Denn zum 30. Juni
       macht der einst SPD-eigene Laden dicht. Seit vier Jahren hält die Partei
       über ihre Medienholding nur noch 20 Prozent.
       
       Es seien noch viele antiquarische Schätze da, etwa Flugblätter aus dem 19.
       Jahrhundert, sagt Weber. Sie hofft, dass in den kommenden Wochen bis zur
       Schließung noch jemand diese Fundstücke entdeckt. Die Buchhandlung,
       zugleich Antiquariat, ist spezialisiert auf die Themen Sozialdemokratie,
       Sozialismus, Arbeiterbewegung, ein ganzes Regal füllen – noch – Titel über
       Helmut Schmidt, [1][Willy Brandt] oder [2][Egon Bahr].
       
       Vom heutigen Spitzenpersonal der Partei, das ein paar Etagen höher sitzt,
       sei noch nie jemand vorbeigekommen, berichtet Katharina Weber. Für
       Ex-Kanzler Olaf Scholz, der als Vielleser gilt, habe immerhin mal ein
       Assistent bei ihr eingekauft. Auch an diesem Frühlingstag ist die
       Buchhandlung ziemlich leer. Ein Mann betritt den Laden – der Nachbar von
       gegenüber. Er kauft nichts, nutzt den Laden nur als Copyshop und geht
       wieder.
       
       ## Überwiegend ältere Kundschaft
       
       Pro Tag kämen manchmal drei, an einem guten Tag zehn Kund:innen in ihre
       Buchhandlung, sagt Weber: „Also es hat sich nie rentiert, wir haben immer
       nur Miese gemacht.“ Böse Zungen könnten behaupten, Sozialdemokratie läuft
       einfach nicht mehr. Stimmt ja auch: Die SPD liegt in Umfragen aktuell bei
       11 bis 13 Prozent.
       
       Eine Rolle spielt aber auch die Lage an der Stresemannstraße im eher
       unspektakulären Teil von Berlin-Kreuzberg. Hier gibt es kaum
       Laufkundschaft. Auch die angrenzende Großwohnsiedlung mit hoher Armutsquote
       dürfte nicht für Umsatz sorgen. Zudem höre Weber manchmal, dass Menschen
       sagen: „Du willst doch nicht bei der SPD einkaufen.“ Die Kundschaft sei
       überwiegend älter – eine Parallele zur SPD, die bei der letzten
       Bundestagswahl vor allem von [3][über 60-Jährigen gewählt] wurde.
       
       Weber kassiert kurz eine junge Frau mit Lederjacke ab, die einen Stapel
       Bücher für die Uni auf den Tresen legt. Die 21-Jährige sagt über den
       Buchladen: „Ich finde es sehr cool, aber ich glaube, ich wäre ohne Rabatt
       nicht reingekommen.“ Als Studentin sei das Geld immer knapp. Dass der
       Buchladen parteinah ist, habe sie nicht abgeschreckt. Es sei schade, dass
       die SPD als Arbeiterpartei verloren gehe, sagt die junge Kundin weiter: „Es
       gibt viele Menschen, die sie brauchen, damit sie sich für sie einsetzt.“
       
       Aus Kreisen des SPD-Vorstands heißt es, die Lage des Geschäfts sei schon
       lange herausfordernd gewesen. „Wegen absehbarer weiterer Defizite“ habe man
       dann entschieden, die Buchhandlung nicht mehr als eigenen Betrieb
       weiterzuführen. Weber übernahm den Laden 2022. Den Namen „Vorwärts“,
       angelehnt an die altehrwürdige Parteizeitung der SPD, behielt sie bei.
       
       Sozial wie die Sozialdemokraten sind, habe sie nie Miete zahlen müssen, so
       Weber. Die Miete wurde – wie zuvor – von der SPD-Medienholding getragen,
       dem jetzigen Minderheitsgesellschafter. Geholfen hat auch das am Ende
       nicht. Wer oder was nach dem 30. Juni in die Räume der Buchhandlung
       „Vorwärts“ einzieht, könne man noch nicht sagen, heißt es aus dem
       Willy-Brandt-Haus. Die SPD-Zentrale werde zurzeit sowieso „in einigen
       Bereichen modernisiert“.
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /SPD-Ostpolitik-von-Brandt-bis-heute/!6007106
 (DIR) [2] /Nachruf-Egon-Bahr/!5225196
 (DIR) [3] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2025-wahlanalyse-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Maier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) SPD
 (DIR) Buchladen
 (DIR) Willy Brandt
 (DIR) Berlin-Kreuzberg
 (DIR) Umsatz
 (DIR) Schlussverkauf
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Wolfram Weimer
 (DIR) Kulturpolitik Bremen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ausweitung des Achtstundentages: Der SPD ist nicht mehr zu helfen
       
       Die Sozialdemokraten sind bereit, die größte Errungenschaft der
       Arbeiterbewegung aufzugeben: den Achtstundentag. Koalitionszwänge?
       Unglaubwürdig.
       
 (DIR) Gerichtsurteil gegen Wolfram Weimer: Berliner Buchhandlung keineswegs extremistisch
       
       Die „Schwankende Weltkugel“ gewinnt gegen Weimer vor Gericht. Der
       Kulturstaatsminister darf die Buchhandlung nicht als extremistisch
       bezeichnen.
       
 (DIR) Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Gesinnungsschnüffelei im Buchladen
       
       Wolfram Weimer schließt drei linke Buchläden vom Preis aus – mit Hilfe des
       Verfassungsschutzes. Damit könnte er selbst gegen das Grundgesetz
       verstoßen.