# taz.de -- Nordische Länder und die Ukraine: Verlässlichkeit darf nicht auf die Probe gestellt werden
       
       > Der ukrainische Präsident stößt im Norden und in den baltischen Ländern
       > auf Pragmatismus und Verständnis. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
       
 (IMG) Bild: Einigkeit in Anzügen: Treffen von Vertretern der Ukraine, der nordischen und baltischen Länder
       
       Wer gute Freunde in Krisenzeiten hat, kann sich glücklich schätzen. So muss
       es auch dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gehen. Den besten
       Beweis bekam er bei einem Treffen mit den Regierungschefs der nordischen
       und baltischen Staaten im estnischen Tallinn. Dort muss Selenskyj nicht
       viel erklären, wie es um sein Land steht und in welch entscheidender Phase
       die Ukraine derzeit steckt. Der Grund dafür ist so simpel wie komplex: Die
       Staaten des Gremiums kennen den russischen Aggressor und die Folgen von
       Repression aus ihrer Geschichte. [1][Viele, wie etwa die baltischen Staaten
       oder Finnland, grenzen an Russland.] Die Folgen des Krieges sind dort
       unmittelbar zu spüren. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.
       
       Zu den gefährlichsten Konsequenzen zählt wohl die Bedrohung durch Drohnen.
       [2][Bereits zweimal mussten Nato-Kampfjets solche Flugobjekte abschießen,]
       die in den Luftraum Estlands und Lettlands eingedrungen waren. Nahezu
       täglich gibt es Meldungen zu Drohnensichtungen in den Grenzregionen.
       Cyberattacken gehören seit langem zur hybriden Kriegsführung. Sowohl
       Russland als auch die Ukraine stören die Flugbahn der jeweiligen Drohnen
       und diese kommen dann vom Weg ab. Hätte die russische Vollinvasion in der
       Ukraine ein Ende, gäbe es auch solche Vorfälle nicht mehr.
       
       Selenskyj ist längst kein Bittsteller mehr. Natürlich braucht sein Land
       weiterhin Geld für Waffen, für die Luftabwehr, für den Wiederaufbau des
       Landes, und diplomatische Unterstützung für einen baldigen EU-Beitritt.
       Aber im Drohnenkrieg sind auch die Staaten im Norden auf die Expertise der
       Ukraine angewiesen. Und so verwundert es nicht, dass ohne viel Hin und Her
       Abkommen zur Drohnenabwehr beschlossen werden und Selenskyj seine
       Spezialisten in die Allianz im Norden und in den baltischen Staaten
       schicken kann.
       
       Ebenso wenig verwundert, dass in dieser Runde keiner die Ukrainer in
       Verhandlungen mit dem Kreml zwingen will, bei denen sie weder dabei sind
       noch ihre eigenen Forderungen aufstellen dürfen. Und auch als Vermittler
       will man sich auf keinen Fall aufspielen. Wer parteiisch ist – und das sind
       die nordischen und baltischen Staaten nun einmal – sollte nicht vermitteln.
       Diese Haltung klingt pragmatisch und rational, ist aber leider keine
       Selbstverständlichkeit derzeit in Europa. Es bleibt zu hoffen, dass in
       dieser kritischen Phase des Krieges, die zu einem Waffenstillstand führen
       könnte, sich mehr Staaten dieser Haltung anschließen. Und es zu einem
       gerechten und nicht aufgezwungenen Frieden kommen kann.
       
       10 Jun 2026
       
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