# taz.de -- Krieg im Westen der Ukraine: Den Alltag verteidigen
       
       > Russland nimmt verstärkt den Westen der Ukraine ins Visier, immer mehr
       > Zivilisten sterben. Wer überlebt, versucht so gut es geht Normalität zu
       > retten.
       
 (IMG) Bild: Lwiw, Ende März: Feuer und Rauch über dem Stadtzentrum
       
       Am Nachmittag ist einiges los auf dem Domplatz im westukrainischen Lwiw.
       Kurz nach sechzehn Uhr läuft der Berufsverkehr: Menschen hasten an der
       Ampel über das Kopfsteinpflaster, Autos hupen. Hier kreuzen sich der
       Altstadtring und eine große Ausfallstraße. Die Tramhaltestelle ist ein
       wichtiger Umsteigepunkt in der Innenstadt. Ringsum gibt es Geschäfte und
       wer kurz ausruhen will, kann sich neben dem Brunnen in der Platzmitte auf
       einer Bank niederlassen, mit Blick auf die jahrhundertealten Türme des
       Bernhardinerklosters.
       
       Ein paar Wochen zuvor, der 25. März, um dieselbe Uhrzeit: Die Szenerie ist
       ähnlich, doch dann hört man auf Videoaufnahmen das blecherne Geräusch eines
       billigen Mopedmotors, es schwillt immer lauter an. Am oberen Bildrand
       stürzt eine russische Angriffsdrohne vom Typ Schahed vom Himmel. Sie kracht
       in das Dach eines Altbaus am nördlichen Rand des Platzes, gleich neben dem
       Kloster und der Kinderbibliothek. Ein Feuerball. Dann bricht die
       Aufzeichnung ab.
       
       Anders als die großen Angriffe auf die Hauptstadt Kyjiw stehen die
       russischen Attacken auf andere Regionen der Ukraine im Ausland weniger im
       Fokus. Ohnehin sind die Orte weniger bekannt und auch westliche Politiker
       kommen seltener zu Besuch hierher. Tatsächlich galten besonders die
       westlichen Regionen in den ersten Kriegsjahren als vergleichsweise
       sicherer. Es gab einfach weniger Angriffe. Das hat sich inzwischen
       geändert.
       
       Was da in Lwiw in Flammen aufging, war unter anderem die Wohnung von Marta
       Kuziys Lebenspartner. Er selbst kann nicht darüber sprechen, weil er als
       Soldat eine Genehmigung braucht, und die könnte dauern. Kuziy zeigt nach
       oben. „Im zweiten Obergeschoss ist die Wohnung. Oder das, was davon übrig
       ist.“ Betreten dürfe man das Haus nicht, sagt sie: Die Statik müsse noch
       untersucht werden.
       
       ## Überall Löschwasser
       
       Von der Straße aus ist ein notdürftig mit Plastikplanen abgedichtetes Dach
       zu sehen. „Es ist schlimmer als es von hier aussieht“, sagt Kuziy. Gebrannt
       habe hauptsächlich der Dachstuhl. Aber die Explosion habe in der Wohnung in
       mehreren Räumen die Zimmerdecke zerrissen. „Das Löschwasser ist überall
       reingelaufen.“ Sie zeigt auf schwarze Flecken an der Fassade im Hof. „Das
       ist kein Ruß, sondern Schwamm.“ Möglicherweise müsse das Haus doch noch
       abgerissen werden.
       
       Marta Kuziy ist klassische Konzertpianistin. Die 40-Jährige hat unter
       anderem in Deutschland studiert und rund zehn Jahre in Polen gelebt und
       gearbeitet. „Es war gut, aber mir hat immer etwas gefehlt.“ In der Pandemie
       sei sie zurück nach Lwiw gezogen. „Hier ist meine Heimat. Die lasse ich mir
       von niemandem nehmen.“
       
       Der Angriff im März war der erste, der den Teil des historischen Zentrums
       traf, der zum Kerngebiet des Unesco-Welterbes gehört. Man kann wohl davon
       ausgehen, dass es nicht darum ging, genau dieses Gebäude zu treffen, in dem
       sich abgesehen von ein paar Wohnungen die Filiale eines Juweliers und ein
       Coffeeshop befanden. An jenem Nachmittag schlugen auch in anderen
       Stadtteilen Schahed-Drohnen ein. An einem Plattenbaublock am Stadtrand
       sogar zwei hintereinander: eine übliche Taktik, um eintreffende
       Rettungskräfte zu töten.
       
       Je länger der Krieg dauere, umso wahrscheinlicher sei es, dass man selbst
       betroffen sei, sagt Kuziy. Die Intensität sei in Lwiw zwar geringer als in
       den Städten weiter östlich, aber die Gefahr dennoch präsent. „Aber“, sagt
       sie, „wir leben unsere Leben weiter. Welche Wahl haben wir schon?“ Die
       Stadt oder das Land zu verlassen, komme nicht infrage. „Meine Familie,
       meine Freunde, meine Arbeit, alles ist hier.“
       
       ## Angriffe auf Lwiw häufen sich seit dem Frühjahr
       
       Angriffe wie jener auf Lwiw kommen seit dem Frühjahr häufiger vor.
       Regelmäßig tauchen die Namen von Städten in der Westukraine in den
       Meldungen der Luftverteidigung auf. Schäden, Verletzte oder Tote wurden im
       Frühjahr aus Städten wie Luzk, Riwne, Iwano-Frankiwsk berichtet. Mitte Mai
       gab es sogar einen der seltenen Angriffe auf Transkarpatien, die
       Grenzregion zu Ungarn und der Slowakei
       
       Im Winter hatte sich Russland noch vor allem darauf konzentriert, die
       Energieversorgung der Ukraine zu zerstören. Reihenweise wurden Knotenpunkte
       des Stromnetzes und Kraftwerke attackiert. In den großen Städten wurden
       mitten im Winter die Heizkraftwerke zerstört, die für die Fernwärme nötig
       sind. Offenbar sollten die Menschen bei Minusgraden in ihren Wohnungen in
       die Kapitulation gezwungen werden.
       
       Regelmäßige Beobachter des Luftkriegs beschreiben nun eine
       Strategieänderung. Das russische Militär greife vermehrt Knotenpunkte der
       Logistik wie Häfen und Bahnhöfe an, aber auch Infrastruktur wie Wasserwerke
       und Gasnetze sowie Bevölkerungszentren allgemein.
       
       Alexander Kowalenko zählt in der Ukraine zu den bekanntesten Analysten des
       russischen Luftkriegs. Er beobachtet eine Verschiebung seit dem Frühjahr.
       „Mit dem Einsetzen wärmeren Wetters konzentrieren sich die russischen
       Streitkräfte nun auf Angriffe gegen Logistik- und Lagereinrichtungen sowie
       die Hafeninfrastruktur. Zudem besteht ein hohes Risiko von Angriffen auf
       Einrichtungen der Wasserversorgung“, sagt er auf taz-Anfrage.
       
       ## Gezielte Angriffe auf die Landwirtschaft
       
       Angriffe zielten laut Kowalenko häufig auf Lagerhäuser ab, in denen
       Lebensmittel, Güter des täglichen Bedarfs und andere Waren gelagert werden.
       „Vor Kurzem wurden in der Region Odessa Tanks für Pflanzenöl angegriffen.
       Getreidelagerstätten werden systematisch attackiert. Russische Drohnen
       greifen zudem Getreidetransportschiffe an, die ukrainische Häfen anlaufen.“
       Immer wieder komme es zu gezielten Angriffen auf landwirtschaftliche
       Betriebe.
       
       Anders als bei den Angriffen auf die vergleichsweise zentralisierte
       Energieversorgung werden durch die Strategieänderungen auch mehr Orte zur
       Zielscheibe. Welche Orte auf welche Weise angegriffen werden, hänge
       hauptsächlich von der Reichweite der Waffen ab. In frontnahen Gebieten sind
       das Gleitbomben und Artillerie. „Die Zentralukraine und die westlichen
       Regionen werden hingegen am häufigsten mit Langstreckenraketen angegriffen
       – Marschflugkörpern wie der Ch-101 und der 3M14 Kalibr“, so Kowalenko.
       „Ballistische Raketen kommen in einem Umkreis von bis zu 500 Kilometern zum
       Einsatz und zielen dabei häufig auf Städte, in denen kein
       Patriot-Luftverteidigungssystem stationiert ist.“
       
       Kowalenko beschreibt ein Muster: „Etwa einmal pro Woche führen sie massive
       kombinierte Angriffe durch, bei denen sie bis zu 500 oder mehr Drohnen
       sowie mehrere Dutzend Raketen verschiedener Typen einsetzen.“ Diese
       Frequenz werde seit mehreren Monaten beibehalten. Derzeit sei das russische
       Militär in der Lage, monatlich bis zu 6.500 Drohnen und durchschnittlich
       150 Raketen abzufeuern. „Auf der Grundlage dieser Kapazitäten planen sie
       ihre Angriffe unter Berücksichtigung der spezifischen Gegebenheiten der
       jeweiligen Regionen sowie der Reichweiten ihrer Waffen.“
       
       ## Terrorisierung der Bevölkerung als Erpressung
       
       Die Terrorisierung der Zivilbevölkerung diene dabei als ein Element der
       Erpressung. Und dieses Erpressungsmoment gewinne an Bedeutung, je
       schlechter es für die Invasoren an der Front laufe, sagt Kowalenko. Der
       Kreml versuche, so Zugeständnisse in einem möglichen Verhandlungsprozess zu
       erreichen.
       
       Was Putin will, käme allerdings einer Kapitulationserklärung der Ukraine
       gleich: Der Donbass würde dann den russischen Invasoren zugeschlagen
       werden, eine internationale Schutztruppe nach einem möglichen
       Friedensschluss lehnt der Kreml ab, dafür soll die Ukraine demilitarisiert
       und also schutzlos werden. Zuletzt versuchte ein Gipfeltreffen von
       Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, Großbritanniens Premier Keir
       Starmer und Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang dieser Woche in London
       diplomatischen [1][Druck für direkte Friedensgespräche aufzubauen.] Doch
       der Kreml verweigert sich.
       
       Die Folgen für die Zivilbevölkerung dokumentiert ein UNHCR-Report:
       „Angriffe mit weitreichenden Waffen – also Raketen und Drohnen – waren die
       Hauptursache für zivile Opfer und machten 43 Prozent der Gesamtzahl aus.
       Das waren 84 Getötete und 628 Verletzte. Wobei es die meisten Opfer in
       Städten und Ortschaften weit hinter der Frontlinie gab“, heißt es im
       Bericht für April.
       
       ## Zahl der zivilen Opfer steigt
       
       Die Zahl der zivilen Opfer sei um 38 Prozent höher gewesen als im Vormonat.
       Ein wesentlicher Grund: Für größere Entfernungen setzt das russische
       Militär Waffen mit mehr Zerstörungskraft ein, als direkt hinter der
       Frontlinie, wo zudem inzwischen viel weniger Zivilisten leben. „Die
       Angriffe der russischen Streitkräfte auf die Energie-, Eisenbahn- und
       Hafeninfrastruktur der Ukraine beeinträchtigten weiterhin das zivile Leben
       und gefährdeten die Zivilbevölkerung“, heißt es in dem Report weiter.
       
       Einen systematischen Überblick über die Angriffe bietet auch der Monitor
       Luftkrieg Ukraine, der von der Konrad-Adenauer-Stiftung publiziert wird.
       „Es besteht die Gefahr, dass sich der Luftkrieg kurzfristig zu Ungunsten
       der Ukraine entwickelt“, befürchtet Autor Marcus Welsch in der jüngsten
       Analyse für April. [2][Aufgrund des Irankrieges seien wichtige
       Abfangraketen wie Patriot-PAC3-Interceptoren kaum noch lieferbar,] was die
       Ukraine besonders verwundbar mache.
       
       „Der Luftkrieg mittels Drohnen wird weiter zunehmen und mehr ukrainische
       Gebiete betreffen, sowohl in Frontnähe als auch im Westen des Landes“, so
       die Erwartung. Der Anflugsektor über Belarus gewinne weiter an Bedeutung.
       „Die Angriffe folgen einem ähnlichen Muster wie im Vormonat, als die
       russische Luftwaffe begonnen hatte, die Dauer ihrer Angriffswellen zu
       verlängern: Statt in einer Nacht erfolgt der Beschuss nun in einer Nacht
       und am darauffolgenden Tag.“
       
       Wer sich in der Ukraine dieser Tage von Lwiw auf den Weg in Richtung Süden
       macht, bekommt einen Eindruck davon, was das bedeutet. Der Nachtzug von
       Kyjiw nach Odessa fährt in der Dämmerung am Kyjiwer Rangierbahnhof an einem
       ausgebrannten Intercity-Triebwagen vorbei. In der seitlichen Kabinenwand
       klafft ein scharfkantiges, großes Loch und gibt den Blick frei auf das
       verkohlte Innere.
       
       ## Tee von der Sorte Granatapfel-Honig
       
       Die Schaffnerin fragt, ob man Kaffee oder Tee möchte. Sie habe eine neue
       Sorte: Granatapfel-Honig. Auf Ukrainisch ein Wortspiel mit dem fast gleich
       klingenden Wort für Granatwerfer. Ein Teil des Teepreises geht an die
       Armee. Und sie verteilt einen Flyer mit Anweisungen für den Fall eines
       Luftangriffs. Dann müsse man den Zug auf Anweisung schnell verlassen – auch
       auf freier Strecke, wenn nötig. Nur ganz wichtige Sachen wie Medizin und
       Dokumente sollen mitgenommen werden.
       
       Am Morgen weckt die Schaffnerin die Reisenden freundlich-resolut mit der
       Ansage, dass man in 30 Minuten den Hauptbahnhof erreiche. Dann ziehen die
       ersten Ausläufer der Millionenstadt am Schwarzen Meer am Zugfenster vorbei.
       Odessa war schon vom ersten Tag an ein Angriffsziel, doch lange Zeit
       konzentrierten sich die Einschläge am Hafen. Die Häfen in Odessa, in
       Pivdene 30 Kilometer nördlich und im südlich gelegenen Tschornomorsk sind
       die wichtigsten Umschlagorte für die ukrainische Exportwirtschaft. Vor
       allem Getreide, Ölsaaten und Stahlerzeugnisse gehen von dort per Schiff an
       die Abnehmer im Ausland. Die ukrainische Wirtschaft ist auf diese Einnahmen
       angewiesen.
       
       Im April beschädigten laut UNHCR mindestens 14 Angriffe die
       Seehafeninfrastruktur in der Region Odessa, forderten zivile Opfer und
       gefährdeten die zivile Schifffahrt sowie die Versorgung mit lebenswichtigen
       Gütern. Entsprechend werden auch die Schienenwege zum Hafen und Lagerhallen
       zum Ziel. Das kann man auch in der Zufahrt zum Bahnhof sehen. Erst ein
       ausgebranntes mehrstöckiges Gebäude, dann eine demolierte Lagerhalle und
       ein zweistöckiges Gewerbegebäude, dessen Fensteröffnungen mit
       Pressspanplatten vernagelt sind.
       
       Schon in den ersten Jahren des Krieges haben die russischen Angreifer keine
       Rücksicht auf die Stadt genommen, von der ihre Propaganda behauptet, sie
       wäre eigentlich russisch. Das Kunstmuseum wurde beschädigt,
       denkmalgeschützte Gebäude in der Altstadt zerstört. Auch das
       Literaturmuseum gleich neben der Oper und dem deutschen Konsulat wurde
       getroffen. Oft hat man versucht, die Schäden schnell zu reparieren.
       
       ## Kaum eine Straße in Odessa ohne Zerstörung
       
       Doch in diesem Jahr kommen die Einschläge häufiger. Und immer häufiger wird
       auch das Zentrum Odessas getroffen, das wie jenes von Lwiw zum
       Unesco-Welterbe zählt. Inzwischen sieht man der Stadt die Attacken an. In
       den Straßen rings um den großen Markt Privoz, sozusagen das Herz und der
       Bauch der Stadt, gibt es kaum eine ohne ein zerstörtes Gebäude.
       
       Die Stadt liegt in Reichweite fast aller großen russischen Waffensysteme.
       Dazu hat sie noch den Nachteil, dass die von der Krim aus über das Wasser
       anfliegenden Drohnen über dem Meer praktisch ungestört operieren können.
       Erst, wenn sie sich der Küste nähern, kann die Flugabwehr sie bekämpfen. Je
       nach Richtung hört man das dann auch in der Innenstadt. Sind es nur
       einzelne, hat die Luftverteidigung meist die Oberhand. Nach ein paar
       schnellen, harten Schüssen der Flak folgt eine dumpfe Explosion. Im besten
       Fall stürzen die Trümmer ins Meer.
       
       Doch immer häufiger bestehen die Angriffe aus Schwärmen von Drohnen. 10
       oder 20 kommen in dichter Folge. Nicht ganz zu Unrecht erhoffen sich die
       russischen Angreifer davon, dass nicht alle abgeschossen werden können,
       sondern einige ihr Ziel erreichen. Praktisch jeden Tag gibt es Alarm,
       meisten mehrmals am Tag.
       
       Analyst Kowalenko lebt selbst in Odessa und beobachtet die Angriffe aus der
       Nähe. „Die Taktiken der Luftangriffe haben sich nicht grundlegend
       verändert, doch die Anzahl der Waffen sowie die Häufigkeit ihres Einsatzes
       sind gestiegen.“ Luftangriffe werden fast jede Nacht durchgeführt – sowohl
       in der Stadt als auch in der umliegenden Region. „Derzeit setzt der Feind
       in einer einzigen Nacht bis zu 50 bis 60 Drohnen gegen unsere Region ein.“
       
       Die Regionalhauptstadt Iwano-Frankiwsk liegt 130 Kilometer südöstlich von
       Lwiw. Auch sie wurde am 25. März angegriffen. Ein paar Wochen danach ist
       man vor Ort noch mit Reparaturen beschäftigt. Ob man mal beiseitetreten
       könne, fragt ein Arbeiter, der eine Karre schiebt. Darauf liegen
       windschiefe Fensterrahmen und einzelne Latten. Das Altmaterial wird auf
       einem Haufen aufgeschichtet, neben dem Eingang zur städtischen
       Geburtsklinik.
       
       In dem fünfstöckigen Gebäude im Stadtzentrum klaffen einige offene
       Fensterhöhlen in der Fassade. Viele Fenster daneben sehen neu aus, mit
       Rahmen aus Kunststoff. In einigen Fenstern mit Holzrahmen flattert hingegen
       Plastikfolie in der Frühlingsbrise. So wie die Krankenhausfassade sehen die
       meisten Gebäude in der Straße aus. Überall sind die Fenster kaputt,
       notdürftig geflickt oder schon erneuert.
       
       ## Druckwelle in der Straßenschlucht
       
       Ende April ist es rund vier Wochen her, dass in der Sacharowstraße eine
       russische Angriffsdrohne vom Typ Schahed explodierte. Es gibt Videos, die
       den Angriff zeigen sollen. Man sieht die Häuser in der Umgebung, Dächer,
       dann ein dunkles, eher längliches Objekt vom Himmel stürzen, hört einen
       dumpfen Knall. Dann steigt Rauch auf. Die Drohne sei ein paar Meter über
       dem Boden explodiert, erzählt ein Zeuge. Einen Explosionskrater gibt es
       deshalb nicht, aber Druckwelle und Splitter konnten sich so noch besser
       durch die Straßenschlucht ausbreiten.
       
       Zwei Menschen starben: ein Soldat der Nationalgarde und dessen 15-jährige
       Tochter. Sie hatten in der benachbarten Geburtsklinik der Region zuvor ihre
       Frau beziehungsweise Mutter besucht, die dort ein zweites Kind zur Welt
       gebracht hatte. In der Klinik selbst gab es bei dem Angriff keine
       Verletzten. Patienten und Personal waren rechtzeitig in den Schutzräumen.
       
       Die städtische Geburtsklinik ist ein großes Krankenhaus. 1.450 Babys wurden
       im Jahr 2025 entbunden. Priorität bei den Reparaturarbeiten hätten die
       medizinisch wichtigsten Räume, erzählt Iryna Symchych. Sie ist die
       stellvertretende Direktorin der Klinik. Nun, ein paar Wochen später seien
       auch Büros und Aufenthaltsräume für das Personal dran. Im vierten Stock
       wird gehämmert und geschraubt. Handwerker stemmen die alten Rahmen aus den
       Fensteröffnungen. Andere tragen neue Fenster mit Doppelverglasung herein.
       
       Um die Patientinnen zu schützen, gibt es alles, was es in den fünf oberen
       Etagen gibt, auch einmal in kleinerer Ausführung im Souterrain. Vor den
       meisten der winzigen Fenster in den massiven Fundamentwänden aus der
       Sowjetzeit sind Sandsäcke gestapelt. Im breiten Korridor sind Liegen
       aufgebaut, damit sich die Schwangeren und Wöchnerinnen ausruhen können.
       Gibt es Luftalarm in der Region, müssen alle in die Schutzräume. Unter
       Umständen kann das auch mehrere Stunden dauern.
       
       ## Frühlingssonne und Kaffee
       
       Wenige hundert Meter entfernt befindet sich der Campus der
       Vasyl-Stefanyk-Universität. Am Nachmittag herrscht auf dem Campus ein
       Kommen und Gehen. Viele StudentInnen sitzen auf dem Innenhof in der
       Frühlingssonne und trinken Kaffee. Valeriia Merts und Mariia Kubarych sind
       beide 20 Jahre alt und studieren Deutsch und Englisch. Nach dem Seminar
       haben sie etwas Zeit.
       
       Mariia kommt aus der Region und lebt in einem Studentenheim ebenfalls in
       der Innenstadt. Dort sei sie auch während des Angriffs im März gewesen,
       erzählt sie. Die Explosion habe sie an jenem Tag deutlich gehört und sich
       sehr erschrocken. „Danach habe ich mir vorgenommen, die Alarme ernster zu
       nehmen und in den Schutzraum zu gehen.“ Aber mit etwas zeitlichem Abstand
       sei sie wieder nachlässiger geworden.
       
       Valeriia kommt aus der östlichen Region Charkiw, wo russischer Beschuss
       viel häufiger ist. Sie sei aber nicht aus Angst vor den Kämpfen in den
       Westen des Landes geflohen, stellt sie klar. „Ich wollte in Präsenz
       studieren. In Charkiw ist das nicht möglich.“ Die Alarme in Iwano-Frankiwsk
       habe sie lange Zeit nicht sehr ernst genommen. Es sei einfach zu selten
       wirklich gefährlich, um sein Leben danach auszurichten. Das sei es ja, was
       Moskau beabsichtige: „Unser Leben auf die eine oder andere Weise zu
       zerstören.“
       
       Am 13. Mai wurde Iwano-Frankiwsk erneut attackiert. An dem Tag schickte
       Russland tagsüber insgesamt rund 800 Angriffsdrohnen in das Nachbarland,
       auch in die Unistadt. Vor allem Städte im Westen der Ukraine waren das
       Ziel. In Iwano-Frankiwsk traf eine Schahed-Drohne einen achtstöckigen
       Plattenbaublock aus der Sowjetzeit – ebenfalls im Stadtzentrum, eine
       Querstraße entfernt von der Geburtsklinik. Mehrere Wohnungen brannten aus,
       weitere wurden durch das Löschwasser beschädigt. Zehn Menschen wurden
       verletzt. Es gab mehrere Tote. Es ist nur die Bilanz eines einzigen
       Kriegstags.
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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