# taz.de -- Archivierung von Websites: Wider die Amnesie des Netzes
       
       > Seit 2022 soll die Berliner Landesbibliothek auch digitale Publikationen
       > inklusive Websites aufbewahren. Mit 40 Online-Angeboten hat sie
       > angefangen.
       
 (IMG) Bild: Soll zumindest exemplarisch reduziert werden: das Verschwinden von Websites
       
       1844 erwarb der Berliner Ökonom Adolf Kiepert das Rittergut Marienfelde,
       baute das Gutshaus im klassizistischen Stil um und machte aus dem Gutspark
       einen gartenbaulichen Musterbetrieb. Weil Kiepert Reichstagsabgeordneter
       war und weil er 1885 die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG)
       gründete, die es bis heute gibt, hat er einen Wikipedia-Eintrag.
       
       Ursula Neumann hat das Gutshaus Marienfelde ganz anders in Erinnerung: In
       ihrer Kindheit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bekam sie dort die
       „Schwedenspeisung“, ausgegeben von schwedischen Rotkreuzschwestern: eine
       warme Suppe, ein Löffel Lebertran und eine Scheibe Knäckebrot mit dickem
       gelben Käse.
       
       Frau Neumann hat zwar keinen Wikipedia-Eintrag, aber dafür lebhafte
       Erinnerungen an die Nachkriegszeit. Ihre Klassenlehrerin war gewalttätig.
       Im Kloster zum Guten Hirten verdienten sich die Schwestern ihr Geld mit
       Wäschewaschen. Sie war dabei, als der Berliner Bürgermeister Reuter 1952
       den Grundstein für das [1][Notaufnahmelager Marienfelde] legte. „Es waren
       alles keine Weltereignisse, die ich zu erzählen hatte, aber ich denke mir,
       oft sind es die Kleinigkeiten, die das Leben bunt und interessant machen“,
       findet Neumann.
       
       All das erfährt man aus ihren handschriftlichen Notizen, die [2][auf der
       Website mein-marienfelde.de] veröffentlicht worden sind. Die wird seit über
       einem Jahrzehnt von dem ehemaligen Grundschullehrer Godwin T. Petermann für
       den Arbeitskreis Historisches Marienfelde betrieben.
       
       Man findet dort auch ausführliche Informationen über den Architekten Bruno
       Möhring, von dem zahlreiche Jugendstilgebäude und der Bebauungsplan von
       Neu-Marienfelde stammen. Über 2.000 historische Fotos aus der Sammlung des
       Lokalhistorikers Hans-Werner Fabarius, die in einer professionellen
       Datenbank durchsucht werden können. Und unzählige weitere Dokumente,
       Broschüren und Buchkapitel über den Ortsteil am Berliner Stadtrand.
       
       ## Geschichte aus der Perspektive einfacher Leute
       
       mein-marienfelde.de ist nur ein Beispiel für Tausende von Websites zur
       Heimatgeschichte, die in Deutschland von Amateuren mit viel Einsatz
       betrieben werden und Geschichte aus der Perspektive einfacher Leute
       erzählen. Solange es sie noch gibt.
       
       Denn bisher sind sie vom Verschwinden bedroht, wenn ihre Betreiber
       aufgeben. Dann würden mit ihnen auch auf einen Schlag die Informationen,
       Bilder und eingescannten Dokumente verschwinden, die in oft
       jahrzehntelanger ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragen wurden. In
       Deutschland gibt es bisher kein Archiv, das Websites als historische
       Quellen systematisch aufbewahrt.
       
       Wenigstens mein-marienfelde.de allerdings soll erhalten bleiben. Denn diese
       Website gehört zu den ersten 40 Onlineangeboten, die von der Zentral- und
       Landesbibliothek Berlin (ZLB) dauerhaft aufbewahrt werden. Im neu
       eingerichteten [3][Webarchiv der ZLB] findet sie sich zusammen mit den
       Onlineangeboten des Zirkus Cabuwazi, der Club Commission, der Berliner
       Geschichtswerkstatt oder dem Kunstfestival 48 Stunden Neukölln.
       
       Seit 2022 gehört es zum Auftrag der Berliner Landesbibliothek, auch
       digitale Publikationen inklusive Websites zu sammeln. In Rheinland-Pfalz
       hat das Landesbibliothekszentrum bereits vor zwanzig Jahren damit begonnen,
       lokale Websites zu sammeln. Die Verleger gedruckter Bücher müssen schon
       seit Jahrzehnten Pflichtexemplare ihrer Publikationen bei ihren jeweiligen
       Landesbibliotheken abliefern.
       
       ## Copyright und andere Probleme
       
       Doch die Archivierung von Websites ist technisch und logistisch keine
       triviale Aufgabe: Internettechnologien ändern sich schnell, und das
       Webdesign von 2012 ist mit dem neuesten Browser vielleicht schon gar nicht
       mehr darstellbar. Außerdem sind Websites dynamische Medien, die dauernd
       umgebaut und aktualisiert werden. Und es gibt komplizierte
       Copyrightprobleme, denn oft verwenden Amateure auf ihren Websites Bilder
       und Gestaltungselemente, an denen sie gar keine Rechte haben.
       
       In Berlin hat es der Website kiezblogs.de zufolge – die inzwischen selbst
       nicht mehr online ist – 2015 rund 150 lokale Blogs gegeben. Heute sind die
       meisten verschwunden. Das Internet vergisst nicht? Weit gefehlt. Viel von
       dem kleinteiligen dokumentarischen Gewebe, das Lokaljournalismus von
       Amateuren im Web einmal gesponnen hat, ist längst im digitalen Nirvana
       verschwunden: Berichte von Bürgerversammlungen, Porträts inzwischen
       verschwundener Kneipen, Fotos von Kiezfesten in Baulücken, die inzwischen
       geschlossen wurden. Wer die Geschichte der Berliner Blogosphäre zwischen
       2005 und 2015 rekonstruieren will, stößt schon jetzt auf Lücken, die sich
       nicht mehr schließen lassen.
       
       [4][Die amerikanische Initiative Archive.org], die regelmäßig Snapshots von
       Websites anlegt, ist da zwar eine fantastische Ressource. Aber als
       spendenfinanzierte NGO ist sie selbst latent vom Verschwinden bedroht –
       besonders seit Hacker begonnen haben, die Websammlung anzugreifen. Und bei
       Archive.org werden auch immer nur Teile von Websites aufbewahrt.
       
       Das ist bei der Sammlung der ZLB anders: Die Netzarchivarinnen Almut Pape
       und Leonie Rodrian haben seit 2023 in Zusammenarbeit mit den
       Stadtteilbibliotheken Berlins zunächst 40 Websites ausgesucht, von denen
       nun jährlich komplette Kopien dauerhaft ins Archiv genommen werden. Diese
       sind auch im Katalog der ZLB verzeichnet. Dass diese Auswahl nur „ein
       winziger Bruchteil der digitalen Alltagskultur“ ist, räumt Almut Pape ein.
       Trotzdem ist ihre Sammlung ein echter Paradigmenwechsel, nachdem deutsche
       Bibliotheken bei der Archivierung von Websites jahrelang weggesehen haben.
       
       Godwin T. Petermann, der die Website mein-marienfelde.de seit über einem
       Jahrzehnt immer weiter entwickelt, ist froh, dass sie dauerhaft gesichert
       ist: „Als Dokument ist sie wichtig“, sagt der 75-Jährige, der sich den
       Webcode HTML in den 1990er Jahren selbst beigebracht hat und manchmal bis
       lange nach Mitternacht an kniffeligen Gestaltungsproblemen laboriert.
       
       Die ZLB bietet ihren Nutzern regelmäßig Workshops an, bei denen jeder
       angehende Webarchivar lernen kann, wie er mit dem Programm Webrecorder
       selbst ein eigenes Websitesarchiv anlegen kann. Und damit dazu beiträgt,
       die digitalen „Kleinigkeiten, die das Leben bunt und interessant machen“,
       zu erhalten.
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Notaufnahmelager-Berlin-Marienfelde/!6078009
 (DIR) [2] http://mein-marienfelde.de/
 (DIR) [3] https://digital.zlb.de/viewer/webarchiv/
 (DIR) [4] /Aus-Angst-vor-KI-Einige-Medien-schliessen-das-Internet-Archive-aus/!6170890
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tilman Baumgärtel
       
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