# taz.de -- Sommerferien in der Ukraine: Berge, Strand und Drohnen
       
       > Urlaub vom Krieg ist in der Ukraine praktisch unmöglich. Urlaub im Krieg
       > geht aber. Die Sommerferien verbringen viele in den Karpaten. Auch Lwiw
       > und Odessa sind beliebt.
       
 (IMG) Bild: Inzwischen sind die meisten Strände in Odessa mit Schutzräumen aus Beton ausgestattet
       
       Es riecht nach Nadelwald, nebenan plätschert ein Bergbach. Am oberen Ende
       der Seilbahn steht ein Jugendlicher mit Schutzhelm und Sicherheitsgurt auf
       einem Podest. Als er sich in das über ihm gespannte Seil fallen lässt, hört
       man einen spitzen Freudenschrei. Wenige Augenblicke später ist er mehrere
       Dutzend Meter den Hang hinabgeschwungen.
       
       Es ist Mitte August, in den ukrainischen Karpaten hängt die Sommerhitze wie
       eine Glocke über dem Tal des Flusses Tscheremosch. 110 Teenager verbringen
       zehn Tage in einem Ferienlager nahe dem kleinen Dorf Kryworywna. Einige von
       ihnen sind extra aus den Ländern zurückgekommen, in die sie vor dem Krieg
       Russlands gegen die Ukraine geflohen sind.
       
       Von Juni bis Ende August haben auch die Schulkinder in der Ukraine
       Sommerferien. Menschen machen Urlaub. Und die, die nicht ins Ausland dürfen
       oder es sich nicht leisten können, suchen nach Erholung im Inland. Der
       Ausstieg aus dem Alltag wirkt unter den erschwerten Bedingungen noch
       verlockender. Zu den Hauptzielen gehören die Karpaten, der Westen des
       Landes mit der Großstadt Lwiw und die Schwarzmeermetropole Odessa.
       
       Auf einem Holzpodest am unteren Ende des Hangs sitzt eine Gruppe Teenager
       und wartet auf ihre nächste Runde mit der Seilbahn. Eine davon ist Melania.
       Die 16-Jährige hat schon ihren roten Schutzhelm auf. Über der beigen
       Jogginghose hat sie Sicherungsgurte um Taille und Hüfte gespannt. Melania
       stellt sich als Melany vor. So werde sie in Großbritannien genannt, wo sie
       seit Beginn von Russlands großangelegter Invasion mit ihrer Mutter lebt.
       Seitdem komme sie jeden Sommer für das Camp in den Karpaten zurück.
       
       Begeisterung schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie über das Camp spricht.
       „Das wichtigste ist, dass ich meine Freunde wiedersehen kann.“ Aber auch
       das Programm sei toll. „Immer gibt es etwas zu tun und oft sind neue
       Aktivitäten dabei, wie das da“, sagt sie und zeigt auf einen
       Geschicklichkeitspfad, der ein paar Meter weiter aufgebaut ist. Dort ist
       ein Gurt zwischen zwei Bäumen gespannt, auf dem die Teenager balancieren.
       Daneben hängen Holzbretter und Baumstämme an Seilen einen knappen Meter
       über dem Boden. Social Media haben sie hier fast vergessen. Nur abends
       dürfen die TeilnehmerInnen ihre Smartphones benutzen, auch, um mit den
       Eltern zu telefonieren.
       
       Auch Polina hat schon mehrmals am Camp teilgenommen. Einige der
       TeilnehmerInnen und BetreuerInnen kenne sie schon aus den Vorjahren. „Für
       mich ist es die beste Zeit im ganzen Jahr“, sagt sie. Sie zeigt zu dem
       gespannten Seil am Hang. „Wenn man den Schritt von der Plattform macht,
       fühlt man, dass das Seil leicht nachgibt. Und dann geht alles ganz
       schnell.“
       
       Polina lebt mit ihrer Familie in Kyjiw. Dort gibt es inzwischen
       [1][praktisch täglich Luftalarm]. Immer wieder wird die Stadt schwer
       getroffen. „Natürlich ist es hier in den Bergen viel ruhiger.“ Nie höre man
       Sirenen. Aber mittlerweile könne sie auch in Kyjiw durchschlafen. „Ich bin
       damit aufgewachsen. Man gewöhnt sich an alles.“ Auch nach dem
       Schulabschluss in zwei Jahren will sie bleiben. „Ich will in Kyjiw
       studieren“, sagt sie.
       
       Ferienlager sind in der Ukraine populär. Die Schulferien sind lang, so viel
       Urlaub haben Eltern in der Regel nicht. Schon zu Sowjetzeiten gab es große
       Camps auf der Krim oder am Asowschen Meer. Doch diese Regionen sind von
       Moskaus Truppen besetzt. Die Karpaten unweit der Grenzen zu Rumänien,
       Ungarn und der Slowakei sind so weit weg von der Front, wie es in der
       Ukraine nur geht.
       
       Der Anbieter Strokatoi Enoty, was so viel wie „bunte Waschbären“ bedeutet,
       ist erst seit 2018 auf dem Markt. Über die Jahre hat er sein Programm
       ausgeweitet. Inzwischen bietet er im Sommer alleine hier in den Karpaten
       sieben Durchgänge à zehn Tage für Kinder verschiedener Altersgruppen an.
       480 Euro zahlen die Eltern dafür pro Kind. Mittlerweile können Jugendliche
       mit Strokatoi Enoty auch im Winter in Camps fahren, in denen sie
       beispielsweise Skifahren lernen.
       
       „Wir haben hier 20 Mentoren, die sich um die Kids kümmern“, erzählt
       Campleiter Anatoli Steliha bei einem Rundgang. „Und jeder bringt eigene
       Fähigkeiten und Erfahrungen ein.“ Die beruflichen Hintergründe seien ganz
       verschieden. Es gebe PsychologInnen, HandwerkerInnen, KünstlerInnen. Er
       selbst arbeite in seiner Heimatstadt Ternopil als Trainer für Mixed Martial
       Arts und als Betreuer für Menschen mit Einschränkungen.
       
       Etwas später wird weiter oben am Hang gesägt. Eine Gruppe lernt
       „[2][Bushcraft]“. Es geht darum, mit wenig Werkzeug einfache Bauten im Wald
       zu errichten. Eine Stichsäge und eine kleine Axt hat die Gruppe dabei. Die
       Holzstöcke werden nicht mit Nägeln, sondern mit Stricken verbunden. Dabei
       müssen die Teilnehmer zusammenarbeiten und die Aufgaben aufteilen.
       
       Bogdan arbeitet mit der Stichsäge. Damit trennt er dünne Zweige ab, die
       viel Laub tragen. Das soll später ein dichtes Dach für die Hütte geben, von
       dem der Regen ablaufen kann. Er gehört sozusagen schon zum Inventar bei
       Strokatoi Enoty. „Das ist mein 15. Camp in fünf Jahren“, erzählt er. Neben
       dem Spaß dabei, sei es für ihn auch ein Weg, mit seiner Heimat in Kontakt
       zu bleiben. 2022 sei er mit seiner Mutter nach England geflohen. Im
       nächsten Jahr will er die Schule abschließen. Einen Studienplatz habe er
       auch schon. „Cybersecurity. Ich glaube, das könnte gebraucht werden.“
       
       [3][Cyberangriffe sind ein fester Bestandteil von Russlands Kriegsführung]
       – nicht nur gegen die Ukraine, und auch schon vor 2022. So gab es 2015 und
       2016 Hackerangriffe auf die ukrainische Stromversorgung. Erst im Juli hatte
       das Auswärtige Amt den russischen Botschafter einbestellt: Hacker im
       Auftrag russischer Geheimdienste sollen Angriffe gegen Deutschland und
       weitere EU-Länder verübt haben. Und in Großbritannien sollen russische
       Hacker die Anmeldedaten von RegierungsmitarbeiterInnen gestohlen haben.
       
       Das Camp in Kryworywnya wurde erst vor wenigen Jahren errichtet: Mehrere
       Holzhäuser im typischen Stil der Region schmiegen sich in ein enges Tal.
       Ringsum sind bewaldete Berge. In der Mitte gibt es eine Wiese, auf der sich
       mehrmals täglich alle versammeln. Dazu ein Fußball- und ein Basketballplatz
       und halb offene Hütten, um regen- und sonnengeschützt an der frischen Luft
       zu sein.
       
       An diesem Tag können die TeilnehmerInnen zum Beispiel lernen, wie Seife
       hergestellt wird und Armbänder geknüpft. Eine Gruppe geht wandern in den
       Bergen, eine andere spielt Strikeball im Wald. In einer Mensa wird frisch
       gekocht: Pilzsuppe, Krautsalat, Buchweizen und überbackenes Fischfilet.
       
       Ganz ausblenden lässt sich der Krieg auch in der Bergidylle nicht. In der
       Ecke eines der Holzhäuser steht ein symbolischer Baum der Erinnerung: An
       einem Ast können die Teenager Briefe an Menschen aufhängen, die sie
       vermissen – gefallene Väter oder Onkel, oder Verwandte und Freunde, die an
       der Front kämpfen. Auch mehrere Betreuer aus dem Team sind Soldaten in der
       ukrainischen Armee. An zwei Gefallene erinnert das Team auf seiner
       Webseite.
       
       Nach dem Mittagessen sagt Campleiter Steliha das geplante Programm für den
       Nachmittag ab. „Zu heiß heute“, sagt er. Stattdessen plant er eine
       Strandparty. „Bloß, dass wir keinen Strand haben.“ Die BetreuerInnen bauen
       also einen aufblasbaren Pool und allerlei Liegestühle auf. Eine
       Plastikplane wird auf eine abschüssige Wiese gelegt und soll später als
       Wasserrutsche dienen. Schilder weisen wie am Strand darauf hin, dass man
       nicht bis hinter die Markierung schwimmen und seine Besitztümer nicht aus
       den Augen lassen soll. Aus Boxen tönt Musik.
       
       ## Städteurlaub in Lwiw
       
       [4][250 Kilometer weiter nördlich in Lwiw] herrscht in der
       Touristeninformation im Hochparterre des historischen Rathauses reger
       Betrieb. Die Saison laufe gut, erzählt eine der Mitarbeiterinnen, bei denen
       man Stadtführungen buchen kann. „Wenn das Wetter gut ist, wie heute, wollen
       alle auf den Rathausturm steigen wegen der guten Aussicht über die ganze
       Altstadt.“ Sie empfiehlt einen Rundgang zu den „zehn Wundern von Lwiw“,
       architektonisch interessante Gebäude aus verschiedenen Epochen. Dabei
       bekomme man unterwegs gleich noch etwas von der Stadt zu sehen. Umgerechnet
       fünf Euro koste das.
       
       Das Angebot überzeugt offenbar. Zwei Stunden später stehen am Treffpunkt an
       einer Ecke des Marktplatzes mehr als 50 TeilnehmerInnen mit ihren Tickets.
       Ein Mitarbeiter der Touristeninfo teilt die Wartenden in vier Gruppen auf.
       Fremdenführerin Ludmilla stellt sich lediglich mit Vornamen vor und bittet
       gleich zum ersten Museum, einem Renaissancepalast aus dem 16. Jahrhundert.
       Sie legt ein beachtliches Tempo vor und schafft die zehn Sehenswürdigkeiten
       in zweieinhalb statt drei Stunden.
       
       In der Gruppe mit 13 TeilnehmerInnen ist ein einziger erwachsener Mann. Bis
       auf einen Teenager sind alle anderen Frauen. Die meisten im Alter 40
       aufwärts. Maria und Viktoria sind aus Kyjiw. Ihre Männer seien in der
       Armee, erzählen sie, und die Kinder schon aus dem Haus. „Wenn wir eine gute
       Zeit haben wollen, müssen wir eben zusammen losziehen“, sagt Maria, die
       ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Nach ein paar ruhigen Tagen in den
       Karpaten sei nun das Kulturprogramm an der Reihe. „Es ist doch toll hier“,
       sagt sie und deutet auf die Gebäude ringsum im Unseco-Welterbe der
       historischen Altstadt. „Und gutes Essen und Getränke gibt es auch.“
       
       Natürlich seien sie auch froh, dass es im Westen der Ukraine weniger
       Luftangriffe gebe, sagt Viktoria. „Die vergangenen Wochen in Kyjiw waren
       sehr unruhig.“ Und sie wisse auch, dass es nach dem Urlaub wieder so sein
       werde. Aber umso mehr wolle sie etwas Abwechslung haben. „Wenn ich wieder
       in den Luftschutzraum muss, dann wenigstens gut erholt.“
       
       Lwiw ist die westlichste Großstadt der Ukraine. Nur rund 90 Kilometer sind
       es bis zur polnischen Grenze. Das schützt die Stadt nicht vor Angriffen.
       Auch Todesopfer gab es schon mehrmals. Aber die Attacken sind seltener als
       in den Regionen weiter östlich. Die Stadt mit ihrer langen Geschichte und
       einer gut erhaltenen historischen Altstadt ist schon seit vielen Jahren
       Ziel für Städtetouristen.
       
       Das ist auch während des Krieges so. Die Zahlen zeigen nach einem Einbruch
       wieder nach oben, weiß Stadtsprecherin Iryna Salo. „Im Jahr 2025 wurde ein
       moderater Anstieg des Touristenaufkommens in Lwiw verzeichnet.“ Die Zahl
       der TouristInnen in der Stadt habe fast 1,8 Millionen erreicht – rund
       63.000 mehr als 2024. Von Spitzenwerten ist man aber weit entfernt. 2019 –
       vor der Pandemie und vor Beginn der umfassenden Invasion – wurde Lwiw laut
       der amtlichen Statistik von rund 2,5 Millionen TouristInnen besucht.
       Gezählt werden dabei nur Gäste in Herbergsbetrieben. Wer bei FreundInnen
       oder Bekannten unterkommt, taucht nicht in der Statistik auf.
       
       Allerdings trifft man kaum noch Reisende aus dem Ausland. Seit Beginn der
       russischen Vollinvasion habe sich die Zusammensetzung des Touristenstroms
       nach Lwiw erheblich verändert, so Salo. „Inländische Besucher machen
       inzwischen einen deutlich größeren Anteil aus.“ Die kämen oft auch aus
       beruflichen Gründen, für Verwandtenbesuche oder weil sie
       Freiwilligeninitiativen unterstützten.
       
       Zuletzt habe sich aber auch bei den ausländischen BesucherInnen etwas
       getan. „Ihre Zahl stieg im vergangenen Jahr um fast 18,5 Prozent.“ Im Jahr
       2025 kamen demnach die meisten ausländischen BesucherInnen aus Polen,
       Deutschland, Italien, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden.
       
       ## Gästezahlen in Odessa wieder gestiegen
       
       Ähnlich entwickeln sich die Touristenzahlen in [5][Odessa, der
       Millionenstadt rund 700 Kilometer weiter südöstlich am Schwarzen Meer].
       Nachdem die Saison 2022 praktisch ausgefallen war, habe die Stadt im
       vergangenen Jahr bis zu 3,1 Millionen BesucherInnen verzeichnet, erfährt
       man im Rathaus. Inzwischen sind die meisten Strände im Stadtgebiet wieder
       geöffnet und mit Schutzräumen aus Beton ausgestattet. Die Einnahmen aus der
       Übernachtungssteuer für TouristInnen haben sich demnach fast verdreifacht.
       
       Damit hören die Parallelen aber auch schon auf, denn ruhig ist es in Odessa
       überhaupt nicht. Praktisch täglich wird die Stadt vom russischem Militär
       beschossen. Von den einfachen propellergetriebenen Drohnen über
       Marschflugkörper bis zu ballistischen Raketen ist alles dabei, was Moskaus
       Militärarsenal zu bieten hat.
       
       Dennoch ist die Stadt in den Schulferien voller Besucher. Weder die Schäden
       noch die anhaltende Gefahr stoppen den Touristenstrom in diesem Jahr. Auch
       die ukrainische Eisenbahn lässt mehr Züge fahren. Hotels, die zu Anfang der
       großangelegten russischen Invasion 2022 noch geschlossen waren, haben
       wieder geöffnet. Statt Rabattangebote werden höhere Preise verlangt. Viele
       Unterkünfte sind ausgebucht. Einheimische freuen sich schon darauf, wenn
       sie im September ihre Stadt wieder für sich haben.
       
       Am Widrada-Strand nahe dem Stadtzentrum von Odessa herrscht an einem
       Nachmittag bestes Badewetter: 26 Grad, eine leichte Brise, hin und wieder
       zieht eine Wolke vorbei, die Wellen plätschern sanft an den breiten
       Sandstrand. Hunderte BesucherInnen haben es sich auf ihren Handtüchern
       bequem gemacht, Kinder bauen Sandburgen, Teenager schubsen sich kichernd
       gegenseitig ins Wasser. Der Eintritt ist frei und es gibt Platz für alle.
       Es könnte eine Sommeridylle sein.
       
       Dann fängt die Sirene an zu heulen und in den einschlägigen
       Telegram-Kanälen wird vor russischen Flugzeugen über dem Meer gewarnt. Sie
       könnten Raketen abfeuern, die in wenigen Minuten auch diesen Strand treffen
       können. Man soll schnell Schutz suchen. Die Badegäste irritiert das
       augenscheinlich nicht. Keiner von ihnen bewegt sich weg. Nur ein paar
       schauen auf ihre Telefone. Die Eisverkäuferin am Zugang zum Strand ist die
       Einzige, die zu einem nahegelegenen Schutzraum aus Beton geht. Dabei ist
       die Gefahr nicht abstrakt: Zwei Wochen zuvor wurde genau an diesem Strand
       eine Besucherin aus Kyjiw vom Splitter einer explodierenden russischen
       Langstreckendrohne am Hals getroffen. Die 26-Jährige war nicht zu retten.
       
       Noch während die Sirene heult, schallt ein dumpfes Explosionsgeräusch über
       den Strand. Die fehlende Druckwelle deutet darauf hin, dass der Ursprung
       wohl einige Kilometer entfernt gewesen sein muss. Bald danach wird
       gemeldet, dass der Bereich des etwa 30 Kilometer entfernten Hafens Piwdenne
       getroffen wurde.
       
       Lidia, ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, hat einen guten Überblick,
       was am Strand los ist. Sie kassiert das Eintrittsgeld an der öffentlichen
       Toilette und sorgt für Sauberkeit. „Jeden zweiten Tag arbeite ich hier“,
       sagt sie. Die Getötete und deren Begleiterinnen habe sie an jenem Tag
       gesehen. „Ich habe ihnen noch gesagt, sie könnten auch hier hineinkommen,
       wenn ihnen der Weg zum Schutzraum zu weit ist.“ Das Toilettenhäuschen ist
       aus Beton und der Sichtschutz vor den Eingängen dürfte Splitter abhalten.
       
       Zu Odessas Sommergästen zählt auch Kateryna Tschulkova. Sie bevorzuge
       ohnehin Strände, die etwas weiter vom Zentrum entfernt sind, weil es dort
       mehr Platz gebe. „Außerdem habe ich subjektiv das Gefühl, dort sicherer zu
       sein, da es weiter vom Hafen entfernt ist“, sagt die 36-Jährige. Sie kennt
       sich aus. Tschulkova lebt schon viele Jahre in der Hauptstadt Kyjiw, ist
       aber in Odessa aufgewachsen. Die Reise sei auch eine gute Gelegenheit,
       Familie und alte FreundInnen wiederzutreffen.
       
       Im Ausland Urlaub zu machen, war für sie keine Option. Sie wollte die Zeit
       unbedingt mit ihrem Ehemann verbringen, der Soldat in der ukrainischen
       Armee ist und einen seltenen Urlaub bekommen hat. Zwei Wochen im Juli haben
       sie in der Stadt verbracht. „Wir sind fast jeden Tag ans Meer gegangen.“
       
       Dass die Stadt oft angegriffen wird, sei ihr natürlich bewusst gewesen.
       Aber besondere Vorbereitungen habe sie nicht getroffen. „Ich wohne in
       Kyjiw, und leider haben wir uns mittlerweile einigermaßen an Luftalarm und
       Beschuss gewöhnt“, sagt sie.
       
       Luftalarm in Odessa habe sie etwas anders wahrgenommen. Dort dauere der
       Luftalarm oft wesentlich länger an als in Kyjiw, aber die meisten Drohnen
       würden abgefangen. In Kyjiw gebe es oft zwar kürzere, aber koordinierte
       Großangriffe. Das fühle sich schon beängstigender an, „wenn zahlreiche
       ballistische Raketen sowie Drohnen gleichzeitig eintreffen“. Während ihrer
       Zeit in Odessa sei einmal nach einem Angriff der Strom ausgefallen, erzählt
       Tschulkova. „In der ganzen Stadt liefen dann die Generatoren.“ In Kyjiw
       kenne sie das nur aus dem Winter.
       
       [6][Im vergangenen Winter hatte Russland über Monate gezielt die
       Energieinfrastruktur angegriffen]. In Kyjiw und anderen Städten häuften
       sich nicht nur die Stromabschaltungen, sondern auch die Fernwärme fiel aus
       – mancherorts dauerhaft. Für den nächsten Winter wird Ähnliches erwartet.
       Nur, dass bereits viel zerstört ist und nur wenig repariert. Staatliche
       Stellen und auch die Bewohner selbst versuchen die Notstromversorgung zu
       dezentralisieren und schaffen sich Stromspeicher an.
       
       Trotz allem habe sie richtig gut abschalten können. „Natürlich trübt der
       Luftalarm die Entspannung, doch leider ist das heute unsere Realität.“ Sie
       möchte einfach – zumindest für eine Weile – das Gefühl haben, ein normales
       Leben zu führen: geliebte Menschen sehen, ans Meer fahren, spazieren gehen,
       sich entspannen und einfach Zeit mit den Menschen verbringen, die einem am
       Herzen liegen. Der Winter kommt noch früh genug.
       
       27 Aug 2026
       
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