# taz.de -- Ukrainisch-polnische Beziehungen: Streit um polnischen Orden und eine ukrainische Einheit
> Der polnische Präsident will Selenskyj wegen einer umstrittenen
> Namensgebung einen Orden aberkennen, auch die polnische Bevölkerung ist
> empört.
(IMG) Bild: Auch damals schon ratlos angesichts der Verwerfungen mit Polen. Selenskyj im Dezember 2025 in Warschau
Tagelang heizte Polens Präsident [1][Karol Nawrocki] die antiukrainische
Stimmung im Land an: „Eine Ukraine, die Mörder und Banditen glorifiziert,
kann nicht in die EU aufgenommen werden.“ Nawrocki forderte die Jury des
Ordens „Weißer Adler“ auf, dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
den höchsten Staatsorden Polens abzuerkennen. Es gebe „keinen Platz mehr
für Diplomatie“ in dieser Frage. Umfragen zufolge spricht sich die Mehrheit
der Polen für eine Aberkennung des polnischen Ordens aus.
Stein des Anstoßes: Ende Mai gab Selenskyj einer militärischen
Spezialeinheit den Namen „Helden der UPA“. [2][Einige Einheiten dieser
„Ukrainischen Aufstandsarmee“ hatten 1943, als das Ende des Zweiten
Weltkriegs schon absehbar war, Massaker an polnischen und jüdischen
Zivilisten verübt.]
Ziel der Terror-Partisanen war eine ethnische Säuberung von Wolhynien und
Ostgalizien, um bei den anstehenden Friedensverhandlungen einen
international anerkannten Ukrainischen Staat ausrufen zu können.
Da viele in Wolhynien ansässige Polen den UPA-Aufrufen zur Flucht nicht
nachkommen wollten, begannen ukrainische Partisanen damit, polnische Dörfer
abzufackeln und dem Erdboden gleichzumachen. Sie vertrieben die polnischen
und jüdischen Einwohner und ermordeten bis zu 100.000 Menschen. Vor genau
zehn Jahren, im Juli 2016, entschied Polens Parlament, diese Massaker als
„Völkermord“ einzustufen.
## Viele Ukrainer verehren die UPA
Viele Ukrainer aber verehren die UPA, die bis Mitte der 1950er Jahre gegen
russische Sowjets kämpfte, als eine ukrainische Armee, die für die Freiheit
und Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte. Von den Massakern an polnischen und
jüdischen Zivilisten wissen viele kaum etwas. Kritische Aufarbeitung der
Vergangenheit gehörte – wie auch in Polen – nicht zu den Kernaufgaben des
Geschichtsunterrichts. Auch ukrainische Medien berichten darüber nur
selten.
Nun also soll Selenskyj der berühmte Orden „Weißer Adler“ wieder aberkannt
werden, den ihm Präsident Andrzej Duda, der Amtsvorgänger Nawrockis, erst
vor drei Jahren verliehen hatte. Es sollte eine Wertschätzung sein für
„seine außergewöhnlichen Verdienste um die Sicherheit, den Schutz der
Menschenrechte sowie für die Entwicklung und Vertiefung guter Beziehungen
zwischen Polen und der Ukraine“.
Den außerhalb der Ukraine nur schwer verständlichen Kult um die UPA und
deren Chefs Stepan Bandera und Andryj Melnyk gab es auch da schon.
Selenskyj förderte ihn nicht, tat aber auch nichts zu seiner Eindämmung.
Wichtiger als die Auseinandersetzung mit der UPA, ihrer nationalistischen
Ideologie und ihrer zum Teil monströsen Verbrechen war ihm die aktuelle
Verteidigung des Landes nach der Vollinvasion Russlands in die Ukraine 2022
und die Suche nach Verbündeten in Europa und den USA.
Auch in Polen waren 2022 viele Menschen in der Lage, historische
Streitigkeiten zu vergessen und den Ukrainern im Krieg solidarisch zur
Seite zu stehen. Zudem finanzierte der polnische Staat die private Hilfe
mit großzügigen Zuschüssen. Als dieses Hilfsprogramm nach rund anderthalb
Jahren auslief und immer mehr Geflüchtete gut alleine zurechtkamen, Arbeit
fanden, Wohnungen kauften und sogar Urlaub machten, begann die Stimmung in
Polen zu kippen.
## Warum ehrte Selenskyj die UPA?
Troll-Fabriken aus [3][Russland] schürten insbesondere den Sozialneid auf
die Geflüchteten, und im März dieses Jahres verabschiedeten Polens
Regierung, Parlament und Präsident ein Gesetz zum Auslaufen der
Hilfeleistungen, das zehntausende ukrainische Arme, Behinderte,
Schwerkranke und deren Betreuer in extreme Armut stürzen ließ. Kein Land
Europas, schrieb damals die linksliberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza,
behandle ukrainische Geflüchtete so schlecht wie Polen.
Warum Selenskyj, der vor Kurzem erst wieder weitere Exhumierungen von
UPA-Opfern in Wolhynien genehmigte, der Militäreinheit mit höchstens 1.500
Soldaten den Namen „Helden der UPA“ gab, ist nicht klar. Auf Wunsch der
Soldaten? Oder weil er ganz bewusst eine Diskussion anstoßen wollte, die
Polen und die Ukraine in jedem Fall vor dem EU-Beitritt der Ukraine führen
müssen?
Dass Polens Politiker aus der Namensgebung für eine kleine Spezialeinheit
eine Staatsaffäre machen würden, die innerhalb von Tagen außer Kontrolle
geraten könnte, ahnte Selenskyj nicht. Zur Schadensbegrenzung schickte er
eine dreiköpfige Delegation nach Polen, die aber mit ihren
Kompromissvorschlägen sowohl beim polnischen Präsidenten als auch im
Außenministerium und beim stellvertretenden Premierminister abblitzte.
## Entscheidung aufgeschoben
Am Montagabend schickte Nawrocki nach der Sitzung der Ordens-Jury seinen
Pressesprecher vor. Mit Pokerface verkündete er, der Präsident werde seine
Entscheidung über die Aberkennung des Ordens „zu gegebener Zeit“ treffen.
Das Aufschieben der Entscheidung verschafft allen etwas Luft. Selenskyj
kann versuchen zu erläutern, dass es ihm nicht um die Mörder von 1943 geht,
die als „Helden“ gefeiert werden. Und in Polen können die Politiker
versuchen, der antiukrainischen Stimmung in der Gesellschaft
entgegenzuwirken.
9 Jun 2026
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(DIR) Gabriele Lesser
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