# taz.de -- Spannungen zwischen Warschau und Kyjiw: Diplomatischer Vollversager
> Selenskyj will nach dem von ihm ausgelösten Eklat nicht zur
> Wiederaufbaukonferenz nach Polen reisen. Nur jetzt keine weitere
> Eskalation riskieren.
(IMG) Bild: Diplomatisch ungeschickt: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hier bei der Wiederaufbaukonferenz 2025 in Rom
Nur gut, dass sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dazu
entschieden hat, der Wiederaufbaukonferenz im polnischen Gdańsk
fernzubleiben. In dem symbolträchtigen Ort gründete 1980 Lech Wałęsa die
unabhängige Gewerkschaft Solidarność – eine Bewegung, ohne die der
Zusammenbruch des sowjetisch dominierten Ostblocks kaum denkbar gewesen
wäre. Formal ist Selenskyjs Nichtteilnahme keine große Sache. So wurde der
polnische Präsident Karol Nawrocki gar nicht erst eingeladen.
Dem gastgebenden polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk wird die
ukrainische Ministerpräsidentin [1][Julija Swyrydenko] zur Seite stehen.
Dass Selenskyj nicht dabei ist, muss deshalb nicht unbedingt als Affront
empfunden werden, und doch ist es ein Novum. Bei allen anderen Konferenzen
war der ukrainische Präsident immer dabei. Dass er diesmal nicht nach Polen
kommen will, geht auf die Spannungen zwischen Warschau und Kyjiw zurück,
die sich aktuell immer mehr zuzuspitzen drohen.
Es zeugt nicht gerade von diplomatischem Fingerspitzengefühl, eine
ukrainische Armeeeinheit nach Kämpfern der ukrainischen Nationalisten von
der UPA zu benennen. Soldaten der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ hatten im
Zweiten Weltkrieg Zehntausende Polen ermordet. Selenskyj hätte wissen
müssen, dass eine solche Ehrung in Polen nicht gerade auf Gegenliebe stoßen
würde. Man kann nur kopfschüttelnd fragen, was den ukrainischen Präsidenten
[2][in Zeiten wie diesen] dazu treibt, die Beziehungen zum Nachbarn so
schwer zu belasten.
Selenskyj hat seinem persönlichen Ansehen geschadet. Umfragen zeigen, dass
eine Mehrheit in Polen die Forderung von Nawrocki unterstützt,
[3][Selenskyj den „Weißen Adler“ abzuerkennen]. Der höchste Staatsorden war
ihm erst vor drei Jahren für seine Verdienste um das bilaterale Verhältnis
verliehen worden. Eine Reise Selenskyjs nach Polen könnte den Zwist zum
aktuellen Zeitpunkt nur zusätzlich eskalieren lassen. Womöglich hätte sie
die gesamte Konferenz noch zum Scheitern gebracht.
24 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Bernhard Clasen
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