# taz.de -- Übergriffe auf Ukrainer in Polen: „Ich weiß, wo du wohnst!“
       
       > Die Stimmung gegenüber Ukrainern in Polen ist gekippt. Immer öfter kommt
       > es zu Angriffen. Präsident Karol Nawrocki zündelt mit an vorderster
       > Front.
       
 (IMG) Bild: Protestkundgebung gegen die Gewalt am 19. Juli in Warschau
       
       Drei Schläger verprügeln auf offener Straße ein junges ukrainisches Paar.
       Eine Kamera hoch oben in einem Wohnblock in Wrocław (Breslau) nimmt alles
       auf. Nestia und Maxim landen im Krankenhaus. Der Ukrainerin muss ein
       gerissenes Ohr genäht werden. Das verwackelte Video landet im Internet und
       später in den Hauptnachrichten im Fernsehen. In Gdynia (Gdingen) wird eine
       40-jährige Ukrainerin mit einem Spazierstock so stark auf den Kopf
       geschlagen, dass sie im Krankenhaus behandelt werden muss. Der mutmaßliche
       Täter, ein Pole, ist flüchtig.
       
       „Du kleine Hure“, pöbelt in Bielsko-Biała ein stämmiger Pole ein
       elfjähriges Mädchen aus der Ukraine an. Er wolle nicht, dass sie mit
       polnischem Geld durchgefüttert werde, bis sie groß sei. „Verpiss dich!“,
       grölt er in Hooligan-Manier. Dann droht er: „Ich weiß, wo du wohnst!“ – und
       packt zu.
       
       Die kleine Ukrainerin versucht die Nerven zu behalten, schreit erst
       trotzig: „Wo wohne ich denn?“, und dann voller Angst: „Lassen Sie mich
       los!“ Da erst greifen andere Passanten ein, überwältigen den Mann und rufen
       die Polizei. Da das Mädchen alles mit der Handykamera aufgenommen hat, gibt
       es einen gerichtsverwertbaren Beweis gegen den mutmaßlichen Täter. Sein
       Arbeitgeber hat ihn sofort entlassen.
       
       Im oberschlesischen Gliwice (Gleiwitz) wiederum missfällt es einem Polen,
       dass im Stadtpark auch eine Gruppe von Polen und Ukrainern gemeinsam
       grillt. Die Gruppe lässt sich von den vulgären Beleidigungen nicht
       provozieren, und der von Ausländerhass getriebene Mann muss sich
       zurückziehen. Doch er kommt wieder – diesmal mit Sturmhaube und
       Baseballschläger. Bevor er überwältigt werden kann, verletzt er einen
       Ukrainer so schwer, dass dieser ärztlich versorgt werden muss. Die Polizei
       kann den Flüchtigen schnell festnehmen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.
       
       ## Keine Einzelfälle
       
       Das sind keine Einzelfälle. Allein in den ersten sechs Monaten dieses
       Jahres stellten ukrainische Geflüchtete, aber auch Angehörige der
       ukrainischen Minderheit in Polen 180 Strafanzeigen wegen „Hassverbrechen“
       gegen sie. Das entspricht einer Steigerung von über 30 Prozent gegenüber
       dem gleichen Zeitraum im Vorjahr. Noch 2024 lag die Zahl bei 267
       Strafanzeigen. Im Jahr darauf – 2025 – war sie schon auf 275 gestiegen.
       Dabei würden sehr viele Straftaten gar nicht angezeigt, so die Chefin einer
       Breslauer proukrainischen Hilfsorganisation gegenüber Radio TokFM.
       
       Von der großen Solidarität und Gastfreundschaft direkt nach Beginn der
       russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 ist kaum etwas übrig geblieben.
       Damals erinnerten sich viele Polen an die Hilfe, die sie selbst einmal
       erhalten hatten, und nahmen gerne ukrainische Mütter und ihre Kinder bei
       sich zu Hause auf.
       
       Überall im Land hingen zum Zeichen der Solidarität ukrainische Flaggen. Die
       große Anzahl ankommender Geflüchteter forderte von Polens Behörden und der
       Gesellschaft eine gewaltige Anstrengung, denn es kamen Millionen
       Geflüchtete, die zwar oft in andere Länder Europas weiterreisten, aber doch
       zumindest eine Erstversorgung in Polen bekommen mussten.
       
       Polens Regierung und Parlament beschlossen sehr schnell ein Sondergesetz,
       das es Ukrainern ermöglichte, sofort eine legale Arbeit in Polen aufnehmen
       zu können und auch krankenversichert zu sein. Polnische Staatsbürger
       wiederum, die Geflüchtete bei sich zu Hause aufnahmen, erhielten vom Staat
       ein Tagegeld von umgerechnet 10 bis 12 Euro pro Person.
       
       ## Antiukrainische Fake News
       
       Doch der Krieg dauert nun schon viel länger an als zunächst angenommen.
       Längst flutet Russland das polnische Internet mit täglich mehreren
       Millionen antiukrainischen Fake News und Hassbotschaften, die insbesondere
       von rechten Parteien und Politikern gerne aufgenommen und weiterverbreitet
       werden. Linksliberale Publizisten warnen immer öfter vor einer
       antiukrainischen Pogromstimmung im gar nicht mehr hilfsbereiten Polen.
       
       [1][Tonangebend unter den Politikern ist Polens rechtsnationaler
       Staatspräsident Karol Nawrocki], der bei jeder passenden und unpassenden
       Gelegenheit vom „Völkermord“ der Ukrainer an den Polen 1943 in Wolhynien
       spricht.
       
       Er greift dabei gerne auf den Sprachgebrauch der russischen Propaganda von
       den „ukrainischen Bandera-Faschisten“ und den „bestialischen Verbrechen der
       Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA)“ zurück. [2][Stepan Bandera] war als
       junger Mann Anführer einer der beiden Organisationen ukrainischer
       Nationalisten geworden, saß aber bereits in einem deutschen KZ, als die
       Massaker an polnischen Dorfbewohnern begannen.
       
       Obwohl Nawrocki schon über ein Jahr im Amt ist, hat er es noch nicht über
       sich gebracht, dem vom Krieg überzogenen Nachbarland einen Antrittsbesuch
       abzustatten. Zudem hat er den historischen Konflikt eskaliert und dem
       ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den höchsten polnischen Orden,
       den „Weißen Adler“, aberkannt.
       
       ## Ukraine-Hilfe stoppen
       
       Andere Politiker wie Przemysław Czarnek, der 2027 als
       Premierminister-Kandidat für die rechtsnationale Oppositionspartei Recht
       und Gerechtigkeit (PiS) antreten soll, will jegliche Ukraine-Hilfe stoppen
       und den EU-Beitrittsprozess der Ukraine so lange blockieren, bis die
       Ukraine die vom polnischen Sejm 2023 zum „Völkermord“ erklärten Massaker
       von Wolhynien an 60.000 bis 200.000 Polen als solchen anerkennt.
       
       Die neueste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ibris zeigt, dass über
       die Hälfte der befragten Polen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr
       Selenskyj für die Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen
       verantwortlich macht und gegen einen EU-Beitritt der Ukraine ist.
       
       Einer Umfrage für die Zeitschrift Polityka zufolge würden 44 Prozent die
       militärische Hilfe für die Ukraine einstellen. 55 Prozent halten es für
       richtig, dass Polens Präsident Nawrocki Selenskyj den „Weißen Adler“
       aberkannt hat. Zudem sind 65 Prozent der Befragten dagegen, dass sich
       polnische Soldaten nach Kriegsende an einer internationalen Friedensmission
       in der Ukraine beteiligen.
       
       2 Aug 2026
       
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