# taz.de -- Aktivist über Friedhofs-Artenvielfalt: „Es darf auch etwas unordentlich aussehen“
> Friedhöfe sind gut für Artenvielfalt und Klimaschutz. Dafür müssen sie
> aber richtig bewirtschaftet werden, sagt Claus-Peter Troch vom Hamburger
> Nabu.
(IMG) Bild: Wenn der Mäher kommt, sind sie hinüber: Nachtfaltereier an einer Wiesenpflanze (der Marienkäfer ist nur zufällig im Bild)
taz: Herr Troch, gibt es ein Tier, das so richtig typisch ist für [1][den
Friedhof]?
Claus-Peter Troch: Nein, kein spezielles Tier.
taz: Aber seltene Arten leben dort schon?
Troch: Ja, der Große Fuchs, zum Beispiel. Das ist ein nicht so häufiger
[2][Tagfalter]. Und sonst: Wir haben über 33.000 Insektenarten in
Deutschland, von denen auch seltene Arten hier ihren Lebensraum finden. Um
das herauszufinden, wäre aber ein besseres Monitoring hilfreich. Gerade im
urbanen Raum profitieren Insekten, Vögel, Amphibien und kleine Säugetiere
von strukturreichen Friedhöfen mit vielen Wegrändern, Grabsteinen, alten
Bäumen, Hecken und Kleingewässern. Das ist es, was den Friedhof als
Lebensraum so interessant macht: Das ist nicht nur Wiese, das ist auch
nicht nur Wald. Die Strukturvielfalt ist das eigentlich Wichtige.
taz: Da gibt es vermutlich bessere und schlechtere Beispiele.
Troch: [3][Hamburg-Ohlsdorf] ist der größte Parkfriedhof der Welt. Da
stecken schon im Namen die beiden Bestandteile Friedhof und Park. Er ist
ein wichtiges Kultur- und Gartendenkmal, aber auch eine sehr große grüne
Oase und hat [4][ein riesiges Potenzial] als Lebensraum für viele Pflanzen
und Tiere. Leider wird vieles davon verschenkt.
taz: Welche Rolle spielt es, dass die Bestattungskultur sich verändert:
weniger Erdbestattung, dafür mehr alternative, auch ökologischere Angebote?
Troch: Da die Nachfrage nach Grabflächen rückläufig ist, [5][muss sich der
Friedhof Gedanken machen], was mit frei werdenden Flächen geschieht und wie
der Parkfriedhof als Ganzes weiterbestehen kann – und er muss aufpassen,
dass nicht von außen lauter Begehrlichkeiten an ihn herangetragen werden.
taz: Allen voran der Wohnungsbau. Was müsste passieren?
Troch: Der Friedhof muss freie Flächen naturnäher pflegen. Da darf es auch
manchmal etwas „unordentlich“ aussehen. Es müssen nicht alle Rasenbereiche
alle zwei Wochen gemäht werden. Bei jeder Mahd muss ein Teil der Wiese
ungemäht bleiben. Hier müssen neue, naturnahe Pflegepläne gemacht werden
und der Gerätepark muss um naturschonendere Maschinen wie Balkenmäher
ergänzt werden.
taz: Läuft denn auch etwas gut?
Troch: Teilweise werden schon naturnahe Flächen angelegt, auf denen das
Gras und die Wildblumen stehen bleiben. Dann wird aber oft, weil das
preisgünstiger ist, alles gemäht. Damit wird fast die gesamte
[6][Insektenpopulation] dieser Fläche vernichtet, denn an den Pflanzen
wurden Eier abgelegt und für den geschlüpften Nachwuchs ist diese Wiese der
einzige Lebensraum. Da haben Sie Pflanzenstängel, da sind mehr als 1.000
Insekteneier dran, das bedeutet dann, dass zum Beispiel 1.000
Schmetterlinge beziehungsweise ihre Raupen nicht mehr schlüpfen werden!
taz: Unwiederbringlich?
Troch: Natürlich, die Pflanzen wachsen wieder, aber der Lebensraum für die
Tiere ist zerstört. Die Tiere selbst sind es auch. So ein Insekt kommt an
und denkt: Hier, eine Wiese, die ist schön, hier finde ich Nektar, da lege
ich auch meine Eier ab. Dann kommen die Larven – [7][und dann kommt der
Mäher]. Das Gras wächst nach. Aber die Insekten sind weg. Und die werden
auch als Nahrung von den Vögeln, den Amphibien, den Reptilien, den
Fledermäusen und vielen Kleinsäugern benötigt. Sie sind eine absolut
notwendige Grundlage!
taz: Wir hatten den Wandel der Bestattungskultur angesprochen. Eine Chance
und ein Risiko?
Troch: Ich sehe mehr Chancen – aber die müssen auch genutzt werden. Ich
suche [8][als Nabu-Vertreter] immer wieder das Gespräch mit dem Friedhof,
um die Pflegethemen anzusprechen, aber es geht zu langsam voran. Der
Friedhof Ohlsdorf hat mit den Grünflächen ein riesiges Faustpfand, das er
in Zeiten starken Artenverlusts und Klimaerwärmung sinnvoll einsetzen kann.
[9][Da muss der Friedhof mehr machen]. Und da muss sich auch die Stadt
überlegen: Wenn ich Natur erhalten will, dann kostet das was.
4 Jun 2026
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