# taz.de -- Neues Schulfach in Spanien: Mathe, Sport, Klimakrise
> In Spanien üben Kinder im Unterricht, wie sie sich bei Waldbränden oder
> Überflutungen am besten verhalten. Braucht es das auch in Deutschland?
(IMG) Bild: Schüler gehen im November 2024 durch Valencia. Zwei Wochen zuvor starben in der Region mehr als 200 Menschen durch Überflutungen
An normalen Tagen spielen Kinder auf dem Schulhof der
Joan-Baptista-Serra-Grundschule in Alcanar. Heute fahren Blaulichtfahrzeuge
mit Sirenen auf den Hof. Der Katastrophenschutz ist zu Besuch.
Denn statt Mathe oder Englisch steht ein neues Fach auf dem Stundenplan:
der Klimaunterricht. Er soll seit diesem Schuljahr an allen Schulen
Spaniens verpflichtend [1][Kinder und Jugendliche auf die Auswirkungen der
Klimakrise vorbereiten], praktisch und lebensnah. In kaum einem anderen
Land ist die Anpassung an die Erderwärmung so schnell im Lehrplan
angekommen.
Auslöser dafür war eine der größten Naturkatastrophen in Spaniens
Geschichte, gerade mal rund 150 Kilometer südwestlich der
Serra-Grundschule. Im Oktober 2024 starben in der Region Valencia mehr als
220 Menschen durch eine Flut. Das Unglück traf die Region völlig
unvorbereitet, die Regierung sah sich heftiger Kritik ausgesetzt.
Währenddessen schreitet die Erderhitzung kaum gebremst voran, mit jedem
Zehntelgrad wird die Anzahl von Waldbränden, Überschwemmungen oder Dürren
in den nächsten Jahren weltweit zunehmen. Die Katastrophe von Valencia hat
Spanien zum Handeln gebracht. Einen Monat nach der Überflutung
[2][verabschiedete die Regierung ein Gesetz], das Klimabildung
verpflichtend macht.
## Eine aufgeklärte Bevölkerung rettet im Ernstfall Leben
Während in Deutschland bei der Katastrophenprävention meist über teure
Infrastruktur, neue Deiche oder Sirenen diskutiert wird, zeigt der
spanische Vorstoß eine andere Dimension: Eine aufgeklärte Bevölkerung
kostet den Staat kaum Geld, rettet im Ernstfall aber Leben. Entwickelt
Spanien damit ein Bildungsmodell für die Zukunft?
In Alcanar üben die Grundschüler:innen als Erstes, wie sie sich im
Falle eines Feuers zu verhalten hätten. Die Feuerwehr betritt das Gebäude,
ausgestattet mit Schutzausrüstung, Schläuchen und Rauchmasken. Aus den
oberen Klassenzimmern winken ihnen die Schüler:innen zu – sie wissen,
dass es sich nur um eine Simulation handelt. Vom Schulhof aus beobachtet
Mario González Jorge, Direktor der regionalen Bildungsbehörde, das
Geschehen. „Wir merken schon lange, dass der Klimawandel im vollen Gange
ist und die Extremwetterereignisse zunehmen“, sagt er.
Deswegen unterstützt er den neuen Lehrplan. Die Schulkinder sollen lernen,
wie sie Gefahrensituationen erkennen und sich schützen können. „Und das
nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb.“ Wann ist es sicherer, in
einem Gebäude zu bleiben, wann besser, schnell zu evakuieren? Dafür sollen
die Grundschulkinder ein Gefühl entwickeln.
Schon ab dem Vorschulalter finden mindestens zwei Unterrichtsstunden im
Jahr statt. Das schreibt [3][der Ausbildungsplan] vor, den das Bildungs-
und das Innenministerium gemeinsam erarbeitet haben. „Es geht darum, den
Schüler:innen angemessene Kenntnisse und Werte zu vermitteln, um
Notfallsituationen effektiv und sicher zu bewältigen“, heißt es im Papier
der Regierung.
Spielerisch sollen Kinder dabei lernen, wie sie einen Alarm und erste
Gefahrenzeichen erkennen. In der dritten und vierten Klasse besteht der
Klimaunterricht aus vier Stunden im Jahr: drei Theorieeinheiten und eine
praktische Übung. Ab dem kommenden Schuljahr soll der Lehrplan auch in den
weiterführenden Schulen umgesetzt und möglicherweise um mehr Stunden
erweitert werden.
Der genaue Inhalt des Unterrichts wird an die geografische Lage der Schulen
angepasst. In einem Dorf am Waldrand sollen die Schulkinder andere
Schutzmaßnahmen lernen, als in einer Stadt am Meer. Wie in Deutschland ist
das Thema Bildung in Spanien hauptsächlich Ländersache, allerdings darf die
Zentralregierung in Madrid verbindliche Basislehrpläne für das ganze Land
vorgeben. Die autonomen Regionen sind dafür zuständig, den Klimaunterricht
nun konkret in ihre Lehrpläne einzubauen und ihre Lehrer:innen
fortzubilden.
Dass der praktische Unterricht in Alcanar – einer Stadt nahe des
Mittelmeers, die selbst schon Überflutungen erlebt hat – ausgerechnet mit
einer Feuerschutzübung beginnt, wirkt etwas paradox. Die Gründe dafür sind
dann auch eher pragmatischer Natur. Feuerschutzübungen fanden hier wie auch
in anderen Schulen schon vor der Einführung des neuen Unterrichts statt.
Daher war das Brandszenario am einfachsten umzusetzen, während aufwendigere
Simulationen erst noch vorbereitet werden müssen.
## Die Kinder lernen mit psychischen Belastungen umzugehen
Zugleich erreicht die Zahl der Waldbrände in Spanien jährlich neue Rekord,
gerade in den trockenen Regionen des Landes und bedingt durch die
Klimakrise. Deshalb gehört der Brandschutz nun ganz offiziell zum Lehrplan.
Auch die Vorbereitung auf Erdbeben, Flutwellen, Überflutungen oder Chemie-
und Nuklearunfälle steht auf dem Programm.
Neben konkreten Verhaltensweisen sollen die Schüler:innen in Alcanar
auch lernen, in Notfallsituationen Desinformationen zu erkennen und Krisen
emotional zu bewältigen. Als die Feuerwehrleute nach einiger Zeit den
fiktiven Brand gelöscht haben, warten die Schüler:innen weiterhin in den
oberen Stockwerken des Gebäudes ab. Gleichzeitig verlassen zwei Lehrerinnen
die Schule und spielen eine Panikattacke vor. Ein Rettungssanitäter sorgt
für emotionale Unterstützung.
In weiteren Einheiten sollen auch die Schulkinder selbst lernen, wie sie
mit den psychischen Belastungen einer Krise umgehen können. Ziel des neuen
Lehrplans ist es, „die Schüler:innen für die Bedeutung des emotionalen
Wohlbefindens zu sensibilisieren“.
Auch in Deutschland wurde längst beschlossen, dass Schulkinder mehr über
die Klimakrise lernen sollen. Die Schulminister:innen aller
Bundesländer haben 2017 dem [4][Nationalen Aktionsplan Bildung für
nachhaltige Entwicklung] zugestimmt, wonach Nachhaltigkeit in „allen
Bildungsbereichen strukturell verankert werden“ soll. Der Klimawandel
[5][wird in verschiedenen Fächern thematisiert], ein praktischer Unterricht
wie in Spanien ist aber nicht offiziell vorgesehen.
## Politische Klimabildung kommt oft zu kurz
Das liege auch daran, dass die Folgen der Klimakrise in Deutschland oft
noch verdrängt werden, sagt Inga Feuser, zweite Bundesvorsitzende der
Teachers for Future. Zwar häufen sich auch hierzulande die
Extremwetterereignisse, aber so direkt wie südlichere Länder ist
Deutschland noch nicht von extremen Dürren, Waldbränden und Hitzesommern
betroffen.
„Natürlich wird die Erderwärmung in den Schulen besprochen“, sagt Feuser,
die selbst Deutsch, Geschichte und Religion an einem Gymnasium in
Nordrhein-Westfalen unterrichtet, „aber wir wünschen uns einen größeren
themenorientierten Fokus.“ Es sei für sie richtig, dass die Klimakrise aus
unterschiedlichen Perspektiven statt in einem einzigen Fach beleuchtet
werde. „Aber wenn wir in der siebten Klasse in Erdkunde darüber sprechen
und in der achten in Physik, fehlen oft die Zusammenhänge.“
Der Hamburger Schülerin Nuria Neubauer ist das nicht genug. In [6][einem
Gastbeitrag] in der Zeit stellt das Fridays-for-Future-Mitglied fest, dass
Schulbehörden zwar langsam endlich Bildung für nachhaltige Entwicklung in
die Lehrpläne inkludieren – aber vor allem mit dem Fokus, wie das eigene
Handeln andere Menschen und Generationen beeinflusst und welche globalen
Mechanismen zu Krieg führen können. „Ein Fach zur Vorbereitung auf
Krisenmanagement und extreme Dürre, Hitze, Wasserknappheit,
Starkregenfälle, Fluten und Waldbrände ist das also nicht.“
Laut einer [7][Auswertung der Unesco] haben etwa 70 Prozent aller jungen
Menschen das Gefühl, nicht über genügend Wissen zu verfügen, um den
Klimawandel zu verstehen. Umgekehrt fühlt sich auch nur [8][ein Drittel
aller Lehrkräfte] weltweit überhaupt in der Lage, die lokalen Auswirkungen
des Klimawandels im Unterricht angemessen zu erklären.
Das soll sich in Deutschland ändern, indem „die Bedeutung von Bildung für
nachhaltige Entwicklung verstärkt wird“. Das Bundeskabinett hat einen
Indikator beschlossen, der Schulen nach ihrem Engagement misst. Im
Schuljahr 2023/2024 hatte bundesweit [9][etwa jede zehnte Schule] das Thema
Bildung für nachhaltige Entwicklung ausreichend im Unterricht und der
Schule selbst etabliert. Udo Michallik, Generalsekretär der
Kultusministerkonferenz, blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich bin
zuversichtlich, dass der Indikator noch weitere Schulen motiviert, Bildung
für nachhaltige Entwicklung als orientierendes Konzept für Schulentwicklung
zu verankern.“
Für Lehrerin Feuser reicht das noch nicht aus. Es sei zentral, [10][die
politische Bildung in Schulen zu verstärken]. „Wir müssen Schüler:innen
bewusst machen, dass sie das Menschenrecht auf einen intakten Planeten
haben und sie ermächtigen, dieses Recht einzufordern. Wie zynisch ist es,
nur zu lehren: Wir verbrennen eure Welt, aber so könnt ihr damit umgehen.“
Unterricht zur emotionalen Bewältigung der Krise fehle in Deutschland
ebenso wie zum sozialen Umgang miteinander in den kommenden Katastrophen.
## Damals wusste niemand, was zu tun war
Auch beim Lehrpersonal in Alcanar herrscht Gewissheit, dass sich
Extremwetterereignisse häufen werden. Die Schule liegt nicht weit vom Meer,
sodass der steigende Wasserspiegel schon jetzt Sorgen bereitet. Nachdem
Feuerwehr und Rettungswagen abgezogen sind und der gewohnte Unterricht
weitergeht, fasst Mario González Jorge zusammen: „Wir wollen in der Schule
für das Leben lernen. Und dazu gehört auch die Vorbereitung auf den
Klimawandel.“
Vor fünf Jahren stand die Joan-Baptista-Serra-Schule nach Starkregenfällen
bereits einmal unter Wasser. Die Flut war so heftig, dass Tische und Stühle
aus der Stadt bis zum Meer gerissen wurden. Personen waren nicht direkt
betroffen, aber die Lehrer:innen in Alcanar erinnern sich noch gut an
das Chaos und den Schock in der Schule.
„Damals wusste niemand, was zu tun war“, sagt die Lehrerin, die zuvor den
Panikanfall simuliert hatte. Die Brandschutzübung sei für sie erst der
Anfang. Für den Ernstfall will sie, dass alle wissen, wie sich die Schule
schnell evakuieren ließe. Jetzt zumindest ein wenig besser vorbereitet zu
sein, fühle sich beruhigend an.
19 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Unicef-Studie/!6187791
(DIR) [2] https://recursosemergencias.educacionfpydeportes.gob.es/portada.html
(DIR) [3] https://recursosemergencias.educacionfpydeportes.gob.es/guias-didacticas.html
(DIR) [4] https://www.bne-portal.de/bne/de/nationaler-aktionsplan/nationaler-aktionsplan_node.html
(DIR) [5] /Klimaschutz-an-Schulen/!6058936
(DIR) [6] https://www.zeit.de/2023/37/klimawandel-klimakrise-schule-unterricht
(DIR) [7] https://www.unesco.org/en/articles/youth-demands-quality-climate-change-education
(DIR) [8] https://tenstrands.org/environmental-literacy-a-global-perspective/
(DIR) [9] https://www.bne-portal.de/bne/de/news/weiterentwicklung-dns-bundeskabinett.html
(DIR) [10] /Lehrer-Verein-fuer-mehr-Umweltbildung/!5840363
## AUTOREN
(DIR) Kathrin Boehme
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