# taz.de -- Student über geringe Mathekenntnisse: „Dann machen Sie was nicht richtig“
> Kein Bock auf Mathe? Nicolás Atanes reist seit Jahren durch Spanien, um
> daran was zu ändern. Für sein Ziel spannt er auch mal Bauwerke von Gaudí
> ein.
(IMG) Bild: Wie hoch ist die Sagrada Familia in Barcelona? Lässt sich schnell berechnen, sagt Mathestudent Nicolás Atanes
taz: Herr Atanes, Ihr Ziel ist es, die Mathematik populär zu machen. Was
soll das? Könnt ihr Mathematiker uns nicht einfach in Ruhe lassen? 12 Jahre
Qualen in der Schule sind wirklich genug.
Nicolás Atanes: Qualen? Ich glaube, das liegt nicht zuletzt daran, dass
Mathematik im Allgemeinen schlecht unterrichtet wird. Deshalb kam ich auf
die Idee, etwas zu unternehmen, um Mathe den Menschen näherzubringen, das
Interesse für Mathe zu wecken. Mathe ist sehr wichtig im Alltag und lässt
sich in vielerlei Art und Weisen anwenden. Und sie wird immer wichtiger mit
dem technischen Fortschritt.
taz : Es liegt also nicht am Unterrichtsstoff an sich, dass viele Mathe
einfach nicht in den Kopf will, sondern an schlechten LehrerInnen?
Atanes: Ja, das liegt ganz klar am schlechten Unterricht. Mathe wird sehr
mechanisch unterrichtet. Ständiges Wiederholen, Auswendiglernen. Das führt
dazu, dass sich die SchülerInnen langweilen, müde werden. Sie sehen keinen
Sinn in dem, was sie da lernen.
taz: Warum soll ich auch die ganzen Funktionen können: Sinus, Cosinus und
wie sie alle heißen? Im Alltag reichen doch die Grundrechenarten …
Atanes: Mathematik hat zwei Aspekte. Der eine sind die Nummern, um zum
Beispiel nachzurechnen, dass dich niemand beim Bezahlen übers Ohr haut. Und
der andere Aspekt ist das logische Denken. Zu einer korrekten Lösung zu
kommen ist ein kreativer Prozess. Und diese Art Kreativität kann bei vielen
anderen Problemlösungen nützlich sein. Es geht hierbei nicht so sehr ums
Rechnen, sondern um eine Art zu denken.
taz: Was heißt das?
Atanes: Zum Beispiel haben strategische Brettspiele viel mit Logik zu tun,
etwas, das wir dank der Mathematik gelernt haben. Oder Situationen im
Alltag: Im Supermarkt hast du drei Schlangen an den Kassen. Dank deiner
mathematischen Beobachtung kannst du einschätzen, welche am schnellsten
ist.
taz: Ich stelle mich immer an der falschen an. Und ich war gut in Mathe.
Atanes: Dann machen Sie was nicht richtig. Es ist doch ganz einfach: Menge
der Leute, die anstehen, Warenmenge, Arbeitstempo des Personals an der
Kasse … Das ist ein einfaches Beispiel dafür, wie wir dank der Mathematik
und der Logik Entscheidungen treffen. Das ist in vielen Alltagssituationen
so.
taz: Und mit solchen Beispielen wecken Sie bei den Menschen das Interesse
an Mathematik?
Atanes: Ich wende die Mathematik in unterschiedlichen Situationen an. Unter
anderem mache ich Städteführungen, bei denen wir dann Sachen berechnen. Wir
lernen dann ein berühmtes Gebäude dank der Mathematik besser kennen.
taz: Das müssen Sie erklären.
Atanes: Bei einer Tour durch Barcelona darf die Sagrada Familia von Gaudí
nicht fehlen. Da kommen oft die Fragen, wie hoch sie ist. Dank der
Geometrie können wir das mithilfe der Schatten berechnen. Ein anderes
Beispiel wäre der Cibeles-Brunnen in Madrid. Hier können wir die
Wassermenge bestimmen, die jeden Tag durch einen Brunnen fließt.
taz: Sie machen auch noch ganz andere Veranstaltungen.
Atanes: Ja, neben den Städteführungen gehe ich zum Beispiel zu Schachclubs
und rede mit den jungen Menschen dort über die Mathematik hinter dem Spiel.
Ich mache aber auch noch Führungen durch Museen und wende dort Mathematik
an.
taz: Und damit begeistern Sie junge Leute und erreichen Ältere, die die
Mathe in der Schule regelrecht hassten?
Atanes: Meist hassen die Menschen die Mathematik, weil sie keinen Sinn
darin sehen, und mit meinen Beispielen gebe ich ihr einen Sinn. Ein gutes
Beispiel ist auch die Berechnung des günstigsten Weges.
taz: Dafür hat mein Handy einen Kartendienst.
Atanes: Ja, und diesen Service gibt es nicht zuletzt dank der Mathematik.
taz: Perfekt. Warum soll ich das dann machen oder machen können?
Atanes: Zu Hause können Sie diese Kartendienste nicht nutzen, auf dem Weg
von der Küche zum Klo und dann zum Schlafzimmer und dann … da kommen dann
die Logik und die Mathe ins Spiel, um nicht unnötige Wege zu machen. All
das führt dazu, dass wir sehen, dass das, was wir in der Schule gelernt
haben, sehr wohl im Alltag nützlich sein kann. Und plötzlich sehen wir die
Welt mit anderen Augen. Mathe ist nicht mehr langweilig. Und wem Mathe
gefällt, muss auch nicht unbedingt ein Langweiler sein.
taz: Und die Leute werden auf Ihren Veranstaltungen tatsächlich vom
Mathevirus angesteckt?
Atanes: Vor allem sind sie verwundert, wenn sie gehen. Sie erwarteten eine
Veranstaltung im klassischen Sinne. Mit Übungen und einer Prüfung am Ende.
Und das gibt es bei mir nicht. Die überrascht die kreative
Herangehensweise. Und das macht bei vielen Lust auf mehr.
taz: Was hat die Gesellschaft davon, dass wir uns mehr für Mathe
interessieren? Gibt es nicht andere Themen, die wichtiger wären?
Atanes: Mathematik ist heute wichtiger denn je. Denken wir nur an die
künstliche Intelligenz. Nur wer sich mit Mathe auskennt, kann einschätzen,
was da auf uns zukommt. Wer heute Mathematik nicht versteht, hat ein echtes
Problem.
taz: Damit wäre dann wieder die Schule gefragt. Was muss sich da ändern?
Atanes: Im Mathe-Unterricht geht es nicht darum, Spaß an der Materie zu
haben. Es geht nur darum, auf Klassenarbeiten hin zu lernen. Damit muss
Schluss sein. Nur wer weiß, wofür was gut ist, lernt mit Interesse.
taz: Das heißt, nach dem kleinen Einmaleins ist Schluss mit
Auswendiglernen?
Atanes: Das Auswendiglernen muss so stark reduziert werden wie nur möglich.
Heute lassen sich Formeln und andere Grundlagen in Sekunden finden. Was wir
lernen müssen, ist die Logik und wofür wir sie anwenden können. Der Weg,
die Logik, ist das Wichtige bei der Mathematik.
taz: Warum wird Mathe so schlecht unterrichtet?
Atanes: Gut zu unterrichten ist nicht leicht, in keinem Fach. Gut zu
unterrichten hat viel mit Kreativität zu tun, und Kreativität heißt sich
öffnen. Und das macht es so schwierig. Es ist viel leichter, genau
definierten Normen und Regeln zu folgen. Und viele LehrerInnen suchen den
leichten, einfachen Weg.
taz: Sie gaben auch Veranstaltungen für Mathe-LehrerInnen. Wie reagieren
die, wenn Sie ihnen sagen, dass ihr Unterricht so nicht funktioniert?
Atanes: Das Problem sind nicht in erster Linie die LehrerInnen, sondern die
Lehrpläne. Die LehrerInnen wollen gut unterrichten. Aber die Lehrpläne sind
sehr eng gestrickt, sie geben genau vor, wie der Unterricht auszusehen hat.
Die LehrerInnen sind daran nicht schuld. Die BildungspolitikerInnen sind
gefragt.
5 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Reiner Wandler
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