# taz.de -- Bürgerentscheid in Nürnberg: Albtraum von der Autostadt
       
       > In Nürnberg wird über die Zukunft der Stadtautobahn abgestimmt. Statt sie
       > auszubauen, könnte man dort auch einen alten Kanal reaktivieren.
       
 (IMG) Bild: Statt neuer Autostraßen wollen manche in Nürnberg lieber ihren Kanal zurück
       
       Zwei Wanderzeichen zieren den Ampelmast an der Kreuzung, wo die
       Stadtautobahn A 73 seit mittlerweile 54 Jahren in Nürnberg für knapp zwei
       Kilometer endet. Der Jakobsweg und der Lutherweg führen an der Stelle
       vorbei, wo Autos im Stau stehen, dreispurig in östlicher und vierspurig in
       westlicher Richtung. Auch an diesem Montag gegen 16 Uhr.
       
       Etwa 27 Sekunden dauert die Grünphase, die im Schnitt 33 Fahrzeuge
       schaffen, danach folgt eine gute Minute Wartezeit, bevor es weitergeht.
       Motoren dröhnen, Abgase liegen in der Luft. Kein Wunder, dass sich keine
       Wanderer hierher verirren. Zwischen den Fahrspuren wuchert ein wilder
       Grünstreifen, der macht aber einen eher vernachlässigten Eindruck.
       
       „[1][Frankenschnellweg“ wird die A 73 auch genannt], die von Suhl über
       Bamberg, Erlangen und Fürth nach Feucht führt. Auf Nürnberger Stadtgebiet
       wird die Autobahn zuerst zur Kraftfahrstraße und dann zur Kreisstraße. Für
       drei Ampelphasen. Die Planer hatten sich die Trasse des alten
       Ludwigskanals, der im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde und kaum noch
       Wasser führte, für die Straßenverbindung geschnappt. Es gab keine Proteste,
       auch in Nürnberg träumte man von der autogerechten Stadt.
       
       Mit dem zunehmenden Autoverkehr wuchsen jedoch die Staus vor den Ampeln.
       1987 forderte die CSU erstmals vergeblich den kreuzungsfreien Ausbau. Das
       Thema avancierte zum Wahlkampf-Dauerbrenner. Unübersehbare Mängel des
       Straßenbelags, der Brücken, der Geh- und der Radwege sowie die eklatante
       Durchtrennung angrenzender Stadtteile untermauerten den Handlungsbedarf.
       2002 beschlossen SPD und CSU, eine umfassende Stadtreparatur anzugehen.
       
       Konkrete Ausbaupläne liegen seit 2006 vor. Seitdem wird über die Frage
       gestritten, ob ihre Umsetzung mehr Schaden oder mehr Nutzen haben wird.
       Nach Klagen von Naturschutzverbänden und Privatleuten durch die Instanzen
       musste die Stadt bei den Umweltgutachten nachbessern. In der Zwischenzeit
       stiegen die veranschlagten Kosten von 100 Millionen auf 1,1 Milliarden
       Euro.
       
       ## Renaissance des Stadtkanals
       
       Nachdem das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2025 die Revision abgelehnt
       hat, besteht im Prinzip Baurecht. Doch die Projektgegner kämpfen weiter. Zu
       ihnen gehören Umweltorganisationen, Bürgervereine, Parteien, Architekten
       und nicht zuletzt die Visionäre des Nürnberg-Fürther Stadtkanalvereins,
       [2][der die Renaissance des Kanals wie in Utrecht propagiert], verbunden
       mit der Aufwertung von sechs angrenzenden Stadtgebieten.
       
       Vergangenes Jahr hat das Bündnis über 14.000 Unterschriften gesammelt und
       es geschafft, dass nun die Nürnberg*innen das letzte Wort haben: Am 28.
       Juni findet ein Bürgerentscheid zu der Frage statt, ob die Planungen für
       den kreuzungsfreien Frankenschnellweg gestoppt werden sollen. Wer das Aus
       und ein „Lieber zurück auf Los“ für richtig hält, muss „Ja“ ankreuzen.
       
       Plakate aus beiden Lagern hängen momentan an allen Hauptstraßen der Stadt,
       natürlich auch im Umfeld der Frankenschnellweg-Kreuzung. Dort sollen zwei
       1,8 Kilometer lange Tunnelröhren vierspurig in die Tiefe gehen, um den
       Durchgangsverkehr zu kanalisieren – das Herzstück des Großprojekts, das bis
       2040 fertig sein soll. Vier weitere Fahrspuren bleiben oberirdisch für den
       innerstädtischen Verkehr erhalten – Kritiker befürchten, dass es deshalb
       weiterhin Staus geben wird.
       
       Umstritten sind auch die mehr oder weniger begrünten „Deckel“ oberhalb des
       Tunnels, zumal ein Stadtteilpark erst noch geplant und finanziert werden
       muss. Der Freistaat Bayern will zwar 80 Prozent der „förderfähigen Kosten“
       übernehmen, und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat zusätzlich 150
       Millionen Euro „Sondermittel“ in Aussicht gestellt, doch die klamme Kommune
       muss mindestens 200 Millionen Euro beisteuern.
       
       ## Weniger Autoverkehr
       
       Mit Blick auf den Klimawandel und die klammen Kassen der Großstädte halten
       die Gegner das Projekt für „aus der Zeit gefallen“. Sie sehen in einem
       Neuansatz den besseren Weg, um „historische Fehler“ nachhaltig zu
       beseitigen. Der große Knackpunkt ist die Frage, wie die Mobilität der
       Menschen in 20 Jahren aussehen wird. Dass Veränderungen beim Autoverkehr
       möglich sind, zeigen Städte wie Paris oder Barcelona, wo mit
       Straßenumbauten und „Superblocks“ die Lebensqualität der Bewohner gezielt
       verbessert wurde.
       
       Auch in Nürnberg sind Veränderungen im Gang. So haben Messungen ergeben,
       dass die tägliche Zahl der Fahrzeuge im westlichen Bereich des
       Frankenschnellwegs von 55.327 im Jahr 2015 auf 47.621 im Jahr 2025 gesunken
       ist. Und durch gezielte Verbesserungen des Nahverkehrs ist vielleicht noch
       viel mehr möglich.
       
       22 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Jo Seuß
       
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