# taz.de -- Friedensforschung von Sipri: Forscher warnen vor Wettrüsten der Atommächte
       
       > Friedensforscher beobachten ein neues atomares Wettrüsten. Statt auf
       > Abrüstung setzen Atommächte auf Abschreckung. Europa will stärker
       > mitmischen.
       
 (IMG) Bild: Während die Welt aufrüstet, wird ab und an auch gegen Atomwaffen demonstriert – wie hier 2020 in Berlin
       
       dpa | Kriege, Konflikte und geopolitische Spannungen auf der Welt drohen
       die neun Atommächte in eine [1][Spirale der Aufrüstung] zu treiben. Das
       geht aus einem neuen Bericht des Stockholmer
       [2][Friedensforschungsinstituts Sipri] hervor. „Wir stecken bereits mitten
       in einem neuen nuklearen Wettrüsten“, sagte Sipri-Experte Matt Korda der
       Deutschen Presse-Agentur. „Jeder Nuklearstaat baut sein Atomwaffenarsenal
       entweder quantitativ oder qualitativ aus – und manche tun beides.“
       
       Gleichzeitig löse die Modernisierung und Verbesserung der Arsenale eine Art
       Kettenreaktion aus, in der die Maßnahmen, die ein Land ergreife, zu
       ähnlichen Schritten in anderen Nuklearstaaten führten. „Dieser Kreislauf
       ist extrem schwer zu durchbrechen“, sagte Korda.
       
       Laut dem aktuellen Bericht der Friedensforscher nutzen die Atommächte ihre
       Arsenale stärker zur Abschreckung. Moskau etwa hat im Angriffskrieg in der
       Ukraine auf sein Atompotenzial angespielt, um westliche Länder von der
       Unterstützung für die Ukraine abzuhalten.
       
       ## Weniger Transparenz zwischen USA und Russland
       
       Zudem ist der Rüstungskontrollvertrag New Start zwischen Russland und den
       USA im Februar ausgelaufen, ohne dass ein Nachfolgeabkommen zustande kam.
       Deshalb könnten die beiden großen Atommächte theoretisch viele hundert
       Sprengköpfe auf ihre bestehenden Trägersysteme laden, ohne auch nur einen
       einzigen neuen Träger bauen zu müssen, meinte Sipri-Forscher Korda. Ohne
       entsprechende Verträge entschieden sich Atomwaffenstaaten außerdem
       zunehmend dafür, wichtige Details über ihre nuklearen Fähigkeiten nicht
       mehr offenzulegen, warnte der Experte.
       
       „Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Atomwaffenstaaten ihre
       Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigen oder sogar ganz aufgeben und
       stattdessen ihre nukleare Stärke zur Schau stellen“, sagte Sipri-Forscher
       Hans Kristensen laut einer Mitteilung. „Indem sie nach nuklearen Lösungen
       greifen, schaffen Staaten neue Risiken und schüren die Dynamik des
       Wettrüstens.“
       
       In diesem Wettrüsten übernehme Europa eine immer aktivere Rolle, so die
       Forscher. „Allein im vergangenen Jahr haben wir die Anfänge einer
       Ausweitung der Partnerschaft zur Lastenteilung im Nuklearbereich
       beobachtet, an der Frankreich, das Vereinigte Königreich und mehrere andere
       Länder, darunter Deutschland, beteiligt sind“, sagte Sipri-Experte Korda.
       Ein Grund: Zweifel an der Verlässlichkeit der USA.
       
       Russland und die USA verfügen nach Sipri-Schätzungen zusammen über rund 83
       Prozent aller gelagerten Nuklearsprengköpfe (Russland: 5.420, USA: 5.042).
       Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten die beiden Länder ausgemusterte
       Sprengköpfe zunächst nach und nach abgebaut. Der weltweite Bestand der
       Atomwaffen war dadurch schrittweise gesunken.
       
       „Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren umkehren, da sich das
       Tempo der Abrüstung verlangsamt, während die Stationierung neuer Atomwaffen
       zunimmt“, berichtete das Sipri-Institut. Die Modernisierungsprogramme
       beider Länder stehen jedoch laut den Forschern vor planerischen und
       finanziellen Herausforderungen.
       
       China baue sein Atomwaffenarsenal derweil schneller aus als jedes andere
       Land. Bei seiner Militärparade 2025 präsentierte das Land mehrere neue
       Nuklearsysteme und verfügt inzwischen nach Sipri-Schätzungen insgesamt über
       rund 620 Atomsprengköpfe.
       
       ## Mehr Atomsprengköpfe in höchster Einsatzbereitschaft
       
       Nach Schätzungen der Friedensforscher verfügten die neun Atomwaffen-Mächte
       USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan,
       Nordkorea und Israel im Januar 2026 über 12.187 Atomsprengköpfe. Etwa 9.745
       davon befanden sich den Forschern zufolge in militärischen Beständen für
       den potenziellen Einsatz.
       
       Mehr als im Vorjahr – schätzungsweise 4.012 Stück – waren den Angaben
       zufolge auf Raketen und Flugzeugen platziert. Zwischen 2.100 und 2.200
       wurden demnach auf ballistischen Raketen in höchster Einsatzbereitschaft
       gehalten – fast alle dieser Sprengköpfe befanden sich im Besitz von
       Russland oder den USA und in geringerem Maße von Großbritannien und
       Frankreich. In der EU ist Frankreich nach dem Austritt Großbritanniens
       inzwischen die einzige Atommacht.
       
       8 Jun 2026
       
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