# taz.de -- Die Wahrheit: Auf zu Doktor Al-Saadi nach Aleppo​!
       
       > Die 80-prozentige Rückführungsquote des Kanzlers für Syrien-Flüchtlinge
       > hat schon jetzt enorme Auswirkungen​.
       
 (IMG) Bild: Mit den Öffis sicher zum Doc nach Syrien
       
       „Ich muss jetzt in Aleppo zum Hausarzt“, glaubt Rentnerin Regine Göppel,
       als sie in der nordhessischen Provinz in den Bus steigt. Telefonisch hat
       sie Dr. Al-Saadi schon seit gestern Abend nicht erreicht. „Dabei geht der
       Herr Doktor sonst immer ran. Auch am Wochenende und so“, erklärt die
       Patientin. „Nicht so wie deutsche Ärzte, die ihr Handy einfach nachts
       ausschalten.“
       
       Lange Anfahrtswege zu medizinischen Einrichtungen ist die Siebzigjährige
       gewohnt, doch bislang musste sie zur Praxis ihres Allgemeinmediziners bloß
       in die nächste Stadt fahren. Jetzt will sich die Seniorin mit öffentlichen
       Verkehrsmitteln über den Balkan und die Türkei nach Syrien durchschlagen,
       damit der Doktor einen Blick auf ihre Hühneraugen werfen kann.
       
       Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich beim Besuch des syrischen
       Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin verlauten ließ, dass seiner
       Ansicht nach 80 Prozent der syrischen Migranten Deutschland schleunigst
       verlassen sollten, schauen nicht nur Patientinnen wie Regine Göppel mit
       Sorge auf einen möglichen Exodus der mehr als 900.000 in Deutschland
       lebenden Syrer.
       
       Allein in hiesigen Krankenhäusern arbeiten mindestens 6.000 Ärzte aus dem
       Land, aber auch in vielen anderen Branchen lindern die Geflüchteten den
       Fachkräftemangel. Auch der Busfahrer, der an diesem nebligen
       Frühlingsmorgen den Niederflurgelenkbus über hessische Landstraßen steuert,
       stammt aus dem höchstens notdürftig befriedeten Bürgerkriegsland am
       Mittelmeer.
       
       ## Kein Halt in Kassel
       
       „Fahren Sie vielleicht heute bis Aleppo? Ich muss zum Arzt“, fragt Göppel,
       doch der Fahrer ist vor der Dschihadisten-Miliz des jetzigen Präsidenten
       geflohen. Zu einer Rückfahrt in dessen Herrschaftsbereich ist er nicht
       bereit, überhaupt scheut er den Weg in Krisengebiete. „In Kassel halte ich
       auch nicht“, schreckt der Busfahrer vor dem lückenhaften Charme der
       gründlich zerbombten Residenzstadt zurück, so dass Göppel in den Wagen
       eines Taxifahrers aus Homs wechseln muss.
       
       Beim Zwischenstopp in der typisch italienischen Eisdiele „Palmyra“ wird
       Regine Göppel von einer Servicekraft aus Idlib bedient. Auch die junge Frau
       hat von den Remigrationsfantasien des Kanzlers gehört und denkt tatsächlich
       über Auswanderung nach: Sie will in Rimini eine typisch deutsche Eisdiele
       eröffnen und Italiener für Spaghetti-Eis und Cappuccino mit Sprühsahne
       begeistern.
       
       Bei der höchst seltsamen Pressekonferenz mit Al-Scharaa vor zwei Wochen
       behauptete Merz, mit der Zielmarke bloß den Forderungen des ehemaligen
       HTS-Kommandeurs nach unverbrauchtem Menschenmaterial zum Staatsaufbau zu
       entsprechen, was der aber umgehend dementierte. Vielmehr habe der Deutsche
       die Zahl im Gespräch zuvor aus der Luft zwischen seinen Ohren gegriffen.
       
       Dass mit der Ausweisung jener, wie Merz ausführte, „kleinen Gruppe“ von
       Syrern, die „uns“ nach Ansicht des Stadtbildneurotikers „Probleme“
       bereiten, die Quote nicht zu erreichen ist, dürfte selbst chronisch
       Konservativen klar sein. „In der längeren Perspektive von drei Jahren“
       müssen „uns“ also zwangsläufig all jene Geflüchteten verlassen, die derzeit
       noch als Metöken der Dienstleistungs- und Gesundheitsindustrie dafür
       sorgen, dass hierzulande Menschen versorgt, gewaschen und herumgefahren
       werden.
       
       Noch ist nicht bekannt, ob die Bundesregierung auch 80 Prozent der
       heimischen Kassenpatienten oder ÖPNV-Passagiere aus dem Land werfen will,
       um den Versorgungsschlüssel zu halten. Ebenso wenig verriet der
       Klartextschwadronierer Merz, mit welchen Vergrämungsmaßnahmen er
       hunderttausende etablierter und integrierter Migranten zurück in ein
       kriegszerstörtes Land treiben will, aber die „Drecksarbeit“ überlässt der
       Kanzler bekanntlich gern anderen – in diesem Fall wohl den rassistischen
       Propagandascheuchen der AfD.
       
       Den Willen syrischer Allgemeinmediziner könnten allenfalls Patienten wie
       Regine Göppel brechen. Mittlerweile hat die Rentnerin ihren Hausarzt in
       seinem Eigenheim am Stadtrand aufgestöbert. Dr. Al-Saadi ist durchaus nicht
       ausgewandert, vielmehr ist seine Praxis heute wegen einer Familienfeier
       geschlossen. „Bin ich froh, dass ich Sie noch erwische“, kräht Patientin
       Göppel und packt ihre verhornten Füße auf den festlich gedeckten Tisch.
       „Guckense mal, Herr Dokter, das tut hier immer so weh, wenn ich mit den
       Zehen wackele.“
       
       Ganz eindeutig ist die Antwort von Dr. Al-Saadi nicht zu verstehen. Doch
       einiges deutet darauf hin, dass der Mediziner gerade ein Aufflammen des
       syrischen Bürgerkriegs der Versorgung solcher Patienten vorziehen würde.
       
       15 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Satire
 (DIR) Schwerpunkt Syrien
 (DIR) Syrische Flüchtlinge
 (DIR) Aleppo
 (DIR) Migration
 (DIR) Kritische Infrastruktur
 (DIR) Ärzte
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Straße von Hormus
 (DIR) Teufel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Kommando Mumpitz
       
       Bevor man als Neu-Prepper teure Survival-Kits erwirbt, sollten erst einmal
       die Ramsch- und Kitsch-Reserven in den Haushalten verbraucht werden.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Leben auf der Straße von Hormus
       
       Weimers neuster Trick: Eine Armee von gestrandeten Influencern aus Dubai
       soll die sichere Straße von Hormus noch sicherer sichern.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Die vier Reittherapeuten der Apokalypse
       
       Mit Hilfe eines US-Milliardärs hat der Antichrist ein beeindruckendes
       Comeback hingelegt – ausgerechnet in Lüdenscheid.