# taz.de -- Ukrainer in Polen: Endstation Obdachlosenheim und Brotkammer
> Durch ein Gesetz der Tusk-Regierung verlieren immer mehr ukrainische
> Geflüchtete ihre Existenzgrundlage. Gefährdet sind vor allem besonders
> Hilfebedürftige.
(IMG) Bild: Mitglieder der ukrainischen Diaspora und polnische Unterstützer während der Demonstration „United We Will Win“ in Warschau
Im Hof vor der Brotkammer der polnisch-ukrainischen Stiftung Uniters in
Warschau steht eine lange Menschenschlange – Mütter mit ihren Kindern, alte
Frauen, denen die Sorgen tiefe Furchen ins Gesicht gegraben haben, Rentner
und Kriegsveteranen, die im Kampf gegen Russland ein Bein oder einen Arm
verloren haben. „Weiße Brötchen oder Kornecken?“, fragt eine der
Helferinnen in weißer Schürze.
Es duftet nach frischem Brot. Dabei sind alle Backwaren vom Vortag. „Ich
nehme ein Bauernbrot, vier weiße und zwei dunkle Brötchen“, sagt eine
70-Jährige, die mit ihren beiden Enkelkindern gekommen ist. „Und ich ein
einfaches, ehrliches Brot. Haben Sie so was?“, ruft ein ehemaliger Soldat
mit dünner Stimme. „Ja, sicher“, antwortet die Helferin und steckt ihm zwei
Kastenbrote in den Beutel.
Viktoria Batryn, die gemeinsam mit ihrer Mutter Halyna Andrushkov, die
Uniters 2014 gegründet hat und bis heute leitet, flüstert im Korridor
gegenüber der Ausgabestelle: „Es werden immer mehr. Seit die polnische
Regierung im März 2026 das Gesetz beschlossen hat, mit dem die
Hilfeleistungen für ukrainische Kriegsflüchtlinge auslaufen sollen,
verlieren vor allem Kranke, Arme, Behinderte, Kinder und Veteranen den
Boden unter den Füßen. Wir versorgen inzwischen jeden Monat rund 6.000
Ukrainer in Warschau mit Brot und Lebensmitteln.“
Die Tür zum Haupteingang an der Warschauer Hauptverkehrsstraße Aleje
Jerozolimskie ist heute geschlossen, da Busfahrer im großen Saal einen
Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Normalerweise werden hier die Lebensmittel
ausgegeben: Obst, Gemüse, Nudeln, Reis, Joghurt, Milch und vieles mehr.
In einem Kellerraum unter der Ausgabestelle stapeln sich die Kisten: „Das
geht alles an die Front“, erläutert Viktoria Batryn und öffnet die Tür zu
einem weiteren Kellerraum. Fünf Frauen flechten dort gerade Tarnnetze.
„Auch wenn wir hier in Warschau in Sicherheit sind, denken wir doch jeden
Tag an unsere Soldaten in der Ukraine“, sagt Batryn.
An die Front schicken sie alles, was gerade gebraucht wird. Außer
Tarnnetzen und Erste-Hilfe-Sets auch Helme, kugelsichere Westen, feste
Schuhe, Medikamente sowie haltbare Lebensmittel. Im ersten Stock deutet sie
auf drei gerahmte Soldaten-Fotos: „Das sind unsere gefallenen Freiwilligen.
Der in der Mitte ist mein Bruder.“
Dann öffnet sie ein kleines Arztzimmer, in dem sich neben einem Tischchen
und zwei Stühlen die Medikamentenpackungen bis unter die Decke stapeln.
„Durch das Gesetz verlieren alle ukrainischen Geflüchteten, die nicht
arbeiten, ihre Krankenversicherung in Polen“, sagt Andrushkov und deutet
auf einen halbvollen Karton. „Schmerzmittel“ hat jemand per Hand auf
Ukrainisch darauf geschrieben. „Ein Teil der gespendeten Medikamente geht
an die Front“, erklärt sie. Dann deutet Halyna Andrushkov auf Tisch und
Stühle. „Und hier können sich Geflüchtete ohne Krankenversicherung beraten
lassen. Wir helfen auch bei der Suche nach einem Arzt.“
Andrushkov schweigt einen Moment: „Aber bei Krebs, Demenz oder der
notwendigen Reha nach einem Schlaganfall oder Unfall können wir auch nicht
helfen.“ Manche würden dann zurück in die Ukraine gebracht, doch bei
Bombenalarm bringe niemand die Bettlägerigen und Behinderten in die
Luftschutzkeller. Die meisten jetzt in krasse Armut gefallenen Flüchtlinge
könnten auch nicht zurück, da ihre Wohnungen zerstört seien oder in
russisch besetzen Gebieten lägen. Doch auch in der Westukraine gebe es nur
noch wenige Hilfsangebote für Ausgebombte und Geflüchtete aus dem Osten des
Landes.
Daher landeten seit März 2026 immer mehr alte und kranke Ukrainer in
polnischen Obdachlosenheimen, obwohl es dort keine Pflege, kein
regelmäßiges Essen und auch kaum eine ärztliche Versorgung gebe. „Das wird
dann schnell zu einer Frage von Leben und Tod“, so Andrushkov.
„Wir versuchen diese Not zu lindern“, erklärt sie in ihrem Büro. „Unserer
Meinung nach verschlechtert das neue Gesetz vor allem die Situation von
Kranken, Rentnern und überhaupt der Schwächsten unter den ukrainischen
Geflüchteten.“ Daher hätten sie gemeinsam mit dem Internet-Portal
Oko.Press, der Stiftung Polnisches Migrationsforum sowie einem guten
Dutzend weiterer Hilfsorganisationen einen offiziellen Protest bei der
Regierung eingelegt und [1][die Zwei-Millionen-Złoty-Spendenaktion „Helfen
wir den Ukrainern!“] ins Leben gerufen. „So weit mir bekannt ist, gibt es
noch keine Reaktion vom Innenministerium. Wir warten weiter und hoffen auf
eine Nachbesserung des Gesetzes“, so Batryn.
Warschau-Wola, Stiftung „Ukrainisches Haus“
Stolz führt Oleksandr Pestrykov, Pressesprecher der Stiftung [2][Ukrainski
Dom („Ukrainisches Haus“)] durch die frisch renovierten Räume. „Bis vor
Kurzem war hier noch ein Tattoo-Studio“, erzählt er. Nach dessen Kündigung
habe die Stadt der Stiftung die Räume zur Miete angeboten, zusätzlich zu
denen nebenan. Jetzt gibt es hier eine ukrainische Bibliothek und einen
Lesesaal, im ersten Stock ist Platz für Sprachkurse, Schulungen und
Konferenzen.
„Das Hilfe-Auslauf-Gesetz ist besser als sein Ruf“, erklärt Pestrykov. „Da
unsere Stiftung sich auf die Rechtsberatung ukrainischer Geflüchteter
spezialisiert hat, hat man es uns vorher zur Konsultation zugeschickt.“ Wer
regulär arbeitet, Steuern, Krankenkassen- und Rentenbeiträge zahlt, für den
sei das Gesetz gut. „Die rechtliche Situation hat sich für diese Ukrainer
verbessert, da sie an die längerfristigen EU-Richtlinien angebunden wurde“,
so Pestrykov.
Arbeitende Ukrainer können auch – und das sei neu – einen dreijährigen
Aufenthaltsstatus in Polen beantragen. „Das bringt für die meisten Ukrainer
mehr Stabilität und Sicherheit ins Leben“, meint Pestrykov. Da rund 70
Prozent der knapp eine Million ukrainischen Geflüchteten in Polen legal
arbeiteten, sei das Gesetz für die Mehrheit von ihnen ein Fortschritt.
## Menschen ohne Wohnung, Kinder ohne Geld
„Wir haben aber auch auf die Mängel hingewiesen“, betont Pestrykov. Obwohl
das Gesetz die schwächsten Gruppen schützen wolle, tue es genau das nicht.
„Plötzlich standen Zehntausende ohne ein Dach über dem Kopf da, ohne
Kindergeld und ohne Krankenversicherung.“ Leider seien die
Verbesserungsvorschläge des Ukrainischen Hauses im Gesetz nicht
berücksichtigt worden.
Dabei würden die Krankenkassenbeiträge aller arbeitenden Ukrainer
ausreichen, um die Kosten für sämtliche Gesundheitsleistungen, die Ukrainer
in Polen benötigten, zu begleichen – auch für diejenigen, die aus welchen
Gründen auch immer nichts in die Kasse einzahlen könnten. „Wir sprechen
hier von knapp hunderttausend Kriegsflüchtlingen, nicht von Millionen
Menschen“, erklärt der Pressesprecher des Ukrainischen Hauses. Kein Pole
müsse dafür auch nur einen Złoty ausgeben.
5 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://pomagam.pl/en/kphc97
(DIR) [2] https://ukrainskidom.pl/
## AUTOREN
(DIR) Gabriele Lesser
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Polen
(DIR) Migration
(DIR) Geflüchtete
(DIR) Wohltätigkeit
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kolumne über leben
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Europäer und Ukraine fordern Putin zu Verhandlungen auf
In London sprachen Starmer, Merz und Macron dem Vorschlag Selenskyjs für
„direkten Dialog“ mit Moskau ihre Unterstützung aus. Der Kremlchef hatte
das zuvor abgelehnt.
(DIR) Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland: Willkommen auf Zeit
Im Berliner Unity Hub bekommen ukrainische Kriegsgeflüchtete Hilfe im
Alltag. Die Bundesregierung finanziert das Projekt auch mit Blick auf ihre
Rückkehr.
(DIR) 1.469 Tage Krieg in der Ukraine: Tarnnetze knüpfen in Lübeck
Nadija hat es trotz Krieg jahrelang in Kyjiw ausgehalten. In diesem Winter
wurde es ihr zu viel. Jetzt baut sie in Lübeck eine neue Existenz auf.
(DIR) Polnische Spenden für Ukraine: Generatoren für Kyjiw
Polen spenden innerhalb weniger Tage rund 1,2 Millionen Euro für
Stromgeneratoren. Die Ukrainer sind dankbar für diese dringend benötigte
Hilfe.