# taz.de -- Erweiterung der Europäischen Union: Montenegro ist auf dem Sprung
> 2026 will Montenegro die Verhandlungen abschließen und 2028 der EU
> beitreten. Die Signale aus Brüssel sind positiv, doch einfach dürfte es
> nicht werden.
(IMG) Bild: „Wir haben geliefert“: Die montenegrinische Europaministerin Maida Gorčević bei einem Auftritt in Budapest im April 2024
Montenegro will hoch hinaus. Wer auf dem Flughafen der Hauptstadt Podgorica
landet, bemerkt sofort die großen Lettern nebst Zahlen auf den Jets der
heimischen Flotte: „28 by 28 – The Next EU Member“ steht da geschrieben.
Auch in der Stadt selbst ist der Slogan allgegenwärtig – auf Bannern,
Plakaten und Billboards.
Vor öffentlichen Gebäuden flattert die montenegrinische Nationalflagge mit
einem goldenen Doppeladler auf rotem Grund, nicht selten in unmittelbarer
Nachbarschaft zur Europaflagge. Die Regierung hat sich ein ambitioniertes
Ziel gesetzt. 2028 soll das Land an der Adria, das einst zu Jugoslawien
gehörte, Mitglied der EU werden. Es wäre der erste Zuwachs für den
europäischen Staatenbund seit 2013, als der Beitritt Kroatiens erfolgte.
Montenegro, das 620.000 Einwohner*innen hat und flächenmäßig etwa so
groß wie Niedersachsen ist, hat seit seiner Unabhängigkeit am 3. Juni 2006
einige Pflöcke auf dem Weg gen Westen eingeschlagen. 55,49 Prozent der
Bevölkerung hatten sich an diesem Tag bei einem Referendum für die
Unabhängigkeit ihres Landes von der Staatenunion mit Serbien ausgesprochen.
2017 trat Montenegro der Nato bei. Den Euro hatte Podgorica bereits 2002
als offizielles Zahlungsmittel eingeführt – im Alleingang. Deshalb gibt es
auch keine montenegrinischen Euromünzen. Nach einem EU-Beitritt würde das
Land nicht automatisch Mitglied der Eurozone.
## Gebremste Reformbemühungen
Die Beitrittsverhandlungen mit der EU laufen seit 2012. Zwar mauserte sich
Montenegro schnell zum Spitzenreiter unter den Beitrittskandidaten. Doch
nach 2017 gerieten die Reformbemühungen ins Stocken. Das lag vor allem auch
an Milo Đukanović – langjähriger Präsident bzw. Ministerpräsident sowie von
1997 bis 2023 Vorsitzender der Demokratischen Partei der Sozialisten
Montenegros (DPS).
Mit den Jahren wurde sein Führungsstil zusehends autoritärer. Auch tauchte
Đukanović’ Name immer wieder in Zusammenhang mit Ermittlungen wegen
Zigarettenschmuggels im großen Stil auf. 2020 verlor die DPS zwar nicht die
Parlamentswahlen, aber die Macht. Bei den Präsidentenwahlen 2023 zog dann
auch Đukanović selbst den Kürzeren.
Im Oktober desselben Jahres wurde eine bis heute amtierende
Minderheitsregierung gebildet. Ihr gehören Vertreter*innen der Partei
Europa jetzt (PES), der proeuropäischen Partei Demokratisches Montenegro
(DCG), der Sozialistischen Volkspartei Montenegros sowie je ein Mitglied
von drei proeuropäischen Parteien an, die die albanische Minderheit
vertreten.
Am 24. Juni 2024 konnte die Koalition einen wichtigen Erfolg in Sachen
EU-Beitritt verbuchen. Montenegro erhielt von Brüssel das Gütesiegel IBAR
(Interim Benchmark Assessment Report). Dieser Zwischenbericht über
Rechtsstaatlichkeit, so er positiv ausfällt, attestiert einem
Beitrittskandidaten Fortschritte bei den wichtigsten Verhandlungskapiteln
23 (Justiz und Grundrechte) und 24 (Gerechtigkeit, Freiheit und
Sicherheit). Derzeit sind von 33 Kapiteln 14 vorläufig abgeschlossen. Doch
die Regierung gibt sich fest davon überzeugt, auch die restlichen Kapitel
bis zum Jahresende abarbeiten zu können.
## Routinierte Begrüßung
In ihrem Büro auf dem Bulevar Ivana Crnojevića im Zentrum von Podgorica
empfängt Maida Gorčević, Ministerin für europäische Angelegenheiten und
2023 auf dem Ticket der PES ins Parlament gewählt, an diesem Vormittag zu
einem Gespräch. „Willkommen in Montenegro, dem nächsten Mitgliedstaat der
EU“, sagt sie. Der Begrüßungssatz kommt ihr routiniert über die Lippen.
An der Wand hängt eine gerahmte Zeichnung. Darauf zu sehen ist eine blonde
Frau, die in einem Boot unter montenegrinischer Flagge sitzt, das gerade
eine hohe Welle nimmt. In der Hand hält sie ein blaues Kissen, auf dem ein
gelber Stern liegt. Im Hintergrund ragt ein Wegweiser mit der Aufschrift
„EU“ aus dem Wasser. „Das ist das Geschenk eines Künstlers“, sagt Gorčević
und lächelt dabei.
Dann legt sie los. Montenegro habe geliefert und werde auch weiter liefern.
Die Regierung werde alles tun, um Montenegro zu einer Erfolgsgeschichte zu
machen – für die eigenen Bürger*innen, die EU-Erweiterung und [1][den
Westbalkan] insgesamt. Ihr Land sei ein Gamechanger für alle
Beitrittskandidaten.
Dass einige EU-Mitgliedsstaaten Bedenken hätten, sei bekannt. Doch
Montenegro bringe viel in die EU ein, sagt Gorčević und nennt auch
strategische und geografische Aspekte, wie bessere Bahnverbindungen. Die
montenegrinische Bevölkerung sei hoch motiviert. Die Kosten für den
Beitrittsprozess Montenegros, umgelegt auf die Steuerzahler*innen in
den 27 EU-Mitgliedsländern, hielten sich in Grenzen: jährlich 8 Cent für
Montenegro. Dagegen würde der Beitritt für alle sechs Nichtmitgliedsstaaten
des Westbalkan 4,50 Euro kosten.
## Kein Plan B
Die Frage, ob es einen Plan B gebe, sollte sich der EU-Beitritt Montenegros
verzögern, verneint Gorčević. „Wir haben nur einen Plan A.“ Und überhaupt:
„Wenn wir fair spielen, bereit sind und es unsererseits den politischen
Willen gibt, dann ist es an der EU, nicht nur Montenegro, sondern auch den
anderen Kandidatenländern zu erklären, warum wir und die anderen warten
sollen. Was für eine Botschaft wäre das? Es geht ja nicht nur um die
Erweiterung, sondern es geht auch um Werte“, sagt Gorčević.
In die Lobeshymne auf die Regierung wollen nicht alle einstimmen. Daliborka
Uljarević ist geschäftsführende Direktorin des Zentrums für politische
Bildung (CCE) in Podgorica – einer Nichtregierungsorganisation, die sich
für die Förderung der Zivilgesellschaft einsetzt.
„Es ist leicht, der Musterschüler in einer Klasse voller schlechter
Schüler*innen zu sein. Korruption ist nach wie vor allgegenwärtig.
Manche würden sogar behaupten, sie sei heute teurer als früher, da es
weitaus mehr Akteure an der Macht gibt, die versuchen, ihre Partei- und
Partikularinteressen zu befriedigen“, zitiert die Deutsche Welle Uljarević.
Nichtsdestotrotz müsse Montenegro so schnell wie möglich EU-Mitglied
werden. Doch der Prozess müsse ordnungsgemäß ablaufen und Montenegro dürfe
der Union nicht als defekter Staat beitreten.
Korruption, Defizite bei Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – damit sind
nur einige neuralgische Punkte benannt. Denn auch der Einfluss Belgrads
stellt eine innenpolitische Herausforderung dar, die nicht zu unterschätzen
ist. Laut der letzten Volkszählung von 2023 identifizieren sich 33 Prozent
der Bevölkerung als Serb*innen.
## Serbiens Verbündeter in Montenegro
Ein politischer Satellit des serbischen Nachbarn ist die Partei „Für die
Zukunft Montenegros“ (ZBCG), die die Regierung stützt und mit Andrija
Mandić den Parlamentspräsidenten stellt. Der propagiert außenpolitisch ein
Gleichgewicht: gute Beziehungen zur EU bei gleichzeitigen [2][engeren
Beziehungen zu Russland] und Serbien.
Auch das Verhältnis von Serbiens Präsidenten Aleksandar Vučić zu dem
Nachbarn ist merklich distanziert. Eine Einladung zu Feierlichkeiten in
Montenegro aus Anlass des 20. Jahrestages der Unabhängigkeit schlug Vučić
aus. Seine Anwesenheit wäre in etwa so, als würde er sich selbst und seinem
Volk ins Gesicht spucken, gab Vučić zu Protokoll.
Ob dabei auch Neid auf die Fortschritte des „kleinen Bruders“ Montenegro
eine Rolle spielt? Seit vergangenem April gibt es eine EU-Arbeitsgruppe,
die einen Vertragsentwurf für Montenegros Beitritt ausformulieren soll. Das
Dokument gilt als Blaupause für andere Staaten, [3][wie zum Beispiel die
Ukraine und die Republik Moldau].
## Auf Abwegen
Erstmals wird der Vertrag demokratische Schutzklauseln enthalten – eine
Vorsichtsmaßnahme, sollte ein EU-Neuling auf Abwege geraten. Auch die
Möglichkeit, Ländern wie Montenegro nach ihrem Beitritt nicht sofort ein
Vetorecht in außenpolitischen Fragen einzuräumen, steht zur Diskussion.
Angesichts unerfreulicher Erfahrungen, vor allem mit Ungarns ehemaligem
Regierungschef Viktor Orbán, hat Brüssel offensichtlich etwas gelernt.
Doch es könnte weiteres Ungemach dräuen. Den Beitrittsvertrag müssen alle
27 EU-Mitglieder abnicken und anschließend ratifizieren lassen. Angesichts
von bevorstehenden Wahlen in einigen EU-Mitgliedstaaten, die die
Machtverhältnisse verändern könnten, ist das kein Selbstläufer. So ist in
Frankreich für die Ratifizierung entweder eine Volksabstimmung oder eine
Dreifünftelmehrheit in beiden Kammern des Parlaments obligatorisch.
Doch das alles ist noch Zukunftsmusik. In einer Seitenstraße des
Marktplatzes von Podgorica reihen sich Cafés und Bars lückenlos aneinander.
An diesem Abend, es ist ein ganz gewöhnlicher Werktag, sind freie Plätze
Mangelware. Live-Musiker*innen, aber auch zahlreiche Lautsprecherboxen
beschallen die Gäste nach Kräften und torpedieren jegliche Versuche, sich
zu unterhalten. Hier ist Europa schon längst angekommen – zumindest, was
die Preise angeht. Ein Glas montenegrinischen Weins kostet fünf Euro.
Zugegeben: Gut ist er.
Transparenzhinweis: Die Recherchen für diesen Text fanden im Rahmen einer
von der EU-Kommission finanzierten Pressereise nach Montenegro statt.
5 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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