# taz.de -- Korruption in Albanien: Großer Knall um Vizeministerpräsidentin
> Belinda Balluku soll Unternehmen bei Großaufträgen bevorzugt haben. Die
> Korruption im Land macht die Menschen wütend – und erschwert den
> EU-Beitritt.
(IMG) Bild: Regierung korrupt, Menschen auf der Straße: Ein Mann wirft eine Tränengasgranate vor dem Parlament in Tirana
Am Dienstagabend erhellten explodierende Molotowcocktails und
Feuerwerkskörper die Straßen der albanischen Hauptstadt Tirana. Tausende
Menschen protestierten gegen die Regierung von Premier Edi Rama. Sie riefen
„Rama muss weg!“, schleuderten zum Teil Steine und Brandsätze gegen
Regierungsgebäude. Die Polizei reagierte mit Tränengas und Wasserwerfern.
Laut albanischer Polizei wurden 16 Polizist:innen verletzt und
mindestens 13 Menschen festgenommen.
Der Grund für die Ausschreitungen: ein Korruptionsfall in den engsten
Regierungskreisen. Belinda Balluku, Infrastrukturministerin und
stellvertretende Ministerpräsidentin, wird vorgeworfen, sich in öffentliche
Ausschreibungen eingemischt zu haben, sodass bestimmte Unternehmen bei
Großaufträgen bevorzugt wurden.
Schon im Dezember beantragte die Sonderbehörde zur Bekämpfung von
Korruption, SPAK, die Aufhebung ihrer parlamentarischen Immunität, um sie
verhaften zu können. Doch das von Regierungschef Edi Ramas Sozialisten
dominierte Parlament weigert sich seit Wochen, darüber abzustimmen. Die
Frist läuft Mitte März ab – dann wäre der Antrag automatisch abgelehnt.
## Schutz vom Ministerpräsidenten
Rama scheint Balluku, die zu seinen engsten Vertrauten zählt, um jeden
Preis schützen zu wollen, und sprach von einem „brutalen Eingriff in die
Unabhängigkeit der Exekutive“. Um diesen „Eingriff“ zu verhindern, kündigte
er am Montag an, ein entsprechendes Gesetz vorzuschlagen. Rama regiert das
Land bereits seit 2013 – zunehmend autoritär.
Der Skandal um Balluku ist bei Weitem nicht der einzige Korruptionsfall in
Ramas Umfeld. So wurde Erion Veliaj, Bürgermeister von Tirana und
Parteifreund Ramas, im Februar des vergangenen Jahres wegen des Verdachts
der Korruption und Geldwäsche festgenommen. Zwei ehemaligen Ministern Ramas
wird Unterschlagung und Machtmissbrauch vorgeworfen. Und der ehemalige
Präsident Ilir Meta wurde wegen Korruption und Geldwäsche im Oktober 2024
festgenommen.
Rama selbst hatte diese Verhaftungen gerne als Beweis präsentiert, dass
„niemand über dem Gesetz steht“. Doch seine Weigerung, die Verhaftung
seiner Vizeregierungschefin zuzulassen, entlarvt, wie ernst es ihm wirklich
mit der Bekämpfung von Korruption ist.
Künstliche Intelligenz als Ministerin
Im September vergangenen Jahres hatte Rama für Empörung bei der Opposition
gesorgt, als er [1][eine künstliche Intelligenz zur Ministerin für KI]
ernannt hatte. „Diella“ soll sich auch um Entscheidungen der öffentlichen
Auftragsvergabe kümmern und dafür sorgen, dass die „zu 100 Prozent frei von
Korruption“ sind, hatte Rama damals gesagt. Das hat offenbar nicht
geklappt. Sali Berisha, der Vorsitzende der oppositionellen Demokratischen
Partei, kritisierte damals, es sei völlig intransparent, wer die KI
eigentlich kontrolliere und Verfassungsbeschwerde angekündigt.
Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung sind eine zentrale Voraussetzung
für den Beitritt Albaniens zur Europäischen Union. Das Land ist seit 2014
offiziell Beitrittskandidat. In dem Rahmen läuft seit 2016 eine umfassende
Justizreform. Ihr Kern ist ein rigoroses „Vetting“-Verfahren, bei dem alle
Richter:innen und Staatsanwält:innen auf Vermögen, Eignung und
kriminelle Verbindungen durchleuchtet werden. Hunderte Justizbeamte wurden
entlassen, neue Sonderinstitutionen wie SPAK entstanden.
Ein [2][EU-Bericht aus dem Jahr 2025] attestierte Albanien große
Fortschritte auf dem Weg in die EU. Die Überprüfung aller Richter erster
Instanz sei abgeschlossen, vier neue Verhandlungskapitel geöffnet. Doch im
selben Bericht steht: Versuche von Politiker:innen, „Druck auf die Justiz
auszuüben“, gäben weiterhin „Anlass zu ernster Besorgnis“. Im aktuellen
Korruptionsfall reagierte die Europäische Kommission ungewöhnlich direkt.
Ein Sprecher der Kommission forderte das Parlament gegenüber [3][ReportTV]
auf, „unverzüglich über die Verfahren zur Aufhebung der Immunität (von
Belinda Balluku, Anm. d. Red.) zu entscheiden“.
## Fall Balluku wird zum Lackmustest
So wird der Balluku-Fall gerade zum Lackmustest. Oppositionsführer Berisha
warf Rama vor, „dem Justizsystem den Krieg“ zu erklären. Bei der
Demonstration am Dienstagabend nannte er Rama „die gefährlichste Bedrohung“
des Landes. Dabei steht Berisha, der vor Rama acht Jahre Ministerpräsident
des Landes war, selbst wegen Korruptionsvorwürfen unter Hausarrest.
Die Politik in Albanien ist stark von der Rivalität zwischen der
Demokratischen und der Sozialistischen Partei geprägt. Beide werfen sich
immer wieder gegenseitig Korruption und Verbindungen zum organisierten
Verbrechen vor. Rama nannte Berisha auf der Plattform X am Mittwoch einen
„verblendeten 80-Jährigen“. Die Demokratische Partei ruft seit Jahren immer
wieder zu Protesten gegen Ramas Regierung auf, die dann in Gewalt
eskalieren – zuletzt vor zwei Wochen, als schon Molotowcocktails
Regierungsgebäude trafen. Die nächsten Proteste kündigte Berisha für den
20. Februar an.
11 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Albanisches-Regierungsmitglied/!6112487
(DIR) [2] https://enlargement.ec.europa.eu/albania-report-2025_en
(DIR) [3] https://albaniandailynews.com/news/eu-says-albanian-parliament-must-act-without-delay-on-immunity-requests
## AUTOREN
(DIR) Jana Lapper
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