# taz.de -- Polizeiskandal in Großbritannien: Verblutet vor laufender Polizeikamera
       
       > Großbritanniens neuester Polizeiskandal um den Tod von Henry Nowak erregt
       > das Land. Die radikale Rechte macht mobil, die Regierung mahnt zur Ruhe.
       
 (IMG) Bild: Zum Nachlesen: Protestierende vor der Polizeiwache in Southampton konfrontieren die Beamten mit Henry Nowaks letzten Worten
       
       Millionen von Menschen in Großbritannien haben die letzten Minuten von
       Henry Nowak vor seinem Tod inzwischen gesehen, [1][aufgenommen mit den
       Bodycams der Polizei]. Der 18-Jährige liegt auf dem Boden, umgeben von
       Polizisten. Der Junge sei runtergefallen, „sein Mund ist voll Blut“,
       erklärt ein Mann den Beamten. Der Junge ruft apathisch „I’ve been stabbed“
       (Auf mich ist eingestochen worden). Die Beamten zerren ihn ins Licht, aber
       untersuchen ihn nicht näher. „Ich glaube nicht, Freundchen“, sagt
       schließlich einer.
       
       Die Polizei dreht Henry Nowak um, erklärt ihm, dass er wegen eines
       tätlichen Angriffs festgenommen ist, und liest ihm seine Rechte vor. „I
       can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen) ruft er mehrfach, insgesamt neunmal,
       seine Stimme wird dünner. Die Reaktion der Polizei: „Leg deine Hand in die
       Handschellen.“ Nowak wird bewusstlos. Eine Polizistin ruft schließlich
       einen Krankenwagen. Als der Arzt kommt, ist es zu spät.
       
       „I can’t breathe“ rief der Schwarze George Floyd in den USA, als ein
       Polizist ihn am 25. Mai 2020 festnahm und ihm mit seinem Knie die Gurgel
       zudrückte, bis er tot war. Der Satz wurde zum weltweiten Schlachtruf der
       Protestbewegung Black Lives Matter gegen Polizeigewalt. Nun stirbt ein
       junger weißer Engländer mit denselben Worten auf den Lippen in den Händen
       der Polizei, und wieder geht es um die Welt.
       
       „Mir wurde schlecht“, sagt Großbritanniens Premierminister Keir Starmer am
       Mittwoch im Parlament zu diesen Aufnahmen. Henry Nowak wurde mit einer
       Stichwaffe tödlich verletzt, aber die Polizisten verhafteten ihn, statt ihm
       zu helfen, weil sein Mörder, der 23-jährige indischstämmige Vickrum Singh
       Digwa, sich als Opfer eines rassistischen Überfalls ausgab.
       
       ## Lebenslange Haft
       
       All das geschah am 3. Dezember 2025, aber erst jetzt wird es bekannt. Denn
       am 1. Juni wurde Digwa im südenglischen Southampton wegen Mordes zu
       lebenslanger Haft verurteilt. In seiner Urteilsbegründung am Montag fasste
       der Richter den Ablauf der Ereignisse zusammen. Dann gab er die
       Videoaufnahmen frei. Sie waren Beweismittel gegen den Täter in den Händen
       des Gerichts – und sie sind nun Beweismittel gegen die Polizei in den
       Händen der Öffentlichkeit.
       
       Henry Nowak, teils polnischer Abstammung, feierte am 3. Dezember 2025 mit
       Studienfreunden das Semesterende. Auf dem Heimweg stieß er auf Vickram
       Digwa, der gerade aus einem Auto stieg – in der zeremoniellen Kleidung
       seiner Sikhreligion, mit traditionellen Messern, eines davon offen
       sichtbar. Dass Nowak Digwa „angerempelt“ habe, erklärt der Richter zu einer
       Lüge. Der junge Student fotografierte aber den jungen Mann in Sikhtracht
       mit seinem Handy und sprach ihn an. Digwa entriss ihm das Handy und es kam
       zur Rangelei, in deren Verlauf Digwa fünfmal auf Nowak einstach, unter
       anderem in die Brust.
       
       Als Nowak schwerverletzt fliehen wollte – nach späteren Erkenntnissen war
       sein Brustkorb da bereits vollgelaufen mit Blut –, rief Digwa seinen Bruder
       an, der die Eltern einschaltete, die Polizei anrief und etwas von einem
       rassistischen Überfall erzählte. Die Familie kam, eine Viertelstunde später
       die Polizei. Und weil sie von einem rassistischen Überfall ausgingen,
       nahmen sie Nowaks kritischen Zustand nicht ernst.
       
       „Sie waren dabei, als Henry sagte, dass er stirbt, und immer noch sagten
       Sie nicht die Wahrheit“, so der Richter. Digwa habe fortwährend gelogen und
       seine Familie mit hineingezogen, seine Mutter entsorgte die Tatwaffe. Als
       Digwa schließlich doch festgenommen wurde, legten ihm die Beamten nicht
       einmal Handschellen an.
       
       Das Entsetzen ist in Großbritannien groß – und es ist für manche eine
       Steilvorlage. Rechtspopulistenführer Nigel Farage, Chef der Partei Reform
       UK, forderte [2][in einer „Rede an die Nation“] am Dienstag Empörung.
       „White Lives Matter gilt genauso wie Black Lives Matter“, sagte Farage und
       verlangte „Gleichheit vor dem Gesetz“. Am Dienstagabend folgten in
       Southampton rund 1.000 Menschen einem Demonstrationsaufruf des
       Rechtsextremistenführers Tommy Robinson.
       
       Es gab Flaschen- und Steinwürfe auf die Polizei und den Versuch, in das
       Haus der Familie Digwa einzudringen. „Was wollt ihr machen, uns
       umbringen?“, riefen wütende Demonstranten den Beamten zu. „I can’t
       breathe“, der Schlachtruf der Black-Lives-Matter-Bewegung, wurde zum
       Schlachtruf der Rechten. Weitere Proteste werden erwartet.
       
       Die Reaktion der Regierung von Labour-Premierminister Keir Starmer war
       nicht wirklich souverän. Die Protestierenden hätten „überreagiert“, sagte
       Polizeiministerin Sarah Jones am Mittwoch. Innenministerin Shaba Mahmoud
       drohte ihnen mit der „vollen Härte des Gesetzes“. Die involvierten
       Polizeibeamten sind hingegen bisher nicht belangt worden. Die konservative
       Oppositionsführerin Kemi Badenoch traf eher den richtigen Ton. Ein „Weckruf
       für das ganze Land“ müsse dieser Skandal sein, sagte sie im Parlament.
       Zuvor hatte sie im Fernsehen gesagt, man komme hier mit Wut und
       Aufwiegelung nicht weiter.
       
       Auf den Stufen des Gerichtsgebäudes in Southampton hatte die Familie von
       Henry Nowak am Montag dazu aufgerufen, den Mord nicht für Hass und Spaltung
       zu instrumentalisieren. Darauf beziehen sich jetzt viele
       Regierungspolitiker – aber sie verschweigen, was sonst noch gesagt wurde:
       Die Regierung müsse Messerkriminalität endlich als Notstand bekämpfen und
       alle Stichwaffen verbieten, [3][sagte Vater Mark Nowak]. Niemand solle mehr
       mit langen Messern auf der Straße herumlaufen dürfen. Und: „Henry hätte
       nicht auf den Straßen von Southampton in Polzeigewahrsam sterben dürfen.“
       
       3 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=dJ9TNG9ZHcE
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=pBFH3ydyfKs
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=PzUYhuwTUmY
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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