# taz.de -- Schwere Luftangriffe auf Kyjiw: „Wir dachten, wir überleben die Nacht nicht“
> In der Nacht zu Dienstag griffen die russischen Streitkräfte die
> ukrainische Hauptstadt mit Hyperschallwaffen und Raketen an. Es gab
> mindestens 6 Tote.
(IMG) Bild: Verwüstungen nach einem nächtlichen Luftangriff auf Kyjiw, 2. Juni 2026
Nach einem heftigen Drohnen- und Raketenangriff in der Nacht zu Dienstag
kommt Kyjiw erst langsam wieder zu sich. Konditorin Olena Stolbon war schon
beim ersten Luftalarm in der Nacht mit ihren Kindern in den Schutzraum
ihres Hauses gerannt. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf schlug eine
ballistische Rakete ein. Die Leichen ihrer Nachbarn liegen am
Dienstagmorgen noch immer unter Rettungsdecken im Hauseingang.
„Achtung, es fliegen Zirkone auf uns zu“, schreit jetzt eine Mitarbeiterin
des Katastrophenschutzes. Sie meint die gleichnamige Hyperschallrakete,
eine der modernsten Waffen, über die Russland derzeit verfügt. „Wir haben
Angst, dass es noch einen Angriff auf den gleichen Ort gibt. So eine
Doppelschlagtaktik nutzen die Russen häufig“, sagt Olena, während sie jetzt
zum zweiten Mal in den Schutzraum im Keller läuft.
Der ganze Kellerfußboden ist mit Verbandsmaterial, Blut und
Kleidungsstücken bedeckt. „Gegen halb vier nachts gab es eine Explosion.
Und plötzlich kamen Verletzte mit blutüberströmten Kindern in den Keller“,
erzählt Olena. „Erst nach einer Stunde kam ein Rettungswagen. Deshalb
leisteten die Menschen selber Erste Hilfe. Einer Frau war ein Bein
abgerissen worden. Ihr Dreijähriger hatte eine Verletzung am Arm, jemand
hat ihn verbunden. Und ich habe den zweiten Sohn beruhigt, den
Vierjährigen. Er hatte zum Glück nur Blutergüsse. Aber ein anderer Junge
war schwer verletzt.“ Während Olena erzählt, zittern ihre Hände.
Angriff in Wellen
Nach Angaben des staatlichen Katastrophenschutzdienstes in Kyjiw wurden bei
dem Angriff am 2. Juni im Stadtgebiet 30 Orte getroffen. Dabei wurden 66
Menschen verletzt, 6 kamen ums Leben, weitere 32 Menschen konnten aus den
Trümmern und den brennenden Gebäuden gerettet werden.
„Es war ein kombinierter Angriff mit Shahed-Drohnen, ballistischen und
Hyperschallraketen. Und er kam in mehreren Wellen. Das heißt, nach dem
ersten Angriff gab es Entwarnung, die Leute gingen zum Schlafen in ihre
Wohnungen zurück, und dann kam eine weitere Attacke“, sagt Pawlo Petrow,
Pressesprecher des Katastrophenschutzes. „Man kann nicht sagen, dass sie
nur auf die Energieversorgung oder auf strategische Objekte gerichtet war.
Sie haben einfach versucht, so viele Orte wie möglich zu treffen“, so
Petrow.
Von Dutzenden Autos in der Umgebung stehen nur noch verkohlte Reste,
daneben entwurzelte Kastanien- und Lindenbäume. Auf dem Asphalt sind
Blutflecken zu sehen, daneben liegen Kinderschuhe.
Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko teilte am Vormittag auf seinen
Social-Media-Kanälen mit, dass immer noch neue Angaben zu Verletzten aus
den Krankenhäusern kämen. „In der ganzen Stadt wurden Wohnhäuser,
Tankstellen und medizinische Einrichtungen beschädigt“, so Klitschko.
„Präsident Selenskyj hatte uns vorgewarnt“
Wiktorikja Stepanets war schon am Abend mit ihrer 13-jährigen Tochter
Walerija zum Schlafen in einen Schutzraum gegangen. „Schon seit einer Woche
wurde vor diesem Angriff gewarnt, gestern hat auch Präsident Selenskyj
darüber gesprochen. Wir hatten Angst“, sagt die 38-Jährige und umarmt ihre
noch immer zitternde Tochter. Während der Angriffe hatte Walerija einen
Panikanfall.
Und tatsächlich, am 1. Juni hatte Präsident Selenskyj in seiner
Videobotschaft gesagt: „Die Warnungen der Geheimdienste vor russischen
Angriffen bleiben bestehen. [1][Ein massiver Angriff ist möglich], sie
haben ihn möglicherweise vorbereitet. Unsere Luftverteidigung ist rund um
die Uhr so gut wie möglich vorbereitet.“
Wegen dieser Warnungen [2][hatten zahlreiche Kyjiwer die Nacht in der
Metro] und in Schutzräumen verbracht. Mitarbeitende der Notfallbehörde
meinen, die Zahl der Toten sei deshalb, im Vergleich zu denen nach
Angriffen im Winter, verhältnismäßig niedrig.
„Wir dachten, dass wir diese Nacht nicht überleben. Im Schutzraum waren
viele alte Menschen und Kinder. Es war so wenig Platz, dass niemand sich
hinlegen konnte. Alle blieben sitzen, damit der Platz überhaupt reichte“,
sagt Wiktorija. Und ergänzt: „Meine Tochter hatte furchtbare Angst, als
unser Haus getroffen wurden. Die Explosion hat die Tür zum Schutzraum
herausgerissen, und wir wurden mit Staub überschüttet. Es war die
schlimmste Nacht unseres Lebens.“
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
2 Jun 2026
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