# taz.de -- Schwere Angriffe auf Kyjiw: Schutz im Schacht
       
       > In der Nacht flog Russland heftige Angriffe auf Kyjiw und andere Städte.
       > Unser Autor sucht Schutz in U-Bahn-Schächten – nicht nur er.
       
 (IMG) Bild: Entsetzen nach dem Einschlag einer russischen Raketen in Kyjiw auf ein Wohnhaus am 2. Juni 2026
       
       Wieder einmal hatten die einschlägigen Telegram-Kanäle für die Nacht
       [1][einen starken Luftalarm angesagt]. Und so strömen viele Menschen, junge
       Frauen, ganze Familien, ältere Damen, Richtung U-Bahn Polytechnisches
       Institut. Dass sie in dieser Nacht in der U-Bahn bleiben wollen, ist
       unschwer zu erkennen. Sie tragen Rucksäcke, führen Koffer, Campingstühle,
       Schlafsäcke, Katzen und andere Haustiere mit sich und begeben sich dann auf
       die Rolltreppe, die sie in schnellem Tempo in die Tiefe bringt, 90 Meter
       unter der Oberfläche.
       
       Doch nicht alle haben Glück. Wer nach 22 Uhr die U-Bahn-Station
       Polytechnisches Institut betritt, findet keine freie Liegestelle mehr. Und
       eine ganze Nacht stehend verbringen will man nun auch nicht. Doch die
       Mitarbeiterin der U-Bahn, eine vierzigjährige rothaarige Frau mit einer
       dunkelblauen Uniformjacke, kennt die suchenden Blicke.
       
       „Wissen Sie“, sagt sie mir, „die U-Bahn-Stationen in den Schlafvierteln
       sind jetzt alle ziemlich voll. Versuchen Sie es doch mal auf der
       U-Bahn-Station Teatralna. Das ist ein Gebiet mit vielen Büros und
       Verwaltungen und wenig Wohnungen. Und da dort außerdem bis 23 Uhr sehr viel
       Betrieb herrscht, wollen nur wenige Menschen dort übernachten. Dort finden
       Sie sicher einen Liegeplatz.“
       
       Sie sollte recht behalten. Auf dem Weg zur Teatralna bietet sich bei allen
       Stationen, an denen die Metro hält, das gleiche Bild: überall viele
       Menschen am Boden, kaum freie Liegeplätze. Anders auf der Teatralna. Da
       sind nur wenige Übernachtungswillige. Man hat also viel Platz. Schlafen ist
       in dieser Situation gut möglich. Routiniert holt man seinen Schlafsack
       raus, legt die Isomatte und das Reisekopfkissen auf den Boden. Dann
       schließt man die Powerbank ans Telefon. Niemand stört beim Schlafen.
       
       ## „Wir haben mehr Arbeit als vor dem Krieg“
       
       Vor zwei Tagen, bei meiner Übernachtung auf der Station am Polytechnischen
       Institut, war das noch anders. Da war eine Putz- und Renovierkolonne in der
       U-Bahn zugange. Flink hatten die Männer und Frauen in ihren
       fluoreszierenden orange Westen die oberste Etage auf dem Gerüst erklommen
       und sich an die Bearbeitung der Decke gemacht. Es wurde gemalt, Risse
       wurden zugespachtelt.
       
       „Wir haben nun immer mehr Arbeit als vor dem Krieg“, sagte mir ein
       Mitarbeiter, der von unten seine Kollegen an der Decke beobachtete. „Wir
       verspachteln immer die Risse, jede Nacht auf einer anderen U-Bahn-Station.
       Früher hatten wir das gelegentlich gemacht. Doch seit Kriegsbeginn häufen
       sich die Risse. Gleichzeitig haben wir nur noch wenige Mitarbeiter. Viele
       sind im Krieg, tot, verstecken sich vor der [2][Militärbehörde TZK] oder
       sind im Ausland. Wir suchen händeringend nach Mitarbeitern. Ich habe schon
       24 Stunden nicht geschlafen.“
       
       Am Morgen um kurz nach fünf wird die Notbeleuchtung auf Vollbeleuchtung
       umgeschaltet. Um 5.52 Uhr kommt die erste U-Bahn, die mich nach Hause
       bringt. Und an jeder Station, an der die U-Bahn hält, das gleiche Bild:
       Menschen mit Koffern, Schlafsäcken und Isomatten, die ein- oder aussteigen.
       
       Schließlich stehe ich vor dem Haus, in dem ich wohne. Im Hinterhof sitzen
       fünf Männer zusammen, unterhalten sich angeregt. Sie waren offensichtlich
       nicht in der U-Bahn. Wahrscheinlich aus Angst vor der gefürchteten
       Wehrbehörde TZK, die gerne an belebten Orten wehrfähige Männer aufgreift,
       um sie an die Front, oder wie man in der Ukraine sagt in die „Kill Zone“ zu
       schicken.
       
       7.20 Uhr. Man kann sich kaum an diesem wunderschönen Morgen mit
       zwitschernden Vögeln und grünen Laubbäumen vor dem Haus erfreuen. Allein
       bei uns in Kyjiw sollen vier Menschen getötet worden sein. 58 wurden
       verletzt, darunter zwei Kinder. Völlig unerwartet donnert es zweimal. Hat
       offensichtlich in meiner Nähe irgendwo eingeschlagen. Mit leicht zitternden
       Fingern tippe ich weiter auf meinem Notebook.7.48 Uhr: „Entwarnung“, sagt
       meine App. [3][Aus Odessa ruft eine Freundin an]: „Was ihr diese Nacht
       erlebt habt, haben wir hier ständig. Und wir haben keine U-Bahn.“
       
       2 Jun 2026
       
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