# taz.de -- Fehlende Kapazitäten im Stromnetz: Kritik an Reiches Plänen zum Netzausbau
       
       > Die Wirtschaftsministerin will neue Regeln für Stromnetzanschlüsse von
       > Erneuerbaren. Germanwatch und Deutsche Umwelthilfe haben Gegenvorschläge.
       
 (IMG) Bild: Häufig mit Wartezeiten beim Netzanschluss: Windrad im Siegerland
       
       Kein Anschluss an dieses Netz: Fehlende Kapazitäten im deutschen
       Stromleitungssystem verhindern, dass Windräder oder Solaranlagen ans Netz
       angeschlossen werden können. [1][Bundeswirtschaftsministerin Katherina
       Reiche (CDU)] plant nun zwar neue Spielregeln für die Anschlusspolitik –
       aber diese sind kontraproduktiv und führen zu einer falschen Steuerung,
       warnen die Umweltorganisationen Germanwatch und Deutsche Umwelthilfe. Um
       die Netzblockaden aufzulösen, seien andere Schritte nötig.
       
       Die Organisationen erheben ihre Forderungen vor dem Hintergrund [2][einer
       gerade veröffentlichten Studie des Beratungsunternehmens AFRY.] Die
       Autor:innen haben anhand des Marktstammdatenregisters der
       Bundesnetzagentur und der öffentlichen Strommarktdatenbank SMARD
       untersucht, wie viele Erneuerbaren-Anlagen und Batteriespeicher mit einer
       Leistung von mehr als einem Megawatt auf einen Netzanschluss warten.
       
       Danach ist der Bedarf an Stromnetzanschlüssen in naher Zukunft immens. Die
       Autor:innen schätzen, dass es in Deutschland etwa 40.000 Projekte gibt,
       deren Betreiber:innen einen Anschlussantrag gestellt oder eine Zusage
       haben, aber nicht angeschlossen sind. Der Grund: nicht gelegte Leitungen
       oder unfertige Anlagen. Den Schätzungen zufolge begehren
       Erneuerbaren-Projekte mit einer Gesamtleistung von 140 Gigawatt und
       Batteriespeicher mit 130 Gigawatt Leistung einen Anschluss. Und das ist
       nicht der gesamte Bedarf. Hinzu kommen Anschlusswünsche von
       Verbraucher:innen, etwa aus der Industrie. Sie sind in der Studie nicht
       berücksichtigt.
       
       Der Bedarf an Anschlüssen ist also enorm. Immer wieder kommt es zu langen
       Wartezeiten, fertige Anlagen müssen auf eine Anbindung ans Netz warten. Das
       sieht auch Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Sie [3][will mit einem
       „Netzpaket“ die Spielregeln ändern].
       
       ## „Netzpaket ungeeignet, den Flaschenhals zu beseitigen“
       
       Ein Punkt: Die sogenannten Verteilnetzbetreiber sollen mehr Macht bekommen.
       Die Verteilnetzbetreiber, das sind zum Beispiel Stadtwerke oder Töchter von
       Energiekonzernen, sind die entscheidende Instanz für den Netzanschluss vor
       Ort. Von ihnen gibt es bundesweit mehr als 850. Heute haben
       Projektbetreiber einen Anspruch auf einen Netzanschluss – der sich aus
       technischen Gründen oder wegen fehlender Kapazitäten verzögern kann.
       
       Die Ministerin will einen sogenannten Redispatch-Vorbehalt einführen:
       Derzeit bekommen Erneuerbare-Anlagen eine Entschädigung, wenn sie wegen
       Netzüberlastung abgestellt werden. Das soll künftig für zehn Jahre in
       Netzgebieten wegfallen, in denen heute mehr als 3 Prozent des theoretischen
       Jahresstromertrags abgeregelt wird. In diesen Gebieten sollen
       Verteilnetzbetreiber einen größeren Spielraum bei der Anschlussvergabe
       bekommen.
       
       „Das Netzpaket ist völlig ungeeignet, den Flaschenhals Verteilnetzanschluss
       zu beseitigen“, sagt Imke Irmer, Teamkoordinatorin Erneuerbare und
       Infrastruktur bei der Deutschen Umwelthilfe. Das sieht auch Henri Schmitz,
       Energieexperte von Germanwatch, so. „Die von Ministerin Reiche vorgesehenen
       Instrumente sind kontraproduktiv“, sagt er.
       
       Der Redispatch-Vorbehalt werde dazu führen, dass Investitionen in
       Erneuerbare einbrechen. Denn Banken würden wegen der unsicheren Ertragslage
       Anlagen teilweise nicht mehr finanzieren. Schmitz hält es für den richtigen
       Weg, den Zubau von Erneuerbaren in Gebiete zu verlagern, die mehr freie
       Netzkapazitäten haben – aber nicht so, wie Reiche es plant. Es gebe bessere
       Instrumente, zum Beispiel die Einführung regional differenzierter Zuschüsse
       der Anlagenbetreiber zu den Ausbaukosten.
       
       Dass Verteilnetzbetreiber beim Netzanschluss zusätzliche Spielräume
       bekommen sollen, hält Schmitz für keine gute Idee. Auch hier sieht er zwar
       Handlungsbedarf. „Wir brauchen Instrumente, um mit der Flut von Anträgen
       umzugehen.“ Aber seiner Auffassung nach sollten nicht – wie von Reiche
       vorgesehen – die Verteilnetzbetreiber die Prioritäten für eine
       Anschlussvergabe setzen.
       
       „Sie würden damit unter anderem entscheiden, welche Wirtschaftszweige sich
       in einer Region entwickeln können und welche nicht“, kritisiert er.
       Außerdem sei zu fürchten, dass viele Verteilnetzbetreiber ihre Prioritäten
       so setzen, dass sie möglichst wenig investieren und digitalisieren müssen.
       „Es sind klare politische Vorgaben nötig, wie die Anschlussprioritäten
       aussehen sollen“, fordert Schmitz. Ansonsten drohe ein Flickenteppich an
       Vorgaben. In anderen europäischen Ländern, etwa in Griechenland, werden
       Anschlussanfragen nach einheitlichen Vorgaben bedient.
       
       Der AFRY-Studie zufolge führen auch spekulative Anfragen vor allem von
       Stromspeicherbetreibern zu Verzögerungen beim Netzanschluss. Denn weil es
       so schwierig ist, eine Zusage für einen Anschluss zu bekommen, werden viele
       Anträge auf Vorrat gestellt – und verzögern die Genehmigungen. Schmitz
       schlägt deshalb vor, dass Antragsteller eine Reservierungsgebühr zahlen,
       die bei Realisierung zurückerstattet wird.
       
       Der Energieexperte sieht auch Positives in Reiches Netzpaket: Ein
       Fortschritt sei, dass die Netzbetreiber künftig Transparenz über freie
       Anschlusskapazitäten schaffen sollen und es Vorgaben für die
       Digitalisierung der Anschlussverfahren geben soll.
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Katherina-Reiche/!t6100268
 (DIR) [2] https://beyondfossilfuels.org/wp-content/uploads/2026/05/AFRY_BFF_Grid-expectations-The-distribution-backlog-stalling-Europes-energy-transition-report.pdf?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=Newsletter+2026-06-02T07%3A22%3A37%2B02%3A00
 (DIR) [3] /Ausbau-der-Erneuerbaren-in-Gefahr/!6164754
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anja Krüger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Energiewende in Gefahr
 (DIR) Energiewende
 (DIR) Stromnetz
 (DIR) Deutsche Umwelthilfe
 (DIR) Germanwatch
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Transformation
 (DIR) Erneuerbare Energien
 (DIR) Energiewende in Gefahr
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Transformation und Stromnetze: Eine Frage der Energiesouveränität
       
       Dass Wind- und Solaranlagen überproduzieren, gehört zur Transformation.
       Anstatt zu viele Netze auszubauen, ist die Spitzenkappung ökonomisch
       sinnvoll.
       
 (DIR) Demos für die Energiewende: „Sie sind gekauft, treten Sie zurück!“
       
       Tausende Menschen demonstrieren in Berlin gegen die Abwicklung der
       Energiewende. Im Fokus: die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche
       (CDU).
       
 (DIR) Ausbau der Erneuerbaren in Gefahr: Reiche forciert Pläne für Energiewende-Reform
       
       Die Ministerin gibt die Entwürfe für zwei umstrittene Vorhaben ans
       Kanzleramt weiter. Erneuerbaren-Branche und Grüne fürchten eine
       Ausbaubremse.