# taz.de -- Geschacher um Bafög-Reform: Auf den Mond geschossen?
> Wieder Knatsch in der Koalition: Die Union will sich an Abmachungen zur
> Bafög-Reform nicht mehr erinnern. Die SPD kündigt erbitterten Widerstand
> an.
(IMG) Bild: Mehr Astronaut: innen braucht das Land: Erstsemester:innen im Hörsaal an der Uni Köln
Einen konstruktiven Modus hat sich die schwarz-rote Koalition verordnet,
sprich: Man will weniger streiten, stattdessen strittige Fragen intern
beraten und die gemeinsame Einigung dann öffentlich vertreten. Erst Anfang
Mai strahlte Unionsfraktionschef Jens Spahn anlässlich der 1-Jahres-Bilanz
der Merz-Regierung fröhliche Zuversicht aus, dass „wir das auch wieder
schaffen“.
Doch nicht einmal drei Wochen dauerte es, bis der CDU-Politiker mit den
eigenen guten Vorsätzen brach. In einem Interview mit Ippen Media tat er im
Mai kund, dass staatliche Leistungen, darunter das Bafög, angesichts der
angespannten Haushaltslage absehbar nicht erhöht werden könnten – und pfiff
nun offenbar auch seine Fraktionsfreunde zurück. Die fürs Bafög zuständige
Forschungsministerin Dorothee Bär, sagte der Funke-Mediengruppe am
Wochenende, sie habe gehört, „dass die Reform von den Regierungsfraktionen
nicht mehr unterstützt wird“. Sie rechne nicht mehr mit einer baldigen
Reform.
Dabei hatten sich Union und SPD [1][erst Ende April auf die Grundzüge einer
solchen Reform inklusive einer Erhöhung der Wohnpauschale und der
Bafög-Sätze verständigt], die zuständigen Fachpolitiker meldeten
einvernehmlich weißen Rauch.
„Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich die Äußerungen der Ministerin
gelesen habe“, sagt der forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion
Oliver Kaczmarek der taz. Man sei sich auf Ebene der Fachpolitiker sowohl
über die Eckpunkte der Reform als auch deren Finanzierung einig gewesen,
strittig sei nur noch der Zeitplan gewesen.
Dass es keine Unterstützung in den Regierungsfraktionen gebe, sei
unzutreffend, so Kaczmarek. „In der SPD-Fraktion gibt es völlige Einigkeit,
dass wir die Reform weiterhin so wollen.“ Er appellierte an die Union, es
müsse weiter gelten, was man miteinander vereinbart habe. „Man muss
gemeinsam getroffene Vereinbarungen gemeinsam vertreten und nicht in Frage
stellen. Sonst schadet das auch dem Gesamtbild der Koalition.“ Die
stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar hatte der Union bereits
am Sonntag „dringend“ geraten, „hier kein Chaos zu verursachen“.
Aktuell beziehen etwas über 600.000 Schüler:innen und Studierende Bafög,
der niedrigste Stand seit der Jahrtausendwende. Die
Fachpolitiker:innen von Union und SPD hatten sich Ende April darauf
verständigt, dass junge Menschen die Bundesausbildungsförderung künftig
einfacher beantragen können. Außerdem soll die Pauschale für die
Studierendenbude um 60 Euro auf 440 Euro steigen und die Bafög-Sätze dem
Existenzminimum angeglichen werden.
## Union legt echte Kehrtwende hin
Der forschungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Florian Müller,
sprach vor einem Monat gegenüber dem Spiegel noch von einem „echten
Gamechanger.“ Gegenüber der taz legt Müller nun eine echte Kehrtwende hin:
„Die jetzige Novelle des Bafög steht wie alle anderen Maßnahmen des
Koalitionsvertrages unter Finanzierungsvorbehalt.“ Und der
Konsolidierungsdruck auf den Bundeshaushalt sei enorm. Zudem hätten [2][die
Wirtschaftsweisen erst in der vergangenen Woche eindringlich vor weiter
steigenden Sozialabgaben] gewarnt. „Diese Einschätzung aus der Wissenschaft
untermauert die klare Positionierung von Jens Spahn“, so Müller.
Fürs Bafög sind dieses Jahr rund 1,6 Milliarden Euro aus dem Etat der
Forschungsministerin eingeplant, die Mehrkosten für die geplante
Bafög-Reform werden bis Ende des Jahres auf knapp 70 Millionen beziffert,
bis Ende der Legislatur auf 1 Milliarde. Bei einem Gesamthaushalt von 524
Milliarden Euro allein in diesem Jahr eine überschaubare Summe. Und deshalb
soviel Stress?
Man habe klare Signale aus dem Finanzministerium, dass eine Bafög-Erhöhung
nicht an der Finanzierung scheitern werde, sagt die zuständige
SPD-Berichterstatterin Lina Seitzl der taz.
## Welche Abmachungen?
An feste Abmachungen kann man sich in den höchsten Führungsetagen aber gar
nicht mehr erinnern. Der Sprecher von Bundeskanzler Friedrich Merz wies am
Montag in der Bundespressekonferenz darauf hin, dass alle Vorhaben im
Koalitionsvertrag unter Finanzierungsvorbehalt stünden. Und generell
umfasse eine Reform des Bafögs mehr als nur Leistungserhöhungen – etwa
„Vereinfachungen, Digitalisierung und so weiter“.
Ein Sprecher des Forschungsministeriums bekräftigte ebenfalls am Montag,
dass die Bafög-Reform Ende Juli im Kabinett beschlossen werden solle. Auf
höhere Sätze wollte er sich ebenfalls nicht festlegen, sagte lediglich, die
Bundesregierung wolle das Bafög „weiter modernisieren und verbessern“.
Seitzl von der SPD will die Union damit nicht durchkommen lassen. Für die
SPD sei die Bafög-Erhöhung weiterhin ein zentrales Anliegen und „eine
wichtige Entlastung für die Studierenden und die jungen Menschen, die
künftig unseren Wohlstand erarbeiten“. Sie gehe davon aus, dass die Reform
wie besprochen gelte.
Davon geht auch Kaczmarek aus. „Sonst wird das auf erbitterten Widerstand
in der SPD stoßen.“ Und es werde auch nicht so sein und man werde auch
nicht zulassen, dass die fürs Bafög vorgesehenen zusätzlichen Mittel dann
in andere Bereiche fließen.
Etwa in die Raumfahrt: Bär hatte in dem Interview mit Funke auch über ihre
Begeisterung dafür gesprochen und bekannt: [3][„Ich würde sofort in ein
Raumschiff steigen“]. Wahrscheinlich hätte die SPD diesmal auch gar nichts
dagegen.
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Studierende-in-Not/!6175172
(DIR) [2] /Spar-Vorschlaege-der-Wirtschaftsweisen-Waehlerfrust-ist-unvermeidbar/!6182186
(DIR) [3] https://www.spiegel.de/panorama/leute/dorothee-baer-wuerde-gern-selbst-ins-all-fliegen-a-262750ba-8469-4e41-9c64-fbb504fac230
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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