# taz.de -- Graphic Novel „Blutsauger“: Eine Horrorkomödie mit Tiefgang
       
       > Ist der Nachbar nur oldschool oder etwa ein aktiv tätiger Vampir? André
       > Breinbauers Comic-Erzählung kombiniert Wiener Charme mit düsterer
       > Spannung.
       
 (IMG) Bild: In der Wiener U-Bahn: Szene aus „Blutsauger“ von André Breinbauer
       
       So kann Wien bei Nacht also ausschauen: wie in einem nachkolorierten
       deutschen Stummfilm der frühen 1920er. Kein Schwarz-Weiß, aber überwiegend
       Blau- und Grautöne. Die Häuser scheinen aus Lehm geformt zu sein; der
       Himmel über ihnen ist kaum je zu sehen.
       
       Eng und labyrinthisch die Gassen, in denen niemand unterwegs ist, bis auf
       Hannah, die, seit sie aus der U-Bahn gestiegen ist, von einem
       [1][unheimlichen Typen im Vampirkostüm] verfolgt wird. Auf Wände, an denen
       die beiden vorbeikommen, werfen sie lange Schatten. Schließlich die
       vorläufige Entwarnung: Der Mann wohnt im selben Mietshaus wie Hannah, ist
       sogar ihr direkter Nachbar.
       
       Vor fünf Monaten ist die junge Frau in den Altbau gezogen, in eine Wohnung,
       in der zuvor ihre Großmutter gewohnt hat. Hannah fühlt sich hier wohl, aber
       am Morgen nach ihrer nächtlichen Begegnung klingeln drei Männer an ihrer
       Tür. Thomas Huber, deren Chef, stellt sich als Vertreter der Hausverwaltung
       vor, die nach einem Besitzerwechsel neu verpflichtet worden ist.
       
       Im Haus, erklärt Huber, würden umfangreiche Renovierungsmaßnahmen anstehen,
       die mit viel Lärm und Schmutz verbunden seien. Ob Hannah nicht lieber
       ausziehen wolle? Trotz der Abfindung von 3.000 Euro, die sie erhalten
       würde, lehnt Hannah ab, und die Männer verabschieden sich.
       
       ## Zweites Werk
       
       „Blutsauger“ ist die zweite Graphic Novel von André Breinbauer, der in
       Passau geboren wurde und in Wien lebt. In „Medusa und Perseus“, seinem vor
       vier Jahren vorgelegten Debüt, hat er den titelgebenden Mythos [2][einer
       feministischen Revision unterzogen]. Als Monster erscheint hier eher der
       kriegerische Held; die Frau mit dem Schlangenhaar, deren Anblick alle
       versteinern lässt, ist dagegen ein traumatisiertes Opfer patriarchalischer
       Gewalt.
       
       Ähnlich verfährt Breinbauer in „Blutsauger“: Der Rückgriff auf Dracula und
       Nosferatu dient ihm dazu, von sehr heutigen Problemen zu erzählen. Der
       Titel lässt sich auf Hannahs Nachbarn beziehen, trifft vor allem aber auf
       die Immobilienspekulanten zu, die das Haus erworben haben und, wie sich
       herausstellt, nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, eine renitente
       Mieterin zu vergraulen.
       
       Dieser sozialkritische Ansatz steht im Zentrum des Comics. Beiläufig
       gelingt es Breinbauer aber auch, eine weitere Schattenseite des
       Großstadtlebens anzusprechen: die Einsamkeit. Als im Haus eine ältere Frau
       stirbt, wird dies nur von deren Ärztin registriert; ansonsten hätte die
       Tote tagelang unbemerkt in ihrer Wohnung gelegen.
       
       Einsam ist auch Hannah. An dem sympathischen jungen Mann, mit dem sie
       befreundet ist, hat sie in erotischer Hinsicht offenbar kein Interesse.
       Stattdessen vertraut sie auf die Partnersuche mittels App und wird von
       einem ihrer Dates, als sie nicht pünktlich zu einem Treffen auftaucht,
       sofort übel beschimpft.
       
       ## Imagination oder Realität
       
       Ob es sich bei dem Nachbarn tatsächlich um einen Vampir handelt oder ob
       Hannah ein Opfer ihrer überhitzten Einbildungskraft ist, wird mit letzter
       Sicherheit erst am Ende klar.
       
       Dass Herr Hubers freundliches Gesicht bloß eine Maske ist, die er sich
       vorübergehend aufgesetzt hat, erkennt man jedoch schon bei dessen erstem
       Auftritt.
       
       Realistisch gezeichnet wäre der Band nur halb so wirkungsvoll. Mit seinem
       allenfalls semirealistischen Stil, der vor expressiven Zuspitzungen nicht
       zurückscheut, versteht Breinbauer sich darauf, zugleich das Komische im
       Gruseligen und das Gruselige im Komischen präsent zu halten.
       
       „Blutsauger“ ist eine Horrorkomödie mit Tiefgang. In der
       [3][deutschsprachigen Graphic-Novel-Szene], die sich für Genrestoffe – auch
       solche, in denen es um mehr als Humor oder Action geht – nur selten
       erwärmen kann, zählen André Breinbauers Comics zu den unterhaltsamen,
       erfrischenden Ausnahmen.
       
       25 May 2026
       
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