# taz.de -- Singuhr feiert 30 Jahre Klangkunst: Anarchische Apparate
       
       > Die Berliner Klangkunst-Plattform Singuhr feiert 30. Jubiläum und
       > verwandelt Ruinen und Kuppelhallen in Orte für außergewöhnliche
       > Hörerlebnisse.
       
 (IMG) Bild: Sendet dröhnende Posaunentöne in und aus dem Raum: Bernhard Leitners „Ton-Kuppel“
       
       Seit Freitagabend werden in der Berliner Innenstadt Studien zur Anarchie
       der Apparate durchgeführt. Und weil Anarchie mit Willkür nichts zu tun hat,
       lässt die Mutter der Ordnung Einkehr unbedingt zu: Das Kirchenschiff der
       Parochialkirche, der Zweite Weltkrieg hat in ihm gründlich aufgeräumt,
       beherbergt bis Montag nächster Woche in Gestalt eines schimmernden
       Metallzylinders einen sonderbaren Findling, welcher sich bereits bemerkbar
       macht, bevor er ins Auge fällt. Er sendet Posaunentöne in und aus dem
       weiten Raum.
       
       „Ton-Kuppel“ hat der [1][Künstler Bernhard Leitner] seine Installation
       genannt, mit der vergangenen Freitag die Festivitäten zum [2][30. Jubiläum
       der Initiative Singuhr] eingeläutet wurden. Seit 1996 veranstaltet Singuhr,
       kuratiert von [3][Carsten Seiffarth] und Markus Steffens, an ausgewählten
       Orten Ereignisse außergewöhnlicher Klangkunst.
       
       Leitners Klänge wandern, sie tasten den unverputzten Backstein ab, sie
       nisten in den Mauerlöchern und zwischen den abgeschlagenen Wandbemalungen,
       zwei schemenhaften Gesichtern und einer utopischen Landkarte. Die Posaunen
       dröhnen und grollen gen Himmel, der hier ein einsehbares, hölzernes
       Dachgestühl ist; sie spielen den Choral einer noch unbenannten Religion,
       die mit ihren Verheißungen vorsichtig ist.
       
       Die Klänge korrespondieren mit dem Eisenkreuz, welches der [4][Kunstschmied
       Fritz Kuhn] 1961 aus gefundenen Schrotteilen anfertigte. Seine schwebende
       Konstruktion wirkt wie aus einer gesprengten Orgel gefertigt. Zu jeder
       Viertelstunde kommt noch das Glockenspiel hinzu. Es könnte ein Alarm sein
       oder ein Adieu.
       
       ## Symphonie einer dysfunktionalen Großstadt
       
       Wer die Parochialkirche verlässt, sollte Akio Suzukis Wanderkarte „oto-date
       berlin“ einstecken. Er hat Adressen und Punkte im Singuhr-Koordinatensystem
       markiert und empfiehlt Blick- und Hörwinkel. So geht es beispielsweise von
       der Littenstraße an die Spree in Richtung Märkisches Museum, und am frühen
       Sonntagabend bildeten Polizeisirenen, wütende Wortmeldungen und das
       metallische Aufkreischen der S-Bahn-Schienen zwischen Alexanderplatz und
       Jannowitzbrücke die nicht mehr kontemplative Symphonie einer
       dysfunktionalen Großstadt.
       
       Das Doppelkonzert, mit dem Singuhr den Sonntag im Wedding in der
       Kuppelhalle des Silent Green ausklingen ließ, begann im Vergleich
       wesentlich meditativer. Mit der Landschaftsmusik „Inspiration“ brachte Sam
       Auinger Orte, Material und Wetter zu Gehör: Schnee, Äste, schließlich den
       Croton Point am zugefrorenen Hudson River. Weniger anheimelnd war dann
       bereits Edwin van der Heides Lautsprecher-Komposition „In Between“. Hans
       Peter Kuhn kombinierte in „Oh Gravitas … (wie entkomme ich Dir)“ Field
       Recordings verschiedenster Orte, rhythmische Figuren, versteckte Melodien
       und Gesang und setzte dabei auf abrupte Wechsel von harsch zu filigran.
       
       Mit Hugo Esquinca hatte der Abend seinen Hooligan gefunden: In
       „INTERVENCIÓN 0526 [6.2]“ ließen sich die Wesen vernehmen, welche nach
       Mitternacht zwischen Putz und Tapete übereinander herfallen. Die
       Unberechenbarkeit der Technik hörbar machte Raul Keller mit „moondur /
       shifter“, einer geräusch- und rauschhaften Angelegenheit mit einem
       selbstgebauten Effektgerät auf der Basis eines Theremins, jenes ätherische
       Instrument, das berührungslos gespielt wird. Ricardo Cariobas „troubled sea
       of the mind“ war ein Meer aus verschachtelten Beats, Pausen und
       Stop-and-Go-Passagen. Es wurde getanzt.
       
       Robert Lippok entwickelte schließlich „Pure Love“ aus einer sphärischen
       Eröffnung heraus akzentuiert rhythmisch, um dann zur kammermusikalischen
       Koda zu finden. Da war die Kuppelhalle bereits in pinkes Licht hinter einem
       dezenten Nebel getaucht; und da war sie wieder, die weltliche Einkehr.
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://singuhr.de/
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 (DIR) [4] /Diktatoren-irren-nicht/!1330693/
       
       ## AUTOREN
       
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