# taz.de -- Neuer Roman von Asako Yuzuki: Wie der Nilbarsch so der Mensch
       
       > Eine etwas zu enge Beziehung: Im neuen Roman der Bestsellerautorin Asako
       > Yuzuki geht es um Freundschaft und die Rolle der Frau in der japanischen
       > Gesellschaft.
       
 (IMG) Bild: Schreibt von Einsamkeit, Distanz und der Sehnsucht nach Verbindung: die japanische Autorin Asako Yuzuki
       
       Erikos Besessenheit fällt beim Lesen zunächst gar nicht auf. An diesem
       Morgen kommt sie wieder einmal extra früh ins Büro des Handelsunternehmens
       in Tokio, in dem sie eine angesehene Position zwischen lauter Männern
       bekleidet. Sie holt ein Melonpan, ein Hefegebäck, aus ihrer Tasche, setzt
       sich damit vor ihren Computer und öffnet das „Tagebuch einer nutzlosen
       Ehefrau“ der Bloggerin Shoko. Ein Kollege findet Erikos Verhalten
       „unheimlich“.
       
       Damit hat er nicht Unrecht, wie sich bald darauf zeigt. Und im Rückblick
       bekommt die geschickt gezeichnete Anfangsszene im Roman „Tokyo Girls Club“
       von Bestseller-Autorin Asako Yuzuki eine ganz andere Bedeutung: Das Gebäck
       ist nicht irgendein Gebäck. Shoko, die Hausfrau, hatte es in ihrem Blog
       erwähnt, woraufhin Eriko es in mehreren Bäckereien suchte, um zu schmecken,
       was Shoko schmeckt. Eriko liest den Blog nicht einfach, sie studiert ihn
       akribisch, erfasst, was Shoko isst, wo sie einkauft und einkehrt. Und macht
       es ihr nach.
       
       Denn Eriko ist eine Stalkerin. Und das nimmt im Laufe des Romans immer
       groteskere Züge an. Als Eriko Shoko scheinbar zufällig in ihrem
       Lieblingscafé trifft, ist diese zunächst ganz angetan, dass eine schöne,
       kluge Frau aus besserem Hause sich für sie interessiert. Und sie vielleicht
       endlich eine Freundin gefunden hat.
       
       Doch ab und zu essen gehen, sich langsam kennenlernen und Vertrauen
       aufbauen – für Eriko dauert das viel zu lange. Nach dem ersten Treffen
       sieht sie in Shoko bereits eine Seelenverwandte – gleichzeitig aber auch
       ihre größte Rivalin, weil Frauen aus Erikos Sicht nicht einfach nur
       Freundinnen sein können, sondern immer in Konkurrenz zueinander stehen.
       
       ## Kannibalen wie wir
       
       Asako Yuzuki hat für Erikos Verständnis vom Frauenfreundschaften eine
       Metapher gefunden, so unerwartet wie passend. Eriko soll beruflich den
       Nilbarsch, auch Viktoriabarsch genannt, in Japan neu vermarkten. Der im
       Fokus des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ stehende Fisch aus dem Jahr
       2004 ist deshalb ein Schreckgespenst, weil er alle anderen Arten um sich
       herum verdrängt – und am Ende auch die eigene Art kannibalisiert. So sei es
       auch bei den Menschen, meint Eriko: „Auch wenn zwei Menschen, die sich
       ähnlich waren, einander näherkamen, würden sie sich irgendwann gegenseitig
       zerstören.“
       
       Weltberühmt wurde Yuzuki 2023 durch ihren Roman „Butter“, der in Japan erst
       nach „Tokyo Girls Club“ erschien und mehrere Preise gewann, unter anderem
       den British Book Award. In beiden Büchern, übersetzt von Ursula Gräfe, die
       auch [1][Haruki Murakamis Werk] ins Deutsche übertragen hat, schreibt
       Yuzuki von Freundschaft, [2][der Rolle von Frauen in der japanischen
       Gesellschaft] – und von Essen. Für die in „Butter“ erwähnten Gerichte
       finden sich sogar Fan-Webseiten, auf denen die Rezepte nachzulesen sind.
       
       Im nun erschienenen Roman „Tokyo Girls Club“ lässt Yuzuki ihre
       Protagonistinnen auf dem schmalen Grat zwischen ehrlich gemeintem Interesse
       und Besessenheit balancieren. Sie tariert Nahbarkeit und Privatsphäre
       sowohl auf Social Media als auch im realen Leben aus. Und schreibt von
       Einsamkeit, Distanz und der Sehnsucht nach Verbindung, immer abwechselnd
       ein Kapitel aus der Perspektive von Eriko, dann wieder eines aus der von
       Shoko.
       
       Eriko wählt schließlich den Weg der Erpressung und zwingt Shoko, ihre
       Freundin zu werden. Die eine verliert ihren Job, die andere ihren Blog und
       ihren Ehemann. Bevor sich beide jedoch wie die Nilbarsche gegenseitig
       zerstören, kappen sie ihre Verbindung. Shoko entdeckt sogar eine neue
       Gefühlsregung: „In diesem Moment setzte bei ihr eine für sie sehr
       ungewöhnliche Gehirntätigkeit ein“, schreibt Yuzuki auf den letzten Seiten
       des Romans. „Sie versetzte sich in andere Menschen hinein.“ Shoko entdeckt
       die Empathie – und findet damit einen Weg zurück zu ihrer Familie.
       
       Asako Yuzuki hat sich mit „Tokyo Girls Club“ – im Original heißt der Roman
       übrigens „Der Nilbarsch-Frauen-Club“, was passender ist, aber sperriger –
       ein ungewöhnliches Sujet vorgenommen. Stalking ist eher selten Thema in der
       Literatur. Hinzu kommt, dass Täter, zumindest in Deutschland, den
       Statistiken zufolge meistens Männer sind, die Frauen belästigen. Yuzuki
       befasst sich mit Stalking im Kontext von – ersehnter – Freundschaft. Auch
       wenn Yuzuki das Nachstellen klar als falsch charakterisiert, zeichnet sie
       die Beweg- und Hintergründe der beiden Frauen nach. Und die haben ihre
       Ursprünge nicht nur, aber auch in der patriarchalen Gesellschaft Japans.
       
       Asako Yuzuki: „Tokyo Girls Club“. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
       Verlag Blumenbar, Berlin 2026, 383 Seiten, 24 Euro
       
       3 Jun 2026
       
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