# taz.de -- Internet in Russland: Putins schöne neue Digitalwelt
> Russlands Internet soll „souverän“ werden, ohne Anbindung an das globale
> Web. Zensur und Drosselung treiben das Land in die digitale Sackgasse.
(IMG) Bild: Gibt's noch was zu sehen? Buspassagiere in Moskau, Januar 2026
Fahrgäste der Moskauer Metro vertreiben sich die Zeit oft mit Lesen eines
Buches – in Papierform wohlgemerkt. Auffallend häufig fällt ihre Wahl auf
George Orwells dystopischen Roman „1984“. Noch häufiger blicken die
Menschen dieser Tage jedoch auf das Display ihres Smartphones, um sich zu
vergewissern, dass die Verbindung zur Außenwelt noch funktioniert. Denn
Russlands schöne neue digitale Welt driftet mit steigender Geschwindigkeit
weg vom World Wide Web direkt in eine nationale Sackgasse.
Innerhalb der ersten drei Märzwochen erlebte die russische Hauptstadt
signifikante Störungen des mobilen Internets bis hin zu Totalausfällen,
selbst das WLAN war teilweise betroffen. Ein absolutes Novum für Moskau,
dessen Bürgermeister Sergej Sobjanin auch nach über vier Jahren
vollumfänglicher Kriegsführung gegen die Ukraine darum bemüht ist, den
Schein von Normalität zu wahren.
Von Kaliningrad bis Kamtschatka sind solche Internet-Shutdowns längst Usus.
Aus Sicherheitsgründen, lautet die dürftige offizielle Erklärung. So ließen
sich Drohnenattacken am effektivsten abwehren. Da Regionalregierungen nicht
nur in frontnahen Gebieten, sondern landesweit angehalten sind, Maßnahmen
zum Schutz von Militärobjekten und existenzieller Infrastruktur zu
ergreifen, wird das mobile Internet in ganzen Stadtteilen blockiert.
Die Folgen liegen auf der Hand: Lieferdienste und Taxi-Unternehmen sind per
App nicht mehr erreichbar, Läden wechseln notgedrungen zu Barzahlung,
kostenpflichtige öffentliche Toiletten können nicht genutzt werden.
Gemessen in Zahlen betrugen die Verluste in Moskau nach Angaben der
russischen Tageszeitung Kommersant allein innerhalb der ersten fünf Tage
des Internet-Shutdowns zwischen 33 und 54 Millionen Euro.
## Verbote von ausländischen Webdiensten
Russlands Internet soll „souverän“ werden. Zielvorgaben legen fest, den
gesamten digitalen Datenverkehr autonom abwickeln zu können – ohne
Anbindung an das globale Internet. Entsprechende Anpassungen der
Telekommunikations- und Mediengesetzgebung erfolgten bereits 2019.
Reihenweise erließ die russische Führung seither Verbote gegen ausländische
Webdienste und Plattformen wie Facebook und Instagram. Youtube und Whatsapp
wurden im Februar aus dem nationalen Domain-Namen-System gestrichen.
Jetzt ist [1][der Instant-Messaging-Dienst Telegram an der Reihe.] Schon
2018 lieferte sich die zuständige Aufsichtsbehörde Roskomnadsor ein
Kräftemessen mit Telegram-Gründer Pawel Durow. Dieser hatte sich beharrlich
geweigert, dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB das
Verschlüsselungsprotokoll preiszugeben. Durows Argument lautete, aufgrund
der verwendeten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung lasse sich dieser Forderung
nicht nachkommen. Ein Moskauer Gericht hielt es damals für rechtmäßig,
Telegram in Russland zu blockieren.
Dieses Urteil wurde nie aufgehoben, die Blockade schon. Zwei Jahre lang
sabotierte Durows Team durch einen ständigen Wechsel genutzter IP-Adressen
geschickt alle Versuche von Roskomnadsor, Telegram in die Schranken zu
weisen. 2020 gab die Behörde auf, und Telegram entwickelte sich in Russland
zum weitaus beliebtesten digitalen Kommunikationsmittel. Alle nutzen
Telegram – der Kreml, staatliche Nachrichtenagenturen, Influencer*innen,
Oppositionelle und Geschäftsleute.
Damit soll jetzt Schluss sein. Anrufe waren bereits im August 2025
unterbunden worden, am 10. Februar kündigte Roskomnadsor an, die
Netzgeschwindigkeit von Telegram schrittweise zu drosseln. Ohne Proxyserver
oder VPN-Tunnel (das steht für „Virtual Private Network“ und ermöglicht
eine sichere, verschlüsselte Verbindung) lässt sich Telegram seither
praktisch nicht mehr nutzen.
## 40 Minuten, um eine Mail zu verschicken
Wütende Kommentare von Nutzer*innen aller Couleur ließen nicht auf sich
warten. Militärblogger befürchten nicht nur herbe Einnahmeverluste bei
Geldspenden für die Fortführung des Krieges, sondern verweisen darauf, dass
Telegram mangels Alternativen an der Front für die Kommunikation und
Standortmitteilungen unersetzlich sei.
Auch Konstantin (Name geändert), Anfang vierzig, wirkt ungehalten. Als
Kleinunternehmer aus Moskau habe er ohnehin mit ausufernden bürokratischen
Vorgaben zu kämpfen. Totalausfälle bei der Mobilfunkverbindung kosteten ihn
Zeit und Nerven. Bei einer Verlangsamung des Internets dauerten banale
Kommunikationsabläufe zigmal länger als früher, sagt er.
„Neulich habe ich 40 Minuten gebraucht, um eine dringende Mail mit Anhang
zu verschicken“, klagt Konstantin. Stellenweise seien nur Webdienste
zugänglich gewesen, die auf einer staatlich genehmigten „weißen Liste“
stehen. Sein kleiner Buchvertrieb sei außerdem auf Onlinewerbung
angewiesen. Er fahre deshalb zweigleisig – über Telegram und über das
russische soziale Netzwerk VKontakte, dessen CEO Sohn eines hochrangigen
Kreml-Offiziellen ist. „Bei Telegram gingen die Aufrufe spürbar zurück, bei
VKontakte hat sich nichts geändert“, so Konstantin. Positive Resonanz
erhalte er aber lediglich bei Telegram.
Die Alternative zu Telegram heißt [2][Max.] Der von VKontakte entwickelte
und 2025 gestartete Messengerdienst ist mittlerweile in vielen Bereichen
obligatorisch und schafft für den Inlandsgeheimdienst FSB absolute
Transparenz in Form des Zugriffs auf alle Daten. Jedoch ist die
Funktionsweise von Max äußerst fehlerbehaftet.
## Telegram an der Front
Bis Jahresende soll Werbung auf Telegram und Youtube noch straffrei
bleiben, auch soll Telegram vorerst an der Front weiterhin uneingeschränkt
einsetzbar bleiben. Immerhin 46 Prozent der Internetnutzer*innen sind
zumindest gelegentlich per VPN unterwegs. Ihnen soll der Zugang zu Telegram
und anderen blockierten Webdiensten durch die maximale Unterbindung von
VPN-Tunneln erschwert werden.
95 Prozent des digitalen Datenverkehrs kontrolliert die Aufsichtsbehörde
[3][Roskomnadsor] über sogenannte „Technische Mittel zur Abwehr von
Bedrohungen“ (TSPU) – also Geräte, die über die letzten Jahre an allen
Kommunikationsknotenpunkten russischer Internetanbieter installiert worden
waren. Darüber steuert die Behörde nicht nur die Netzgeschwindigkeit. Neben
gängigen VPN-Protokollen kann sie inzwischen auch solche erkennen, die sich
wie das als sicherer und zensurfester geltende Verschlüsselungsprotokoll
VLESS maskieren.
Verbieten will die Regierung VPN-Tunnel vorerst zwar nicht, aber sie lässt
entsprechende Dienste blockieren – bislang 469. Und ab Mai fallen für
Verbraucher*innen ab 15 Gigabyte ausländischer Datennutzung zusätzliche
Kosten an. Bereits ab Mitte April müssen Onlinehandelsplattformen wie Ozon
oder Wildberries und Banken diverse Daten wie IP-Adressen und
Netzwerkrouten erfassen und an Roskomnadsor übermitteln. Bei Verdacht auf
einen VPN-Tunnel wird Nutzer*innen der Zugang gesperrt.
Verstoßen Unternehmen gegen diese Vorgaben, riskieren sie, aus den „weißen
Listen“ von genehmigten Internetseiten gestrichen zu werden. Diese sind ein
zentraler Bestandteil des „souveränen“ Internets.
## Beispiel Iran
Die Idee dahinter ist simpel und lehnt sich an iranische Pläne zur
Installierung eines nationalen Internets an: Gesellschaftlich und
volkswirtschaftlich notwendige Abläufe werden gewährleistet, ohne auf
ausländische Infrastruktur oder externe Inhalte zuzugreifen.
Geht man von dem zweckoptimistischen Kalkül aus, dass Russlands
Führungsriege grundsätzlich an profitablen weltweiten Handelsbeziehungen
interessiert ist, erscheint eine völlige Isolierung vom globalen Internet
abwegig. Immer ausgefeiltere Methoden, Internetblockaden zu umgehen,
dürften bis auf Weiteres für Durchlässigkeit sorgen.
Doch im Ernstfall könnte Russland das Internet komplett abstellen. Was in
einem solchen Blackout dann passieren könnte, lässt sich am Beispiel Irans
mit der brutalen Repression von Protesten Anfang des Jahres ahnen.
13 Apr 2026
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## AUTOREN
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