# taz.de -- Bürokratie und Bürgergeld: Kein mangelnder Wille
> Unübersichtliche Strukturen und Zuständigkeiten sind Hindernisse bei der
> Arbeitssuche. Der Staat ignoriert die Lebensrealitäten vieler Empfänger.
(IMG) Bild: Das digitale Sozialportal soll den Zugang zum Jobcenter und zur Agentur für Arbeit erleichtern. Für viele ist es nicht zu machen
Die Debatte über das Bürgergeld wird vor allem als Debatte über
Arbeitsmoral geführt. Es geht um Sanktionen, um sogenannte Totalverweigerer
und angeblich fehlende Leistungsbereitschaft. Aus der Perspektive der
Verwaltung zeigt sich jedoch ein anderes Problem: [1][Nicht mangelnder
Wille] verhindert Integration und Arbeitsaufnahme, sondern ein Staat, der
Menschen durch unübersichtliche Strukturen, widersprüchliche
Zuständigkeiten und bürokratische Hürden ausbremst.
Wer mit [2][Bürgergeld-Beziehenden] arbeitet, erlebt täglich, wie wenig die
Realität vieler politischer Debatten mit dem tatsächlichen
Verwaltungshandeln zu tun hat. Besonders deutlich wird das bei Menschen,
die neu in Deutschland sind. Sie sollen gleichzeitig Deutsch lernen, Arbeit
finden, ihre Existenz sichern und sich in einem komplizierten
Behördensystem zurechtfinden. Doch statt Orientierung zu schaffen,
produziert dieses System häufig zusätzliche Unsicherheit.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass für unterschiedliche
Lebensbereiche zahlreiche Behörden zuständig sind: Jobcenter,
Ausländerbehörden, Bamf, Sozialämter, Familienkassen, Schulen oder
Jugendämter. Zuständigkeiten überschneiden sich, Informationen gehen
verloren und Entscheidungen verzögern sich. Die Folgen tragen fast immer
die Betroffenen selbst. Wer eine Frist verpasst, riskiert finanzielle
Nachteile oder setzt sich dem Vorwurf mangelnder Integrationsbereitschaft
aus.
Die Menschen sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien selbst das
Problem. Tatsächlich scheitern viele nicht an mangelnder Motivation,
sondern an einer Verwaltung, die zu kompliziert organisiert ist und an den
Lebensrealitäten vorbeigeht. Besonders sichtbar wird das bei der
Digitalisierung der Jobcenter. Seit einigen Jahren verfolgen die Jobcenter
die Strategie, Kundinnen und Kunden verstärkt zur Nutzung der
[3][Jobcenter-App] digital zu bewegen.
## Mangelnde digitale Kompetenzen
Gleichzeitig werden andere Kommunikationswege eingeschränkt. E-Mail-Kontakt
ist vielerorts nicht mehr möglich, Öffnungszeiten werden reduziert und die
persönliche Erreichbarkeit nimmt ab. Offiziell wird dies als Modernisierung
verkauft: Informationen, Nachrichten und Termine sollen jederzeit von
überall eingesehen, Anträge über die App gestellt und Dokumente über das
Smartphone hochgeladen werden können. Die App ermögliche so einen schnellen
und direkten Kontakt zum Jobcenter.
Versprochen wird sogar, durch Nutzung der App jederzeit in Kontakt mit dem
Jobcenter zu bleiben. Die Realität sieht anders aus. Viele der
Leistungsbeziehenden verfügen nur über geringe digitale Kompetenzen. Die
Jobcenter wissen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Leute
Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben oder dem Verstehen des Amtsdeutschen
hat.
Inoffiziell gelten rund 30 Prozent der Jobcenter-Kundinnen und -Kunden als
nicht ausreichend alphabetisiert. Gerade die Personen, die ohnehin
Schwierigkeiten im Alltag und im Umgang mit der Bürokratie haben, werden
nun zusätzlich auf digitale Kommunikation verwiesen. Besonders
widersprüchlich wird dies bei den [4][Integrationskursen] für Menschen, die
Probleme mit deutscher Schriftsprachlichkeit im Alltag und im Kontakt mit
Behörden haben.
In diesen Kursen für im Deutschen Geringliteralisierte finanziert das Bamf
zusätzliche Stunden für Teamteaching. Die weitere Lehrkraft soll den
Teilnehmenden digitale Kompetenzen vermitteln. Besonderes Augenmerk wird in
diesen Stunden auf die Einrichtung eines Zugangs und die Funktionsweise der
Jobcenter-App gelegt.
## Das Pferd wird von hinten aufgezäumt
Damit wird ein strukturelles Problem deutlich: Eine Bundesbehörde
finanziert Bildungsangebote, damit Menschen überhaupt in der Lage sind, mit
einer anderen Behörde kommunizieren zu können. Statt die Zugänglichkeit der
eigenen Angebote sicherzustellen, verlagern die Jobcenter die Verantwortung
auf Sprachkurse, Lehrkräfte und Bildungsträger. Integration wird so zur
Dauerreparatur eines Systems, das seine eigenen Hürden ständig selbst
produziert.
Immer wieder müssen Schulen, soziale Einrichtungen oder Beratungsstellen
Folgen von Verwaltungsentscheidungen auffangen, die schlecht abgestimmt
oder realitätsfern sind. Lehrkräfte helfen beim Ausfüllen von Formularen,
Sozialarbeiter übersetzen Behördenbriefe und Ehrenamtliche erklären
digitale Anwendungen, die eigentlich niedrigschwellig funktionieren
sollten. Der Staat verlässt sich zunehmend darauf, dass andere Akteure
seine Defizite kompensieren.
Dabei gäbe es längst sinnvollere Ansätze. Statt immer neue
Kontrollmechanismen und komplizierte Verfahren einzuführen, müsste
Verwaltung stärker aus Sicht der Betroffenen gedacht werden. Menschen
brauchen verlässliche Ansprechpartner, verständliche Kommunikation und
einfache Zugänge – analog wie digital. Digitalisierung darf kein Vorwand
sein, persönliche Erreichbarkeit abzubauen.
Notwendig wäre außerdem eine bessere Zusammenarbeit der Behörden. Daten und
Zuständigkeiten müssten sinnvoll gebündelt werden, damit Menschen nicht
immer wieder dieselben Unterlagen einreichen müssen oder zwischen Stellen
vermittelt werden. Vor allem aber braucht es in der Arbeitsmarktpolitik
einen Perspektivwechsel: Weg vom Misstrauen gegenüber Leistungsbeziehenden
und hin zu der Frage, welche strukturellen Hindernisse Integration
tatsächlich erschweren. Dies wäre ein guter Ansatz für modernes
Behördendenken.
## Integrationshindernis Staat
Denn wer Bürgergeld bezieht, kämpft oft nicht nur mit Arbeitslosigkeit,
sondern gleichzeitig mit Sprachbarrieren, Wohnungsproblemen, fehlender
Kinderbetreuung oder komplizierten Aufenthaltsverfahren. Ein Sozialstaat,
der diese Realität ignoriert und stattdessen vor allem auf Druck und
Digitalisierung setzt, produziert neue Ausschlüsse statt gesellschaftlicher
Teilhabe.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen arbeiten wollen.
Die entscheidende Frage lautet, warum ein Staat, der Integration fördern
soll, so oft selbst zum Integrationshindernis wird.
31 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Arbeitspolitik-des-Kanzlers/!6144359
(DIR) [2] /Buergergeld-Empfaengerinnen-erzaehlen/!6045669
(DIR) [3] https://www.arbeitsagentur.de/apps/jobcenter-app
(DIR) [4] /Einigung-bei-Integrationskursen/!6178578
## AUTOREN
(DIR) Sarah Myriel Trost
## TAGS
(DIR) Bürgergeld
(DIR) Integrationspolitik
(DIR) Arbeitsvermittlung
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Integrationskurs
(DIR) Hartz IV
(DIR) Sozialpolitik
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kürzung von Integrationskursen: Vom Kurs abgekommen
Sprachkenntnisse sind wichtig für Job und Integration. Doch Innenminister
Dobrindt will vielen Menschen nun die Kurse streichen. Ein
Unterrichtsbesuch.
(DIR) Bürgergeld und Grundsicherung: Das „Bürgergeld“ ist Geschichte
Der Bundestag hat das neue „Grundsicherungsgeld“ beschlossen. Sanktionen
werden verschärft, Wohnkosten gedeckelt. Kritik kommt von der Opposition.
(DIR) Faktencheck Sozialausgaben: Das sagenumwobene Bürgergeld
Der Sozialstaat ist zu teuer, Kürzungen beim Bürgergeld sind geboten: Die
Parteien debattieren über eine Reform. Welche Mythen stimmen, welche nicht.