# taz.de -- Staatsoper mit „Das schlaue Füchslein“: Mich abknallen, bloß weil ich Fuchs bin?
> An der Berliner Staatsoper inszeniert Ted Huffman „Das schlaue Füchslein“
> von Leoš Janáček im Comicstil, mit Artistik und Sir Simon Rattle am Pult.
> Passt alles zusammen.
(IMG) Bild: Tierfamilie zu Hause im Wald: Magdalena Kožená und Vera-Lotte Boecker in „Das schlaue Füchslein“
Erst einmal: viele Farben. Noch während die Staatskapelle Berlin die
Ouvertüre spielt, tauchen vor dem gesenkten grünen Vorhang Kinder in bunten
Gymnastikanzügen auf. Froschgrün, fuchsrot glänzen ihre Kostüme, einige
sind deutlich als Tiere erkennbar, ein Mädchen, das sich langsam den
Bühnenrand entlangrobbt, hat ein gigantisches Schneckenhaus auf ihrem
freien Arm stecken, an der anderen Bühnenseite postiert sich ein pelziger
Bär. Leicht tänzerisch klingen die Töne aus dem Orchestergraben dazu, hin
und wieder verhalten träumerisch, fast romantisch, doch immer wieder
durchschnitten von kräftigen Akzenten oder Stakkatofiguren.
Um Tiere geht es vordergründig fast mehr als um Menschen in der Oper „Das
schlaue Füchslein“ des tschechischen Komponisten Leoš Janáček, die am
Sonnabend in der Inszenierung von Ted Huffman an der Staatsoper Unter den
Linden Premiere feierte. Im Jahr 1924 vollendet, gilt sie als eines der
Hauptwerke Janáčeks, was bei der Geschichte um eine Füchsin, die unter
Menschen heranwächst, dann jedoch in den Wald zurückkehrt, gar nicht
selbstverständlich erscheinen mag.
Als Vorlage diente Janáček ein Comic, der 1920 als Fortsetzungsgeschichte
in der Brünner Tageszeitung Lidové noviny gedruckt wurde. Einen richtigen
Kinderstoff ergibt dieses Musiktheater allerdings kaum, vor allem, da es
neben dem Leben in der Natur viel von einsamen Männern erzählt, die mehr
oder minder verborgen jüngere Frauen verehren.
An die Ästhetik von Comics erinnert bei Huffman das Bühnenbild von Nadja
Sofie Eller mit seinen weißen, guckkastenartigen Räumen. Diese kommen mit
spärlichen Details aus, gleich den oft reduzierten Panels, die in Comics
die Umgebung der Figuren mitunter bloß andeuten. So sieht man im ersten
Bild lediglich einen Erdhügel, auf dem der Förster in grünem Loden steht,
sein Gewehr geschultert. Nach und nach gesellen sich Tiere zu ihm, turnen
um ihn herum.
## Die Schwerkraft herausfordern
Diese Tiere mit vorwiegend stummen Parts zeigen dabei beachtliche
Beweglichkeit und Körperkontrolle. Sie verdanken sich einer Zusammenarbeit
mit der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin, sodass sie sich
mühelos an von der Decke hängenden Seilen durch die Luft bewegen oder auf
dem Bühnenboden mit Rad und Überschlag die Schwerkraft herausfordern.
Der turnerische Ansatz bildet in seiner bunten Verspieltheit einen Kontrast
zu den streng gehaltenen Räumen, belebt sie, als Bild bestens passend zum
wild wuselnden Leben in mehr oder minder freier Natur, von dem diese Oper
handelt. Das übrige Bühnengeschehen ist dabei keinesfalls statisch. So wird
das junge Füchslein Schlaukopf anfangs vom Förster gefangengenommen und
lebt fortan in dessen Haus in Gefangenschaft. Irgendwann reißt es die
Hühner im Stall. Was dem Förster Anlass bietet, nach der Füchsin zu
schießen. Es passiert mithin einiges.
Erzählt wird parallel von den Lebensrhythmen der Menschen und der Tiere.
Die Füchsin gründet, zurück im Wald, mit einem Fuchs eine stattliche
Familie, bis diese gewaltsam auseinandergerissen wird. Dieweil treffen sich
der Förster, der Pastor und der Schulmeister des Orts in der Kneipe, wo
viel vom Junggesellendasein die Rede ist und vom Mädchen Terynka, das der
Lehrer heimlich verehrt.
## Gigantische Sprechblasen
Obwohl diese Terynka erst am Ende als stumme Rolle in Erscheinung tritt,
taucht sie in anderer Gestalt bei Szenenwechseln auf. In einer weiteren
Hommage an den Comic sieht man da etwa den Schulmeister oder den Wilderer
Háraschta, wie sie an einer Schreibmaschine einen Brief tippen. Adressatin
ist stets Terynka, den Inhalt liest man als Projektion auf dem Vorhangstoff
mit, während er Wort für Wort verfertigt wird, bis er eine gigantische
Sprechblase bildet.
[1][Vom Sprechen inspiriert ist ebenso Janáčeks Musik], die die harmonische
Tradition der Romantik mit slawischer Volksmusik und seiner ganz eigenen,
der natürlichen Intonation folgenden „Sprechmelodie“ kombiniert. Sie bietet
keine großen Gesangsbögen, sondern eher kantige Tonfolgen. Was den
Hauptrollen, die den Löwenanteil des Stimmeneinsatzes zu bewältigen haben,
gleichwohl einnehmende Auftritte beschert.
Allen voran Vera-Lotte Boecker, die der Titelrolle etwas elastisch
Expressives gibt, ebenso Svatopluk Sem als markanter Förster und Magdalena
Kožená als ergreifend liebestauglicher Fuchs. Die knorrig holzigen Farben
des Orchesters wiederum, die sich auch Janáčeks mutig-spröder Harmonik
verdanken, bekommen bei der Staatskapelle unter Sir Simon Rattle etwas
spontan Wucherndes, unberechenbar Lebendiges. Applaus. Viel davon.
2 Mar 2026
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(DIR) Tim Caspar Boehme
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