# taz.de -- Harvard-Historiker über Atomwaffen: „Sorge vor einem neuen Tschornobyl“
       
       > Der ukrainische Harvard-Historiker Serhii Plokhy über die Risiken
       > atomarer Abrüstung, die Logik der Abschreckung und die Gefahr eines neuen
       > Wettrüstens.
       
 (IMG) Bild: Ein Scheinsoldat am Ufer des Dnipro, im Hintergrund das AKW Saporischschja – Symbol der atomaren Risiken des Krieges
       
       taz: Herr Plokhy, Sie sind in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja
       geboren und aufgewachsen, haben die Zeit von Tschornobyl miterlebt, und
       seit Februar 2022 verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen
       Angriffskrieg, nachdem sie in den Neunzigerjahren ihre Atomwaffen abgegeben
       hatte. Wie ist das Thema Ihres Buches zu Ihnen gekommen? 
       
       Serhii Plokhy: Ursprünglich hat mich in der Tat die ukrainische
       Denuklearisierung interessiert. Hätte die Ukraine nach dem
       Lissabon-Protokoll 1992 und dem Budapester Memorandum zwei Jahre später
       nicht ihre Atomwaffen abgegeben, wäre sie heute die drittgrößte Atommacht
       der Welt. Putin hätte nicht gewagt, das Land anzugreifen. Nun haben wir den
       größten Krieg in der Welt im 21. Jahrhundert. Im Grunde geht es bei diesem
       Krieg darum, wie atomare Abrüstung auch schiefgehen kann.
       
       taz: Was ist im Fall der Ukraine schiefgelaufen? 
       
       Plokhy: Es ist ein Sicherheitsvakuum entstanden. Wenn dies nicht zu einem
       Krieg führen soll, muss man es mit etwas Sinnvollem füllen. Natürlich
       sollte man für die Nichtverbreitung von Atomwaffen kämpfen. Aber so wie es
       in der Ukraine durchgeführt wurde oder wie man es jetzt im Iran zu
       erreichen versucht, ist es der falsche Weg. Das führt früher oder später
       nur zum Krieg.
       
       taz: Für die Ukraine wären die Atomwaffen zur Abschreckung nötig gewesen.
       Beim Iran ist die Vernichtung Israels die Staatsdoktrin, da liegt der Fall
       anders. 
       
       Serhii Plokhy: Bis 2018 gab es ein internationales Abkommen der fünf
       permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Atommächte sowie der
       Europäischen Union, das die iranische Urananreicherung begrenzte und
       kontrollierte. Die USA kündigten das Abkommen, wodurch es dem Iran
       freistand, die Anreicherung fortzusetzen – ein großer Fehler, wie die
       europäischen Unterzeichnerstaaten und auch viele amerikanische
       Regierungsvertreter meinen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft einen Weg
       finden, zu einem Abkommen dieser Art zurückzukehren.
       
       taz: Die Einigung über die atomare Entwaffnung von Belarus, der Ukraine und
       Kasachstan scheint rückblickend relativ glatt über die Bühne gegangen zu
       sein, wie erklären Sie sich das? 
       
       Serhii Plokhy: Die frühen 1990er Jahre wurden aufgrund des Endes des Kalten
       Krieges zu einem Triumph der atomaren Abrüstung vieler Länder. Es war der
       Beginn einer unipolaren Welt, und in dieser neuen Welt hatte man, wenn man
       auf Atomwaffen beharren wollte, keine Verbündeten. Siehe Ukraine und
       Südafrika. Für beide Länder war die Denuklearisierung die Eintrittskarte in
       die internationale Gemeinschaft. Hätten sie die Abkommen nicht akzeptiert,
       wären sie zu Paria-Staaten geworden. Es war aber nur ein kurzer Zeitraum,
       in dem diese Entwicklung möglich war. Schon ab Ende der 1990er Jahre kam es
       zur Erweiterung des Nuklear-Klubs durch den Beitritt Pakistans und später
       Nordkoreas.
       
       taz: Was lässt sich aus der Atompolitik während des Kalten Krieges für die
       Gegenwart ableiten? 
       
       Serhii Plokhy:Damals gab es ein Gleichgewicht der Angst, das die Welt
       wirklich vor einer großen Konfrontation und vor einer
       Menschheitskatastrophe bewahrte. Über dieses „Gleichgewicht des
       Schreckens“, wie Churchill es im Kalten Krieg auch nannte, hat man
       Rüstungskontrolle erreicht.
       
       taz: Die Existenz von Atomwaffen als Stabilitätsfaktor? 
       
       Plokhy: Ja. Wir betrachten das nukleare Wettrüsten und den Kalten Krieg bis
       heute ausschließlich als schrecklich. Die gesamte Literatur befasst sich
       fast nur damit, wie wir an diesen Punkt gelangen konnten. Wir müssten uns
       aber auch fragen, welche Funktion die atomare Aufrüstung hatte. Die
       Abschreckung hat auch dazu geführt, dass kein Dritter Weltkrieg
       ausgebrochen ist. Der nukleare Geist ist ohnehin aus der Flasche, die
       Atomwaffen sind da. Wir müssen mit ihnen leben und einen Weg finden um mit
       ihnen umzugehen.
       
       taz: Inwiefern wird die Angst vor Atomwaffen selbst zur Waffe? 
       
       Serhii Plokhy: Angst ist das Schlüsselkonzept meines Buchs. Die meisten
       Länder haben sich einzig aus Angst vor anderen Nuklearmächten eigene
       Atomwaffen zugelegt. Die erste Atombombe überhaupt entstand aus Angst – die
       Amerikaner fürchteten, dass Deutschland die Bombe zuerst bauen würde. Sie
       waren nicht völlig paranoid, es war ja realistisch, denn Deutschland und
       Großbritannien hatten vor dem Zweiten Weltkrieg sehr fähige Kernphysiker.
       Mutmaßungen, die sich als falsch erwiesen, spielten in der Geschichte der
       Atom- und Massenvernichtungswaffen oft eine Rolle. Man denke an die
       Irak-Invasion, die auf fehlerhaften Geheimdienstinformationen basierte.
       
       taz: Ist das „Gleichgewicht des Schreckens“ denn heute in der multipolaren
       Welt gegeben? 
       
       Serhii Plokhy: Die USA und Russland haben heute vergleichbar große
       Atomwaffen-Arsenale, insofern haben wir, was die beiden größten Atommächte
       betrifft, eine Situation wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. China hat
       deutlich weniger Atomsprengköpfe und sagt: Entweder ihr reduziert eure
       Arsenale auf unser Niveau, dann verhandeln wir über ihre Kontrolle. Oder
       wir holen auf und erreichen euer Niveau – erst dann reden wir darüber. Es
       zeichnet sich daher wieder ein Wettrüsten ab, bis das Gleichgewicht
       zwischen den mittlerweile drei größten Atom-Großmächten hergestellt ist.
       
       taz: Sehen Sie die Existenz von Atomwaffen als Stabilitätsfaktor? 
       
       Plokhy: Ja. Wir betrachten das nukleare Wettrüsten und den Kalten Krieg bis
       heute ausschließlich als schrecklich. Die gesamte Literatur befasst sich
       fast nur damit, wie wir an diesen Punkt gelangen konnten. Wir müssten uns
       aber auch fragen, welche Funktion die atomare Aufrüstung hatte. Die
       Abschreckung hat auch dazu geführt, dass kein Dritter Weltkrieg
       ausgebrochen ist. Der nukleare Geist ist ohnehin aus der Flasche, die
       Atomwaffen sind da. Wir müssen mit ihnen leben und einen Weg finden um mit
       ihnen umzugehen.
       
       taz: Sehen Sie ein Risiko, dass im Ukraine-Krieg Atomwaffen eingesetzt
       werden? 
       
       Serhii Plokhy: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt ein weltweites Tabu beim
       Einsatz von Atomwaffen, alle Seiten können dabei nur verlieren. Aber die
       Drohungen Russlands, Atomwaffen einzusetzen, sind Teil dieses Kriegs. Der
       Westen hat inzwischen verlernt, diese Spielchen zu spielen, die während des
       Kalten Kriegs gang und gäbe waren.
       
       taz: Im Ukraine-Krieg liegt die atomare Gefahr auch darin, dass die AKWs
       Saporischschja und Tschornobyl Teil kriegerischer Handlungen sind. 
       
       Plokhy: Ja. Ich habe Sorge vor einem neuen Tschornobyl oder Fukushima. Zum
       ersten Mal in der Geschichte findet ein Krieg auf dem Gelände von
       Kernkraftwerken statt. Es reicht, die Stromversorgung einer Atomanlage zu
       unterbrechen, und schon hat man ein Fukushima. Aus Saporischschja erhalten
       wir immer wieder die Information, dass die Stromzufuhr unterbrochen wurde.
       Zudem führte die Sprengung des Kachowka-Staudamms zu einem Mangel an
       Kühlwasser. Wenn die Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden – was
       Russland will –, könnte das Unglück programmiert sein. Auch der Sarkophag
       über dem Kernkraftwerk Tschornobyl wurde bereits beschädigt.
       
       taz: Der Sarkophag über dem Kernkraftwerk Tschornobyl wurde von russischen
       Drohnen getroffen. Nun meldet Russland einen Drohnenangriff auf einen
       Reaktor des AKW Saporischschja, die Ukraine weist die Vorwürfe zurück.
       Bestätigt das Ihre Warnungen? 
       
       Plokhy: Die jüngsten Vorwürfe Russlands, eine ukrainische Drohne habe einen
       Reaktor des Kernkraftwerks Saporischschja angegriffen, sowie die
       ukrainischen Dementis erinnern daran, welche Gefahr der Krieg für
       Nuklearanlagen darstellt. Derzeit lässt sich nicht überprüfen, wer in
       diesem Fall die Wahrheit sagt. Auffällig ist jedoch, dass Russland nukleare
       Bedrohungsszenarien häufig dann bemüht, wenn es an der Front unter Druck
       gerät – so wie derzeit in der Region Saporischschja. Die Ukrainer könnten
       an einen Punkt gelangen, an dem sie entscheiden, es mit gleicher Münze
       zurückzuzahlen. Die russischen Kernkraftwerke sind genauso verwundbar wie
       die ukrainischen. Langfristig sollten wir eine internationale Vereinbarung
       anstreben, dass Atomkraftwerke in Kriegen tabu sind wie der Einsatz
       nuklearer Waffen. Der Internationalen Atomenergie-Organisation muss
       ständiger Zugang zu AKWs gewährt werden.
       
       taz: Mit dem Atomwaffensperrvertrag versucht man, die Verbreitung nuklearer
       Waffen zu beschränken. Wie wichtig ist er?
       
       Serhii Plokhy: Immerhin ist nicht eingetreten, was John F. Kennedy Anfang
       der 1960er sagte, dass es schon bald mehr als 20 Nuklearmächte geben
       könnte. Wir haben neun Nuklearmächte. Es gibt heute fast 40 Länder, die
       innerhalb weniger Jahre eine Bombe bauen können. Der Atomwaffensperrvertrag
       ist natürlich nützlich für die Länder, die Atomwaffen besitzen, weil ihnen
       das Privileg der Bombe vorbehalten bleibt. Er kommt aber auch den Ländern
       zugute, die keine Atomwaffen besitzen – für manche Länder ist er eine
       Garantie dafür, dass der Nachbarstaat nicht morgen plötzlich eine Atombombe
       baut.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch viel darüber, wie Atomwaffen in der
       Literatur und Kultur verhandelt werden. Was interessiert Sie daran? 
       
       Serhii Plokhy: Ich finde es spannend, wie die Menschheit mit der
       faszinierenden Idee der Kernkraft ringt. Man nimmt etwas, das man nicht
       einmal sehen kann, spaltet es und erzeugt eine Energie, die die Welt
       verändern und zerstören kann. Der Schriftsteller H. G. Wells hat in
       „Befreite Welt“ aus dem Jahr 1914 vieles vorhergesehen. Lange vor Gründung
       der Vereinten Nationen stellte er sich eine Weltregierung vor. Er hat die
       unheimliche Kraft der Bombe antizipiert. Er glaubte sogar, dass die bloße
       Existenz der Bombe zum Ende der Kriege führen könnte. Da lag er allerdings
       falsch.
       
       taz: Der Film „The Day After“ hat sogar die Weltpolitik verändert. 
       
       Serhii Plokhy: Ja, nachdem Ronald Reagan den Film 1983 gesehen hatte,
       änderte er seine Politik. Natürlich war dies eher ein Auslöser als eine
       Ursache für seinen Kurswechsel. Er war nun der Überzeugung, Amerika müsse
       alles tun, „dass es niemals zu einem Atomkrieg kommt.“
       
       taz: In Kriegen werden grausamste Taten verübt, Sie aber glauben, dass das
       Tabu Atomwaffen einzusetzen hält. Was macht Sie so sicher? 
       
       Serhii Plokhy: In der Geschichte hat spätestens der Test der
       Wasserstoffbombe in Castle Bravo im Jahr 1954 gezeigt, welch unfassbares
       Zerstörungspotenzial Kernwaffen haben können. Das will niemand riskieren.
       Selbst Robert Oppenheimer – also der Mann, der die Bombe gebaut hat – war
       gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe. Die Geschichte des
       Atomzeitalters hat meiner Meinung nach viel mit dem aufkommenden Zeitalter
       der künstlichen Intelligenz zu tun. Menschen erschaffen Dinge, über die sie
       die Kontrolle verlieren können.
       
       31 May 2026
       
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 (DIR) Jens Uthoff
       
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