# taz.de -- Nutzungskonflikte im Stadtstaat: „Hamburg ist durchaus in der Lage, Wald zu erhalten“
> Hamburgs wilde Wälder schrumpfen, obwohl sie wachsen sollen. Jan
> Muntendorf von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald über grüne Reste in
> der Stadt.
(IMG) Bild: Wo ein politischer Wille, da ein Wald: Der Vollhöfner Wald ist heute ein Naturschutzgebiet. Hamburg kann also Wald zu erhalten
taz: Warum schwinden die wilden Wälder in Hamburg, Herr Muntendorf?
Jan Muntendorf: Es gibt nur einen Grund dafür: Bebauung. [1][Hamburg baut,
insbesondere Wohnungen]. Und da Hamburg eine begrenzte Fläche hat, nimmt
man sich Flächen, von denen man glaubt, dass sie nicht so wertvoll sind.
Und das sind dann immer wieder die kleinen wilden Wälder, von denen wir in
Hamburg noch ein paar Reste haben.
taz: Sind die nicht geschützt?
Muntendorf: Die fallen alle unter [2][das Landeswaldgesetz]. Wenn man roden
möchte, muss man einen Ausgleich machen. Der passiert in der Regel aber
nicht in Hamburg, weil Hamburg gar keine Flächen dafür hat.
taz: Ist das aus ökologischer Sicht nicht absurd?
Muntendorf: Ja klar. Wenn ein Wald 60 Jahre alt ist und ich dann irgendwo
außerhalb Hamburgs eine Ersatzpflanzung mache, dann ist diese
Ersatzpflanzung ein Jahr alt und hat nicht die Funktion eines 60-jährigen
Waldes. Für Hamburg bedeuten diese kleinen Waldstrukturen gerade in Zeiten
des Klimawandels, [3][wenn wir Hitzesommer bekommen], kleine Hotspots der
Kühlung, denn dort kann Wasser versickern. Und die Wälder sind wichtig für
die Artenvielfalt, weil es Räume sind, wo Vögel und Insekten noch eine
Möglichkeit haben, in der Stadt zu leben.
taz: Dass im Verhältnis doppelt so viel Ersatz gepflanzt werden muss, hilft
da auch nicht?
Muntendorf: Natürlich ist es für Schleswig-Holstein und für Niedersachsen
schön, wenn sie neuen Wald bekommen. Aber es hat für Hamburg keine
Funktion.
taz: Im alten rot-grünen Koalitionsvertrag stand ja mal, dass die
Waldfläche in Hamburg sogar vergrößert werden sollte.
Muntendorf: Da sollte jeder Bezirk versuchen, einen Hektar Wald
aufzuforsten. Mir ist aber nicht bekannt, dass das irgendwo passiert wäre.
taz: Woran ist es gescheitert?
Muntendorf: Hamburg hat nicht die Fläche dafür, beziehungsweise will sie
dafür vielleicht auch nicht hergeben. Ich weiß aber auch von Gebieten im
Bezirk Wandsbek, die dafür vorgesehen waren, aber Privatleuten gehörten,
die sagten: Ich möchte keinen Wald.
taz: Die kann man natürlich schlecht enteignen.
Muntendorf: Hamburg hat ja Flächen. Hamburg könnte durchaus.
taz: An welchen Stellen könnte Hamburg?
Muntendorf: Hamburg besitzt ein paar tausend Hektar landwirtschaftliche
Flächen, bei denen man überlegen könnte, wann die Pachtverträge auslaufen.
Die Stadt könnte sagen: Wir verlängern sie nicht weiter und nehmen diese
Flächen jetzt für Wald. Natürlich kommt dann der Bauernverband und sagt:
Wir brauchen aber auch hier in Hamburg Landwirtschaft.
taz: Und dann?
Muntendorf: Das sind Nutzungskonflikte, die wir als kleiner Stadtstaat
haben. Das ist anders als in Mecklenburg-Vorpommern oder in
Schleswig-Holstein, wo man eben mal 70 Kilometer weiter gehen kann.
taz: Und da geht es noch gar nicht um das Dauerthema Wohnungsbau. Dennoch
würden Sie sagen, dass mehr Schutz für die wilden Wälder möglich ist?
Muntendorf: Sagen wir mal so: Da muss mehr möglich sein. Die Prioritäten
müssten dann anders gesetzt werden. Als Naturschutzverband ist es natürlich
erst mal unsere Aufgabe, die Natur zu verteidigen. Ich bin aber auch
Realist und sage nicht: Naturschutz steht über allem. Aber ich versuche
natürlich, so viel wie möglich für den Naturschutz herauszuholen oder
zumindest einen Kompromiss zu finden.
taz: Wie erfolgreich war das in der Vergangenheit?
[4][Der Vollhöfner Wald wurde unter Schutz gestellt] und ist heute ein
Naturschutzgebiet. Er zeigt, dass Hamburg durchaus in der Lage ist, Wald zu
erhalten, wenn der politische Wille vorhanden ist – während zugleich in
Altenwerder voraussichtlich Grünflächen für den Hafenausbau gerodet werden
sollen. Anders sieht es zum Beispiel aus mit dem [5][wilden Wald in
Wilhelmsburg], wo wir acht Hektar 60 Jahre alten Wald haben, der
wahrscheinlich für den Wohnungsbau gerodet wird.
taz: Hätten Sie einen konkreten Alternativvorschlag?
Muntendorf: Nein. Und natürlich ist mir auch klar, dass Hamburg bauen muss,
dass wir bezahlbaren Wohnraum brauchen. Aber ich habe weniger
Bauchschmerzen dabei, wenn das Bauvorhaben auf Ackerflächen stattfindet. Es
gibt ohnehin wenig Wald in Wilhelmsburg, die Leute dort haben nicht die
Möglichkeit, einfach mal zu sagen: Wir kommen hier heraus und genießen die
Ruhe. Und vom Prinzip her wäre es natürlich viel besser, wenn man die
ganzen Baulücken, die es in Hamburg noch gibt, nutzt oder auf Flachbauten
aufstockt. Und mit Nachverdichtung meine ich übrigens nicht, dass man die
letzte Grünfläche zwischen den Häusern bebaut, denn die brauchen wir auch.
taz: Das heißt, letzten Endes fordern Sie mehr Fantasie und eine Runde mehr
Nachdenken bei den Städteplaner:innen?
Muntendorf: Ja. Mir ist natürlich auch klar, dass so eine magistrale
Bebauung schwieriger ist. Dann müssen Eigentumsverhältnisse geklärt werden,
da muss aufgestockt werden. Aber für uns als Naturschutzverband geschieht
das noch immer zu wenig.
5 Jan 2026
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