# taz.de -- 100 Jahre Marilyn Monroe: Sexploitation entkommt man nicht
> Showgirl, Goldgräberin, Femme fragile: Am 1. Juni wäre Marilyn Monroe 100
> Jahre alt geworden. Um Selbstbestimmung hatte sie sich bemüht –
> vergeblich.
(IMG) Bild: Marilyn Monroe spielt in „The Prince and the Showgirl“ von 1957 mit Verve gegen den distinguierten Bühnenprofi Laurence Olivier an
Wie gern hätte man den 100. mit ihr gefeiert. Hätte auf sie und ihre Arbeit
angestoßen und ihr die künstlerische Anerkennung zugestanden, die ihr
während ihrer Lebenszeit verweigert wurde. Sie als Freundin, Kollegin, als
Partnerin, vielleicht als Mutter und Großmutter (Marilyn Monroe starb mit
36, sie wollte immer Kinder) hochleben lassen.
Und es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie es weitergeht. Hätte sie
weitergedreht? Wäre ihre letzte, unvollendete Arbeit „Something’s got to
give“, deren komplizierte Dreharbeiten 1962 bereits kurz vor ihrem Tod aus
unerfreulichen Gründen (Kündigungen, Wiedereinstellungen,
Medikamentenkonsum, Medienkampagnen) abgebrochen wurden, ein Hit geworden?
Dieses Remake eines Films von 1940, der ein Gedicht von Alfred Lord
Tennyson zitiert, arbeitete unter der Regie von George Cukor ein potenziell
traumatisches Ereignis in eine Posse um: Eine Frau und Mutter (Monroe) wird
nach einem Schiffbruch für tot erklärt, ihr Mann heiratet eine andere.
Jahre später kehrt sie jedoch zurück und mischt das Leben des
vermeintlichen Witwers auf. Dass die Verschollene selbst während der Absenz
ebenfalls nicht allein geblieben ist, verkompliziert das Ganze.
Als Letztes spielte Marilyn also eine Wiedergängerin – die erhaltenen
Szenen haben etwas Gespenstisches, so ätherisch und quecksilbrig erscheint
sie mit dem weißblond leuchtenden Schopf, dem leicht überkandidelten
Glucksen.
## Die eigene Produktionsfirma
Wenn sie nicht gestorben wäre, hätte Marilyn vielleicht all ihren Mut und
Selbstrespekt zusammengenommen und nochmal die Richtung zu wechseln
versucht. So wie 1955, als sie gemeinsam mit einem Fotografen eine eigene
Produktionsfirma gründete, um andere Figuren spielen, andere
(Frauen-)Geschichten erzählen zu können.
Beide im Auftrag der „Marilyn Monroe Productions“ entstandenen Werke, „Bus
Stop“ (1956) und „The Prince and the Showgirl“ (1957), zeigten sie in
komplexen Rollen. „Bus Stop“, die Kinoadaption eines Broadwaystücks,
erzählt von der „Chanteuse“, der Nachtclubsängerin Chérie. Marylin hatte
dafür mit Hilfe ihrer Schauspiellehrerin Paula Strasberg den Dialekt der
Hochlandregion der Ozarks erarbeitet.
Doch nicht nur der Hillbilly-Akzent, auch ihre Kostüme, über die sie selbst
entschied, sind erstaunlich. Zunächst trägt die zerzauste Chérie ein
fadenscheiniges Negligé und wirkt fast wie die Antagonistin zu den
Showgirls der früheren Filme. Der 1929 und damit drei Jahre nach Marilyn
geborene Schauspieler Don Murray gibt den ebenso aus dem Hinterland
stammenden, naiven Cowboy Bo, der sich bei einem Rodeo in Phoenix eine Frau
suchen will. Bo ist ein ungestümes Füllen – er verschlingt zum Frühstück
drei Burger mit rohen Hack-Pattys und trinkt (ohne Schnitt!) ein Literglas
Milch aus.
## Männerunabhängige Träume
Als einer von nur wenigen aus Marilyns über 30 Filme (davon 13 Hauptrollen)
umfassendem Oevre besteht „Bus Stop“ [1][den Bechdeltest,] der die
Repräsentanz von autark handelnden, nicht nur als passives object of desire
genutzten Frauenfiguren (inklusive eigenem Rollennamen) im Film einschätzt.
Denn mit ihrer Kollegin Vera redet Chérie über ihre männerunabhängigen
Träume.
In einer [2][Rodeo-Szene] macht sich der Film gar über das bei Monroe stets
übliche „Male gaze“-Framing lustig, während Kameramann Milton Krasner es
gleichzeitig benutzt: Zwei Life-Fotografen werden auf Chérie und Vera im
Publikum aufmerksam. Doch beim Nachschminken fällt Chérie der Lippenstift
herunter. Geifernd schießt der Fotograf in dem Augenblick, als sie sich
bückt, eine Aufnahme von ihrem Hintern. Man kann tun, was man will, so die
lakonische Aussage, Sexploitation entkommt man nicht.
Nach krachmandeligen Verwicklungen gesteht Chérie der Jungfrau Bo am Ende,
dass sie jede Menge Männererfahrung mitbringt. Aber das ist Bo egal. „Ich
mag dich, wie du bist, also wieso sollte mich scheren, wie du so geworden
bist?“, sagt er. „Haltet euch fest, denn es gibt eine große Überraschung“,
steht schließlich in der New York Times-Kritik zu „Bus Stop“ in einem
vergifteten Lob, „Marilyn Monroe hat endlich bewiesen, dass sie eine
Schauspielerin ist“.
## Alkohol und Nahaufnahmen
Auch „The Prince and the Showgirl“ präsentiert zwar das titelgebende
Showgirl, doch Marilyn spielt mit Verve, Timing und Unerschrockenheit gegen
den distinguierten Bühnenmimen Laurence Olivier an, der in dem im Jahr 1911
angesiedelten, größtenteils kammerspielartigen Film einen übergriffigen,
arroganten europäischen Prinzregenten gibt. Nach Irrungen, Wirrungen, viel
Alkohol und wenig Nahaufnahmen hat Marilyns Figur letztendlich die gesamte
Adelsfamilie um den Finger gewickelt – und einen Krieg verhindert.
Nicht nur ihre bis zum Tod vergeblichen Bemühungen um künstlerische und
damit auch weibliche Selbstbestimmtheit, auch Marilyn Monroes Rollen als
solche lassen sich geradezu symptomatisch für die Rollen von Frauen in den
1950ern und den beginnenden, Prä-Emanzipationsbewegungs-1960ern lesen.
Da wäre erstens das allgegenwärtige „Showgirl“, das die Möglichkeit bietet,
junge, heteronormativ attraktive Frauenkörper in spärlicher Klamotte dem
männlichen Blick auszuliefern.
Zweitens gibt es die „Goldgräberin“, die bereits seit den 1920ern durch
Erzählungen, Gesellschaftsspalten und Romane geistert und darauf aus ist,
einen älteren, reichen Ehemann zu angeln, weil sich keine bessere Chance
auf ein Auskommen bietet. „A kiss on the hand may be quite continental /
but diamonds are a girl’s best friend“ heißt es sowohl in Anita Loos' 1925
veröffentlichter Romanvorlage als auch im Signature-Song des Erfolgsfilms
„Gentlemen prefer blondes“.
„Men grow cold /as girls grow old“, singt Marilyn weise weiter – die
Goldgräberin hat den Wert der Ware „jugendlicher Körper“ erkannt und ist
bereit, ihn einzusetzen. Auch wenn für die drei Protagonistinnen aus dem
prototypischen, 1953 entstandenen Gold-digger-Film „How to marry a
millionaire“ am Ende doch nur die Liebe zählt – was sich nach den
moralischen Regeln der Zeit auszahlt.
Oder es gibt, drittens, die schöne, böse „Femme fatale“, die Marilyn nur
einmal, im von tosenden Wasserfällen untermalten Drama „Niagara“ spielt,
als sie in der traditionell aus Ehemann, Ehefrau und Liebhaber bestehenden,
schicksalhaften Film-Noir-Dreieckskonstellation den Mord am Gatten (Joseph
Cotton) plant – und dafür tödlich bestraft wird.
Und schließlich gibt sie auch die verletzliche, emotionale, dennoch
attraktive „Femme fragile“ in ihrem letzten vollständigen Film „Misfits“
sowie in ihrer offiziell ersten, eigentlich zweiten Hauptrolle 1952 in
„Don’t bother to knock“. Dort zeigt sie ein psychisch auffälliges,
vielleicht posttraumatisch belastetes Kindermädchen, das einen Hotelgast zu
verführen scheint, der sie vorher durchs Fenster beobachtete.
## Der nette Nachbar
Apropos Beobachten: In Billy Wilders Komödienhit „The Seven Year Itch“
existiert ihre komplett namenlose Figur, die im Vorspann schlicht „the
girl“ genannt wird, einzig durch jenen „male gaze“, den begehrlichen Blick
eines älteren Mannes (Tom Ewell), der sie beim größten (wenn auch nicht
ersten) Upskirting der Filmgeschichte nicht-konsensuell sexualisiert. Denn
Marilyns Figur weiß nicht, dass der nette Nachbar, der mit ihr im Kino war,
ihr unter den Rock geifert, als sie sich im heißen New Yorker Sommer über
einem U-Bahn-Schacht abkühlt.
Könnte sie heute ihren Geburtstag feiern, dann hätte sie das Thema
„Upskirting“ auch im Zusammenhang mit Monsieur Pélicot kommentieren können,
der der Polizei wegen Upskirting [3][ins Netz ging]. Sie hätte mit
Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen und Kamerafrauen, Fotografinnen,
Produzentinnen und Agentinnen zusammenarbeiten, eine andere Art des
Narrativs und der weiblichen Solidarität, eine Sensibilisierung für diese
Themen erleben können. Man hätte ihr wirklich ein längeres Leben gegönnt.
1 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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