# taz.de -- Judenhass in Schleswig-Holstein: Antisemitismus bis zur Ermüdung
> In Schleswig-Holstein gab es im vergangenen Jahr weniger antisemitische
> Straftaten. Projektleiter geht davon aus, dass viele nicht gemeldet
> werden.
(IMG) Bild: Werden besonders oft angegriffen: Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig
Schmierereien an Fassaden, die Schändung von Holocaust-Gedenkstätten,
verbale Attacken im Sportverein oder Schulhof, Angriffe auf Personen am
Rand von Demonstrationen: 411 solcher Vorfälle mit antisemitischem
Hintergrund hat die Landesweite Informations- und Dokumentationsstelle
Antisemitismus in Schleswig-Holstein (Lida) im vergangenen Jahr gesammelt.
2024 waren es noch 588.
Doch der Rückgang von rund 30 Prozent sei keineswegs ein Grund zur
Entwarnung, warnt Projektleiter Joshua Vogel bei der Vorstellung der
Zahlen. „Der massive Antisemitismus ermüdet die Betroffenen und hält sie
davon ab, die Taten zu melden“, sagte Vogel bei der Vorstellung der Zahlen.
Lida, gefördert im Rahmen des Landesprogramms zur Demokratieförderung und
Rechtsextremismusbekämpfung, ist ein [1][Projekt des Zentrums für
Betroffene rechter Angriffe (Zebra)]. Dort erhalten Betroffene Rat und
Hilfe. Darüber hinaus kann jedeR – auch anonym – alles melden, was nach
Antisemitismus aussieht. Viele dieser Vorfälle lägen unterhalb von
Strafbarkeit, berichtete Vogel. Daher würden die Taten, selbst wenn
Betroffene zur Polizei gingen, in keine Statistik einfließen.
Umso wichtiger sei es, dass Lida die Fälle sammeln könne, um das Dunkelfeld
ein wenig erhellen zu können, sagte Madó Dreher von Zebra. Es gingen
Hinweise aus dem ganzen Land ein, parallel werte das Team Zeitungen und in
gewissem Umfang soziale Netzwerke aus. „Aber wir bekommen nicht alles mit“,
bedauerte Dreher.
## An den Pranger gestellt
364 Fälle gab es in Kiel. Es folgt der Kreis Pinneberg mit 21 Meldungen.
Der Grund sei vermutlich, dass Lida im Kreis neue
Netzwerkpartner:innen gefunden hat. In den Kreisen
Rendsburg-Eckernförde und Segeberg dagegen sanken die Meldungen dagegen –
vermutlich, weil eine regionale Geschäftsstelle geschlossen wurde.
Die meisten Vorfälle trafen „Stolpersteine“ oder andere Mahnmale für Opfer
der NS-Zeit. Aber auch jüdische Menschen oder Personen, die sich gegen
Antisemitismus engagieren, gerieten ins Visier von Angriffen. Der jüngsten
Fall ereignete sich Anfang Mai in Kiel: In der Innenstadt tauchten
[2][Plakate auf, auf denen Personen direkt benannt und zu Gewalt gegen sie
aufgerufen wurde].
Im Jahr 2025 zählte Lida vor allem Fälle des [3][„Israelbezogenen
Antisemitismus“. Dazu gehöre nicht die Kritik an Israels Regierung],
betonte Vogel. Gemeint sind dagegen Vorfälle, in denen jüdische
Schleswig-Holsteiner:innen für die Politik Israels verantwortlich gemacht
würden oder in denen das Existenzrecht des Staates infrage gestellt würde.
Er beschrieb einen Dreiklang: Auf einen äußeren Anlass, etwa die
Coronapandemie oder der Angriff der Hamas auf Israel, folge eine
[4][Kampagne auf Social-Media-Plattformen und darauf vermehrt
Kundgebungen]. „Das schafft Räume, in denen Menschen sich öffentlich
antisemitisch äußern“, sagte Vogel.
Die Angriffe kämen dabei aus allen Milieus und Gruppen: „Antisemitismus
wird oft bei den vermeintlich anderen gesucht, aber wir können mitnichten
davon sprechen, dass ein bestimmtes Milieu eine besondere Bedeutung hat“,
sagte Vogel. Hinzu komme, dass Schmierereien oder Sticker häufig dann
gemeldet würden, wenn sie sich einer politischen Richtung – links wie
rechts – zuordnen lassen.
Oft bleibe die Urheberschaft unklar. Und wenn es direkte Kontakte gab,
„sagen die Betroffenen meist, dass es ganz normale Leute waren“. Verbale
oder gar tätliche Angriffe im Bus oder im Klassenraum kämen „wie aus dem
Nichts“.
Eben dieser „beiläufige Antisemitismus“ sei Alltag für viele jüdische
Menschen, sagte Gerhard Ulrich, Landesbeauftragter für jüdisches Leben in
Schleswig-Holstein. „Früher fanden Angriffe anonym und in dunklen Ecken
statt, heute mitten im öffentlichen Raum.“ Zu beobachten seien eine
Verrohung der Sprache und eine Debattenkultur, in der der Respekt vor der
Würde des Menschen schwinde und es kaum mehr Differenzierung gebe.
„Ich nehme in der jüdischen Community einen Verlust an Vertrauen in die
Zivilgesellschaft und staatliche Institutionen wahr“, sagte Ulrich. „Das
ist ein Problem nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, sondern für unsere
Gesellschaft insgesamt.“ Die Landesregierung bereitet aktuell einen
Aktionsplan gegen Antisemitismus vor, aber das reiche nicht, so Ulrich:
„Jede und jeder gefordert, im eigenen Umfeld bei antisemitischen Sprüchen
dagegenzuhalten.“
28 May 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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