# taz.de -- Ausstellung über Rembrandt als Marke: Eine Art kühner Andy-Warhol-Vorgriff
> Geschickt mischte Rembrandt ab 1630 als Künstler-Unternehmer am gerade
> aufsteigenden Kunstmarkt mit. Das zeigt eine Ausstellung in der Heritage
> Kassel.
(IMG) Bild: Sein eigenes Porträt verkaufte sich gut: Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Selbstbildnis mit verschatteten Augen, um 1628
Der niederländische Künstlerstar des 17. Jahrhunderts hinterließ 80
Selbstportraits, das früheste wird „Selbstbildnis mit verschatteten Augen“
genannt. Und sie sind tatsächlich ordentlich verschattet, diese Augen des
jungen Rembrandt: Durch die obere Hälfte des Gesichts, dessen Dunkelheit
von seinen wilden, bis in den Nacken wuchernden Locken zu stammen scheint,
sind sie gerade eben noch zu erkennen, neugierig, fast verwundert scheinen
sie den Betrachter unter hochgezogenen Brauen zu mustern. Nur die Nase ragt
prominent und ein wenig adoleszent glänzend aus dem Schattenfeld hervor.
Rembrandt Harmenszoon van Rijn war Anfang zwanzig, als er das Bild schuf.
Vier Jahre später pfiff er auf seinen komplizierten Nachnamen, zog von
seiner Heimatstadt Leiden nach Amsterdam, kaufte sich dort [1][in die
Werkstatt des niederländischen Kunsthändlers] Hendrick van Uylenburgh ein
und lebte als „Kostgänger“, eine Art Untermieter mit Familien- und
Mahlzeitanbindung, in dessen Haus (etwas später heiratete er zudem dessen
Nichte). Er suchte sich eine neue Käuferschaft – und erfand dabei die
„Marke Rembrandt“.
Im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe untersucht die Sonderausstellung
„Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ nun, wie dieser Prozess vor sich
ging. Und woran es liegt, dass von den 349 zurzeit anerkannten
Rembrandt-Bildern beeindruckende 32, also fast 10 Prozent, in jenem einen
arbeits- und ideenreichen Jahr entstanden.
Die Definition des Begriffs Marke hat viel mit Urheberrecht und seinem
Schutz zu tun – bei Rembrandt war das nicht anders: Einen großen Teil
widmet die Schau dem Thema Kopien, Repliken und Varianten. Denn es könnte
sein, dass nicht die Mitarbeiter oder „Mitmaler“ der „Rembrandt-Werkstatt“
Motive und Arbeitsweise kopierten, sondern Rembrandt selbst in einer Art
kühnem Andy-Warhol-Vorgriff Kopien seiner Bilder herstellte, um mehr davon
verkaufen zu können.
## Dreimal Original
In Kassel kommunizieren drei solcher fast gleichen Bilder miteinander,
eines stammt aus den Beständen und galt lange als einziges Original, eines
aus Amsterdam, eines aus dem Knightshayes Garden Trust im englischen Devon.
Sie zeigen immer wieder den selbstbewussten, direkten Blick des jungen
Malers unter den schweren Gesichtsschatten. Nach neuesten
kunsttechnologischen Untersuchungen stammen tatsächlich alle drei von ihm –
unter anderem wurde dafür das Baumholz der dazugehörigen Holztafel
analysiert.
Rembrandt scheint auf einen Hype um seine Bilder reagiert zu haben – denn
die durch Hollands Rolle als Kolonialmacht zu Wohlstand gelangte
niederländische Gesellschaft muss sich damals sehr für Porträts
interessiert haben. Auch das stellt die Ausstellung fest und hinterfragt
[2][damit den seit ein paar Jahren öffentlich kritisierten Begriff des
„Goldenen Zeitalters“ der niederländischen Malerei].
Ein weiterer Raum mit knapp 70 Werken (davon 49 Leihgaben) nimmt sich
Rembrandts Historien- und Genremalerei und die „strategische Vermarktung“
seiner Druckgrafiken vor, die er für weniger Geld verkaufte. Auf „Die
Auferweckung des Lazarus“, das zeigt, wie jener Lazarus (laut
Johannesevangelium) nach vier Tagen Tod von seinem guten Freund Jesus
reanimiert wurde, scheint der hoch aufragende, mit dem Rücken zum
Betrachter gezeigte Gottessohn den Toten mit dramatischer Geste wie eine
Marionette an Fäden ins Leben zurückzuziehen.
Das Erstaunen der Beobachter, denen Münder und Augen offenstehen,
verwundert nicht – und man kann sich gut vorstellen, wie gut damals ein
solches mit Pathos, mediokrem Grusel und Gottesfurcht versehenes Bild
ankam.
Die Zusammenarbeit zwischen Rembrandt und dem zeitgleich tätigen Maler Jan
Lievens artete um 1632 in einen Konkurrenzkampf aus – auch das untersucht
die Ausstellung. Beide malten „Tronies“, Gesichtsstudien mit beeindruckend
vielfältiger Mimik, die in der Stärke ihres Ausdrucks an Theatersituationen
erinnern.
## „Die Anatomie des Dr. Tulp“
Und das so unheimliche wie faszinierende Gemälde „Die Anatomie des Dr.
Tulp“, das ebenfalls 1632 fertiggestellt wurde, wird in Beziehung zur
Entstehung ähnlicher Gruppenbilder, wie dem in Kassel gezeigten
Nicolaes-Eliaszoon-Pickenoy-Gemälde, gesetzt. Auf Rembrandts Gruppenversion
schauten seinerzeit sieben bärtige Barbiere und Chirurgen in weißen
Halskrägen dem Anatomen Nicolaes Tulp dabei zu, wie er den Arm eines auf
dem Tisch liegenden Toten seziert, dessen geisterhafte Blässe den Kontrast
zum Blutrot der offengelegten Sehnen verstärkt.
Dass die Marke Rembrandt noch immer auch „objektfremd“ funktionieren soll,
wie es einer der beiden Kuratoren ausdrückt, zeigt eine Sammlung der
unterschiedlichsten Dinge, über die Rembrandt sich wahrscheinlich amüsiert
hätte: Die angeblich „erste aufhellende Zahnpasta auf dem Markt“ nennt sich
nach ihm, genauso eine Armbanduhr, ein Weinbrand, ein IC zwischen Amsterdam
und Frankfurt, ein Kleid aus Strick und jede Menge Zigarettensorten.
In einer Magazin-Werbekampagne aus den 60ern sitzt ein distinguierter Mann
im Auto und zieht sinnierend am Künstler-Glimmstängel. „Im harten Klima des
Erfolgs das milde Klima der Rembrandt“ prangt in Weiß darüber, weiter unten
wird ebenso großspurig und nichtssagend weiter geschwelgt: „Erfolg ist die
Freude am Erreichten“. Am besten passt die Marke Rembrandt wohl doch zu
einem echten Rembrandt.
28 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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