# taz.de -- Dokumentationszentrum Vertreibung: Anleitung zur Übernahme
> Der neue Direktor könnte aus dem „Vertriebenenmuseum“ endlich etwas
> Tolles machen: ein Labor der Emphatie, in dem man Geflüchteten aller Art
> zuhört.
(IMG) Bild: Zurückgeschickte Briefe aus der DDR im Museum und Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versoehnung
Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung bekommt an diesem
Montag mit Roland Borchers einen neuen Direktor. Vorausgegangen war ein
Machtkampf um die Absetzung seiner Vorgängerin Gundula Bavenkamp. Und der
Bund der Vertriebenen, auf dessen Initiative das Haus überhaupt entstand,
wird weiterhin auf eine Überarbeitung der Dauerausstellung drängen. Dabei
müsste, statt der 2021 fertiggestellten Ausstellung Nadelstiche zu
versetzen, das Haus radikal geöffnet werden, damit mehr Touristen und
Berliner die Geschichte und Gegenwart von Zwangsmigration hinterfragen.
Die Dauerausstellung des Dokumentationszentrums ist ein Kompromiss, der
nach der Gründung des Hauses geschlossen wurde. Er ermöglichte, ein
„sichtbares Zeichen“ dauerhaft in Berlin zu etablieren. Die Geschichte von
zwölf Millionen deutschen Vertriebenen wird als Teil einer europäischen
Entwicklung und als Folge des deutschen Vernichtungskrieges im östlichen
Europa erzählt. Im ersten Obergeschoss machen die Kuratoren die Geschichte
von Nationalismus und der Idee „ethnischer Säuberungen“ als Form
staatlicher Bevölkerungspolitik sichtbar. Im zweiten Obergeschoss wird die
Zwangsmigrationserfahrung von ethnischen Deutschen aus unterschiedliche
Regionen im östlichen Europa minutiös dargestellt.
Diese Anordnung sollte Ängste aus Polen und anderen Staaten ausräumen. Sie
hatten vor der Gründung befürchtet, dass der Fokus auf deutschem Leiden ein
Hauch des Revanchismus transportieren könnte. Diese Vorbehalte waren nicht
aus der Luft gegriffen, denn Erika Steinbach, die langjährige Vorsitzende
des Bundes der Vertriebenen und Ideengeberin des Hauses, hatte sich noch
1990 – damals als CDU-Politikerin – gegen eine völkerrechtliche Anerkennung
der Oder-Neiße-Grenze stark gemacht.
Die Atmosphäre im Haus am Anhalter Bahnhof strahlt auch zehn Jahre nach dem
politischen Ringen den unterkühlten Charme eines politisch korrekten
Kompromisses aus. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die sterile
Architektur des entkernten Deutschlandhauses. Hier hatten im alten
Westberlin vor dem Umbau die sogenannten Landsmannschaften ihre Büros: die
einstigen Ostprovinzen des Deutschen Reichs Schlesien, Ostpreußen und
Pommern neben von Deutschen bewohnten Regionen unter anderem in Ungarn,
Rumänien und Tschechien.
Um die Besucher möglichst stark in der Sprache der Erinnerungsarchitektur
des 21. Jahrhunderts zu beeindrucken, hatten die Architekten des Büros
Marte.Marte eine riesige Freitreppe geschaffen, von der Besucher die Leere
des Dokumentationszentrums überblicken können.
Im Foyer ist oft wenig los. Im Zwischenbereich zwischen einer Wendeltreppe,
der Dauerausstellung und der Bibliothek herrscht gähnende Leere, wenn sich
nicht gerade eine Gruppe Schüler oder Rentner hierher verirrt. Um so viel
Raum für Leere zu schaffen, versteckten die Architekten ein beeindruckendes
Artefakt, das die Geschichte der Vertriebenen mit diesem Ort verbindet.
Das Buntglasfenster von Ludwig Peter Kowalski entstand 1950 für die Schau
„Die Deutsche Heimat im Osten“. Die ursprünglich als Tryptyk konzipierten
Arbeiten stellen Schlesien, Pommern und Preußen dar. Kowalski vergleicht
darin das Schicksal der Deutschen aus dem Osten visuell mit dem von Josef
und Maria. Das Werk, das über Jahrzehnte den Treppenaufgang auf der
Rückseite des Deutschlandhauses prägte, ist seit 2021 so am neuen
Fahrstuhlschacht angebracht, dass man es nicht mehr betrachten kann. Ein
wahres Kunststück, das einzige Artefakt, das diesen Ort authentisch mit den
Vertriebenen verbindet, in einem 30 Millionen teuren Umbau vor den
Besuchern zu verstecken.
Das „Vertriebenenbleiglas“, das im eigens für die Erinnerung an die
Vertreibung gebauten Dokumentationszentrum von keinem Ort aus vollständig
zu sehen ist, steht sinnbildlich für eine Herausforderung, vor der auch
[1][der im März 2026 ernannte neue Direktor Roland Borchers] steht. Die
organisierten Vertriebenen fühlen sich im Dokumentationszentrum nicht
gesehen. Ein Mitglied der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und
Spätaussiedler in der Unions-Fraktion im Bundestag formuliert das im
Hintergrundgespräch so: „Es fehlte bisher an Empathie.“
## Kultur des Zuhörens
Mit einer neuen Kultur des Fragens und Zuhörens könnte Borchers das Haus zu
einem Labor für Empathie machen. Damit wäre klar, dass es im Kern nicht
allein um die Geschichte von Zwangsmigration ethnischer Deutscher geht,
sondern um die Vergegenwärtigung ihrer Erfahrung, durch die
Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Formen von Vertreibung.
Ein Labor der Empathie könnte die Nachfahren ganz unterschiedlicher
deutscher Staatsbürger zusammenbringen, die eine Geschichte der
Zwangsmigration erzählen können. Zuhören wäre eine zentrale Kulturtechnik,
die am Anhalter Bahnhof eingeübt werden könnte – und die in der
Bundesrepublik nicht nur in Bezug auf das Thema Flucht gebraucht wird. Das
funktioniert dann, wenn die Kinder von Millionen deutscher Vertriebener aus
dem östlichen Europa Gehör finden.
Sie könnten im Dokumentationszentrum aber auch selbst zuhören, wenn
Ukrainer, Iraner, Syrer und andere Menschen Zeugnis ablegen, die im 21.
Jahrhundert als Folge von Zwangsmigration in die Bundesrepublik kamen. Und
wo ist in Berlin der Raum für die Erzählungen von Nachfahren vor 1939
ausgewanderter deutscher Juden, die als Reaktion auf Rechtsruck und Krieg
in ihrer Heimat Israel und die USA verlassen haben? Wo können
Palästinenser, die in Flüchtlingslagern aufgewachsen sind, von ihrem
Schicksal berichten?
An Raum mangelt im Deutschlandhaus nicht. Im ersten Stock gibt es Nischen,
in denen man sich gegenübersitzen kann. In einem aufwendig gestalteten Raum
der Stille im Erdgeschoss steht jederzeit ein Stuhlkreis für eine
Reflexionsrunde bereitet. An normalen Tagen ist er meistens leer.
Nach seinem Amtsantritt werden die Augen auf Roland Borchers gerichtet
sein. Die Vertreter des Bundes der Vertriebenen, die Gruppe der
Vertriebenen in der Union und andere Lobbyisten in eigener Sache versuchen
derzeit mit einem Gesetz zur Schaffung einer selbstständigen Stiftung
Flucht, Vertreibung, Versöhnung die Zukunft der inhaltlichen Arbeit des
Dokumentationszentrums auf die Geschichte ethnischer Deutscher
einzuschränken.
Dabei gibt es für alle Kreisgemeinschaften aus Ostpreußen, Schlesien oder
Pommern bereits heute eine radikale Möglichkeit, das Haus von unten zu
beleben. Es steht offen für Menschen, die den musealen Raum mitten in der
Stadt nutzen, um ihre eigenen Ideen zu verwirklichen, die sich im
Dokumentationszentrum treffen, um Erfahrungen auszutauschen,
Lebensgeschichten zu erzählen und auch um die architektonische Leere zu
füllen mit Leben, mit Geräuschen, mit Unruhe.
Wenn Roland Borchers das Dokumentationszentrum stärker als „vierten Ort“
positionieren würde, an dem neue Formen des Austauschs eingeübt werden,
könnte der vermeintliche Widerspruch zwischen dem gesetzlich verankerten
Fokus auf der Geschichte und Kultur der Deutschen aus dem Osten und einer
systematischen Vergegenwärtigung dieser Geschichte aufgelöst werden.
## Russlanddeutsches nicht verstecken
Dafür wäre es hilfreich, wenn das Dokumentationszentrum Königsberger Klopse
und die Erzählungen sogenannter Russlanddeutscher noch stärker aus der
Schmuddelecke der Geschichte holen könnte. Der erste Versuch eines
Restaurants mit schlesischer Küche am Anhalter Bahnhof scheiterte aufgrund
hoher Mieten des öffentlich-rechtlichen Vermieters, aber auch weil die
Gerichte wie „Schlesisches Himmelreich“ auf der Karte ähnlich versteckt
waren wie das Glasfenster im Museum.
Ebenfalls möglich wäre, das Aufsichtspersonal in die Museumsarbeit
einzubeziehen. Überall in Berlin sind Bibliotheken und Museen fest in der
Hand von Menschen, die untereinander Russisch sprechen. Viele der Aufseher
in Staatlichen Museen und andernorts kamen als Spätaussiedler in die
Bundesrepublik. Aber just im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung,
Versöhnung sprechen die Sicherheitskräfte untereinander Arabisch. Wurden
sie je nach den Geschichten ihrer Familien gefragt?
Fragt man die russischsprachigen Aufseher in den Museen der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz nach ihren Familiengeschichten, erzählen sie von
der Kindheit in Kasachstan, von der Deportation der Großeltern aus dem
Süden der Ukraine oder von der Krim. Es wäre wichtig, dass wir sie fragen,
ihnen zuhören und aktiv dagegen ankämpfen, dass das Label #Russlanddeutsch
nicht der AfD überlassen wird, deren russlanddeutsche Abgeordnete
prorussische Positionen einnehmen.
Das Dokumentationszentrum am Anhalter Bahnhof könnte ein Raum sein, den
sich ganz unterschiedliche Gruppen selbst als öffentlichen Raum aneignen.
Dazu ist es notwendig, die derzeit im Entwurf für ein neues Stiftungsgesetz
vorgesehene thematische Einengung auf die Vergangenheit der Flucht
ethnischer Deutscher zu verhindern und unterschiedliche Modi der
Vergegenwärtigung ihrer Geschichte zu ermöglichen.
Der Autor lehrt Public History an der FernUniversität in Hagen.
31 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Felix Ackermann
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