# taz.de -- Dokuzentrum Flucht und Vertreibung: Übernahme erfolgreich abgewehrt
       
       > Konservative wollten das Vertriebenen-Dokuzentrum umbauen, NS-Verbrechen
       > sollten keine zentrale Rolle mehr spielen. Doch der Versuch wurde
       > abgewehrt.
       
 (IMG) Bild: Ein Schlüssel aus Königsberg im Museum und Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung
       
       Im Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde ein
       Konflikt beigelegt, der sich seit Monaten zuspitzt hatte. Der Stiftungsrat
       des Erinnerungsorts entschied am Donnerstag einstimmig, dass in Zukunft
       Roland Borchers das Haus leiten soll.
       
       Der Berliner Historiker war bisher stellvertretender Leiter des
       Dokumentationszentrums Zwangsarbeit in Schöneweide. Er promovierte über
       lebensgeschichtliche Erinnerungen polnischer Zwangsarbeiterinnen, die
       zwischen 1939 und 1945 in deutsche Betriebe und Güter deportiert worden.
       Zudem ist er Experte für die Geschichte Westpreußens und des historischen
       deutsch-polnischen Grenzlands.
       
       Zuvor hatten Unionspolitiker um den Abgeordneten und Präsidenten des Bundes
       der Vertriebenen (BdV), Stephan Mayer, versucht, mit Sven Oole ihren Mann
       als neuen Direktor durchzusetzen. Mit ihm drohte eine drastische
       Renationalisierung des Projekts.
       
       Oole hatte zuvor weder ein Museum noch ein größeres Team geleitet. Seine
       Qualifikation besteht darin, im Bundestag Geschäftsführer der
       unionsinternen „Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und nationalen
       Minderheiten“ zu sein. Das erklärte Ziel der Übernahme war eine Revision
       der Dauerausstellung, um den sehr konservativen Vorstellungen des Bunds der
       Vertriebenen zu entsprechen.
       
       Die Dauerausstellung des Dokumentationszentrums am Anhalter Bahnhof war
       2021 der Endpunkt einer über Jahre geführten Diskussion über die Erinnerung
       an Flucht und Vertreibung von mehr als zwölf Millionen Deutschen nach
       Ableben der Erlebnisgeneration. Der Kompromiss sah vor, dass im ersten
       Obergeschoss des historischen Deutschlandhauses, in dem in Westberlin
       Vertriebenenverbände residierten, eine Ausstellung über die Vorgeschichte
       von ethnischem Nationalismus und staatlicher Zwangsmigration entsteht.
       
       Im Stockwerk darüber befindet sich eine Ausstellung über die gewaltsame
       Aussiedlung von Deutschen aus den historischen Ostprovinzen Schlesien,
       Pommern, Ostpreußen sowie Regionen im östlichen Europa, die vor 1937
       außerhalb des Deutschen Reichs lagen. Am Eingang wird der deutsche
       Vernichtungskrieg im besetzten Osteuropa als Vorgeschichte der
       Vertreibungen dargestellt.
       
       Diese Einbettung der Vertreibungen in den Kontext der deutschen Verbrechen
       störte Konservative und Rechte schon lange. 2024 sandte Bernd Fabritius,
       der heutige Bundesbeauftragte für Aussiedler und nationale Minderheiten und
       damalige BdV-Präsident, einen Brief an die damalige Direktorin Gundula
       Bavendamm, die nun abgelöst wurde.
       
       Er enthielt Forderungen an das Dokumentationszentrum, die mit einem
       Direktorenwechsel erfüllt werden sollten: Die Geschichte der Vertreibung
       solle künftig so erzählt werden, dass ein Zusammenhang zwischen der
       Deportation, Ausbeutung und Ermordung von Millionen Menschen in Polen und
       der besetzten Sowjetunion mit der Vertreibung von Millionen Deutschen nach
       1945 nicht mehr aufgezeigt wird. Im Brief heißt es: „An dieser Stelle wird
       der Kontext mit der Kausalität vermengt.“
       
       Der Versuch zur Übernahme des Dokumentationszentrums war Teil eines
       detaillierten Plans, den die Union bereits im Wahlprogramm zur
       Bundestagswahl dargelegt hatte. Teile fanden Eingang in den
       Koalitionsvertrag und werden vom Koalitionspartner SPD bis heute
       stillschweigend geduldet.
       
       Wenige Monate nach dem Wahlsieg verlagerte die Bundesregierung wie
       angekündigt die Zuständigkeit für die Erinnerung an Flucht und Vertreibung
       vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ins CSU-geführte
       Innenministerium. Dort wirken [1][der parlamentarische Staatssekretär
       Christoph de Vries] und Bernd Fabritius an einer Doppelstrategie. Die
       Auslegung des Paragrafen 96 des Bundesvertriebenengesetzes, mit dem die
       Erinnerung an die Kultur und Geschichte der Deutschen aus dem Osten Europas
       aus Bundesmitteln finanziert wird, soll wieder enger an den im Gesetz
       vorgesehen Fokus auf ethnische Deutsche erfolgen.
       
       Parallel zu dieser Renationalisierung der Erinnerung prüft das Ministerium
       neue Einwanderungspfade für sogenannte deutsche Volkszugehörige, um den
       Spätaussiedlerstatus auch für nach 1992 in Kasachstan, der Ukraine und
       anderen postsowjetischen Staaten Geborenen zu erteilen.
       
       Der international besetzte wissenschaftliche Beraterkreis des
       Dokumentationszentrums hatte sich gegen die Neuausschreibung des
       Direktorenpostens ausgesprochen. Für den Fall einer Wahl von Sven Oole in
       der Sitzung des Stiftungsrats hatte der Beirat gedroht, geschlossen
       zurückzutreten.
       
       ## Gefahr fürs deutsch-polnische Verhältnis gebannt
       
       Das erinnerte an die Vorgeschichte des Hauses, die durch das Handeln
       [2][der Ideengeberin und heutigen AfD-Politikerin Erika Steinbach] über
       Jahre zu einer starken Belastung des deutsch-polnischen Verhältnisses
       geführt hatte. Diese Vertrauenskrise schien mit der Einrichtung der
       Dauerausstellung eigentlich überwunden. Das polnische Beiratsmitglied Piotr
       Madajczyk warnte in einem Interview für die Deutsche Welle davor, dass die
       Wahl Ooles in Polen nicht nur als Personalwechsel, sondern als
       Paradigmenwechsel im Umgang mit der deutschen Geschichte wahrgenommen
       werden würde.
       
       Gefragt, ob die Gefahr der Rückkehr deutsch-polnischer Debatten aus der
       Zeit von Erika Steinbach drohe, ist Madajczyk sehr klar: „Ja, diese Gefahr
       besteht.“ Die jetzt einhellig getroffene Entscheidung für Roland Borchers
       als Nachfolger für Gundula Bavendamm öffnet den Weg für einen Neuanfang am
       Anhalter Bahnhof. Sie ist auch ein deutliches Zeichen nach Polen. Die
       Warschauer Gazeta Wyborcza meldete als erste die Entscheidung und titelte:
       „Ein Polenexperte wird neuer Direktor.“
       
       Transparenzhinweis: Der Artikel wurde nach der Entscheidung des
       Stiftungsrats aktualisiert.
       
       26 Mar 2026
       
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