# taz.de -- Buch über Neoliberalismus: Antriebslos durch die Geschichte
> in „Beliebige Fracht“ erzählt Ian Kumekawa die Kapitalismusgeschichte des
> 20. Jahrhunderts anhand zweier Frachtschiffe aus einer schwedischen
> Werft.
(IMG) Bild: Ian Kumekawa stellt sein Buch auf dem National Book Festival in Washington vor
Was haben britische Soldaten, VW-Mitarbeiter und New Yorker
Gefängnisinsassen gemeinsam? Sie sind Teil eines schlechten Witzes namens
Kapitalismus. Und sie könnten theoretisch in ein und demselben Container
gelebt haben. Wie das möglich ist?
Am Anfang der Coronapandemie erfuhr der US-amerikanische
Wirtschaftshistoriker Ian Kumekawa von einem Gefängnisschiff, das in den
Neunzigern vor Manhattan lag. Was Kumekawa da noch nicht wusste, ist, dass
er auf eine [1][erzählerische Goldgrube] gestoßen war. Denn hinter dem
Gefängnisschiff lag eine ganze Flotte historischer Anekdoten, die die
Geschichte des Neoliberalismus der letzten fünfzig Jahre zusammenbinden.
„Beliebige Fracht“ erzählt die Geschichte zweier Schwesterschiffe, die in
der schwedischen Finnbodia-Werft gebaut und 1979 und 1981 in Betrieb
genommen wurden, zunächst unter dem Namen „Balder Scapa“ und „Balder
Floatell 1“. Über die folgenden Jahrzehnte werden sich ihre Namen genauso
wie ihre Funktionen noch zigmal ändern.
Genaugenommen waren es nämlich keine Schiffe, sondern Frachtkähne
beziehungsweise Pontons, also Schwimmkörper, die antriebslos sind, zu ihren
Zielen geschleppt werden müssen und mit Standardfrachtcontainern versehen
sind, die neben- und übereinander zu Blöcken montiert wurden. „Große
Schuhschachtel auf einem Kahn“, wie ein Besitzer es beschrieb.
Warum also nun die Geschichte zweier antriebsloser Schuhschachteln
erzählen? Weil sie aus der Krise geboren wurden und perfekt vorbereitet
waren für die verschiedenen Aufgaben, die der globalisierte Neoliberalismus
ihnen zuwies.
## Versorgung für die Bohrinseln
Denn dass die beiden Schiffe überhaupt noch vom Stapel liefen, war
keineswegs selbstverständlich. Ende der Siebziger geriet die schwedische
und europäische Werftindustrie in die Krise. Längst gab es Stahl und
Arbeitskraft anderswo günstiger. Das sozialdemokratische Schweden stemmte
sich mit großzügigen Subventionen gegen den internationalen Trend, an
dessen dünnen Fäden die Finnbodia-Werft nun hing.
Die setzte einige Hoffnung auf die Pontons, denn während [2][Europas
Wirtschaft] sich im Abschwung befand, boomte eine Branche: Die
Offshore-Ölgewinnung. Und die auf den Bohrinseln arbeitenden Fachkräfte
mussten versorgt werden. Genau für solche Zwecke waren „Balder Scapa“ und
„Balder Floatell 1“ gebaut worden.
Doch das Schicksal hatte, wie so oft im weiteren Verlauf, anderes im Sinn.
Pläne scheiterten, Firmen gingen pleite, die Schiffe trieben ziellos umher.
Da kam der Falklandkrieg wie gerufen, in dem britische Soldaten um die
halbe Welt geschickt wurden, um das letzte Stück Empire zu verteidigen.
Auch sie brauchten Unterkünfte, und so leaste das britische Militär die
zwei Schiffe.
Danach trennten und trafen sich ihre Wege immer wieder. Eins der Schiffe
ankerte zeitweise vor Emden, wo VW-Mitarbeiter untergebracht wurden.
Zwischen 1987 und 1994 lagen sie zeitweise gleichzeitig vor New York, wo
die brutale Antidrogenpolitik die Gefängnisse an ihre Kapazitätsgrenzen
brachte und aus Containern nun Zellen wurden.
Immer wieder wurden die Schiffe verkauft, immer wieder wurde versucht,
Profit aus ihnen zu schlagen, zuletzt in der Ölindustrie vor Nigeria.
Kumekawas Seefahrergeschichten sind deshalb ein solcher Geniestreich, weil
er darüber sehr anschaulich die Entstehung des globalisierten
Offshore-Kapitalismus erzählbar macht, der sonst gerne im toten Winkel der
Aufmerksamkeit agiert.
Es ist ein Prozess, in dem nationale Grenzen sich verflüssigen, in dem
Staaten ihre Aufgaben privatisieren, internationale Sonderzonen des Rechts
und des Wirtschaftens schaffen. Kreiert wird ein System der „Billigflaggen“
und Steuertricks, in dem das Wohlstandsversprechen westlicher
Gesellschaften aufgegeben wurde zugunsten einer Weltordnung der maximalen
Flexibilisierung und Standardisierung.
Kumekawa hat in seinen Schiffen die perfekten Symbole gefunden. Sie sind
Botschafter des Neoliberalismus, der die Anker wirft, wo immer er will.
Doch ihre Geschichte ist vorbei, sie sind stillgelegt und abgewrackt. Und
der Neoliberalismus tritt in seine nächste Phase ein. Auf welchem Schiff er
dann anheuern wird? Bislang sieht es nach einem [3][Schlachtschiff] aus.
31 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Marmor-Quecksilber-Nebel/!6170752
(DIR) [2] /Buch-ueber-deutsche-Wirtschaftsgeschichte/!6130607
(DIR) [3] /Roman-von-Johann-Reisser/!6175658
## AUTOREN
(DIR) Gerrit ter Horst
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Geschichte
(DIR) Neoliberalismus
(DIR) Werften
(DIR) Politisches Buch
(DIR) wochentaz
(DIR) Ökonomie
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ein düsterer Blick auf die Geschichte: Die Männer, die das 20. Jahrhundert abschaffen wollen
Armin Thurnher geht in seinem Buch „Unsternstunden der Menschheit“ der
Frage nach, „wie die Welt unerträglich wurde“.
(DIR) „Marmor, Quecksilber, Nebel“: Der Ursprung der Welt, die Grenzen der Sprache
In „Marmor, Quecksilber, Nebel“ kreist Judith Schalansky um die Frage, ob
sich die Weltgeschichte aus einem einzelnen Gegenstand entfalten lässt.
(DIR) Buch über deutsche Wirtschaftsgeschichte: Helden des nahtlosen Stahlrohrs
Es heißt, 300 Männer könnten das Schicksal einer Nation verändern.
Konstantin Richter erzählt anhand dieser These von Deutschlands
wirtschaftlichem Aufstieg.