# taz.de -- Buch über deutsche Wirtschaftsgeschichte: Helden des nahtlosen Stahlrohrs
> Es heißt, 300 Männer könnten das Schicksal einer Nation verändern.
> Konstantin Richter erzählt anhand dieser These von Deutschlands
> wirtschaftlichem Aufstieg.
(IMG) Bild: Rollender Mythos: Wilhelm Maybach auf dem Beifahrersitz eines Mercedes Simplex, 1903
Eine beliebte Graphic-Novel-Serie von Frank Miller trägt den Titel „300“.
Leonidas I., König der Spartaner, soll mit 299 weiteren gestählten
Spartiaten das Abendland vor den einfallenden Persern verteidigt haben. Die
Vorstellung, dass 300 Männer genügen, um das Schicksal großer Nationen zu
verändern, fasziniert.
Mehr als zwei Jahrtausende nach der Schlacht bei den Thermopylen kamen
angeblich wieder 300 Männer zusammen, um Großes zu vollbringen: Deutschland
zu einer Industriemacht zu formen. Diesmal war es nicht Herodot, der von
den Heldentaten berichtete, sondern Walther Rathenau, der 1909 in einem
Aufsatz allerdings vor den Männern warnte, „von denen jeder jeden kennt“
und die „die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents“ leiten. Sie
begründeten nicht nur Konzerne, die heute noch auf den Weltmärkten
bestehen, sondern auch den Mythos der „Deutschland AG“.
Konstantin Richter, Autor und Journalist, nimmt Rathenaus Beschreibung auf
und schreibt sie weiter zu einer Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Diese
beginnt im aufsteigenden Dampf: Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs
entfaltet auch hier die industrielle Revolution ihre Dynamik. Angetrieben
wird sie nicht nur durch Dampfmaschinen, sondern auch vom technischen
Innovationsgeist kluger Köpfe: Es sind Jahre, in denen in schwäbischer
Idylle Menschen wie Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach Motoren erfinden
oder in lärmerfülten Städten wie Remscheid die Brüder Mannesmann ein
Verfahren für nahtlose Stahlrohre entwickeln: Jahre, in denen sich
Deutschland den Ruf des „Erfinderlands“ erarbeitet.
Aus kleinen Erfinderklitschen, heute würde man sagen: Start-ups,
entwickelten sich in der Folge Konzerne. Es entstanden Firmen wie Daimler,
Krupp oder die Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske in Berlin. Eine
zentrale Rolle nahm Konstantin Richter zufolge die Deutsche Bank ein. Die
gemeinsame Schöpfung von Georg Siemens und Hermann Wallich überstand den
Gründerkrach besser als andere Banken und wurde am Ende des 19.
Jahrhunderts zu einem Fixpunkt der deutschen Wirtschaft. Sie erwarb Anteile
an großen Industrieunternehmen, entsandte Vertreter in die Aufsichtsräte,
organisierte Börsengänge: die Bank als zentrale Organisiermaschine.
Richters deutsche Wirtschaftssaga erzählt sich im Folgenden als eine
Geschichte des Zusammenrückens: Die Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs
brachte eine bislang ungekannte Verzahnung zwischen Staat und Wirtschaft
hervor. Nachdem der Traum der deutschen Hegemonie in den Schützengräben zu
Ende ging, arrangierte man sich sogar mit der Demokratie der [1][Weimarer
Republik] – bis man erneut ideologische Flexibilität den neuen
nationalsozialistischen Herrschern gegenüber bewies und schließlich Teil
des Vernichtungsregimes wurde. Der Autor nimmt sich Zeit, die
[2][verschiedenen Verstricktheiten] differenziert zu erzählen.
Die Wirtschaftswunder-Bundesrepublik brachte die Vorstellung der
„Deutschland AG“ hervor, das herrschende Prinzip dahinter war aber eines,
das seit dem Kaiserreich wirkte: Die großen Unternehmen waren untereinander
beteiligt, sie bildeten Kartelle und strebten nach einer Monopolstellung.
Entstand auch nur der Eindruck von Konkurrenz, einigte man sich und
absorbierte kleinere Unternehmen. „Organisierter Kapitalismus“ nennt
Richter das in Anlehnung an den sozialdemokratischen Theoretiker Rudolf
Hilferding. Das Ende dieses Prinzips kam schleichend, vom Abstieg der
Montanindustrie über die Abkehr von der internationalen Währungsordnung des
Bretton-Woods-Systems bis zur Internationalisierung des Finanzmarkts. Den
Todesstoß macht Richter ausgerechnet bei Schröders rot-grüner Regierung
aus: Die verkündete 1999 eine Steuerreform, in der der Verkauf von
Unternehmensbeteiligungen steuerfrei wurde. Der Geist war aus der Flasche,
deutsche Unternehmen lösten die jahrzehntealten Verbindungen untereinander.
Was mit Daimler, Siemens, Maybach und den Brüdern Mannesmann anfing, endet
nun also mit Hans Eichel? Es ist das ernüchternde Ende eines Mythos. Der
Autor weiß mit „Dreihundert Männer“ eine gute Geschichte zu erzählen, sie
ist voller großer und kleiner Anekdoten, ist kulturhistorisch angereichert
und entwickelt einen Sog, der einen durch 150 Jahre deutscher
Wirtschaftsgeschichte zieht. Das Problem mit Richters Buch ist jedoch, dass
er nicht deutlich genug markiert, dass wir hier einen halbmythischen Raum
betreten, in dem die deutsche Geschichte tatsächlich dem Gestaltungswillen
von einigen wenigen Männern folgt. Richter betreibt somit eine
[3][Florian-Illisierung] der Geschichtsschreibung: Storytelling schlägt
Komplexität. Aber Frank Miller hat seine Graphic Novel ja auch nicht „300,
plus einige Tausende griechische Hilfstruppen“ genannt.
28 Jan 2026
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## AUTOREN
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