# taz.de -- Band von Theodor Lessing: Wie die Fliegen
> Ein Band mit Artikeln des jüdischen Publizisten Lessing gibt Einblick in
> die deutsche Gesellschaft. Er beleuchtet das Ende der Zwanzigerjahre.
(IMG) Bild: Jude und Pazifist: Theodor Lessing wurde 1933 ermordet
Mit dem berühmten Aufklärer Lessing hat Theodor Lessing nur insofern zu
tun, als er wie sein Namensvetter der Aufklärung verpflichtet ist. Dass der
Autor nicht völlig der Vergessenheit anheim gefallen ist, hat er zwei
Verlegern, dem des Wallstein Verlags, Thedel von Wallmoden, und Helmut
Donat vom kleinen Donat Verlag in Bremen zu verdanken. In diesem Verlag
sind zwei Bände mit den wichtigsten politischen Essays gegen Nationalismus,
Antisemitismus und Krieg sowie autobiografische Schriften Lessings
erschienen.
Lessing floh, kurz nachdem die Macht am 30. Januar 1933 an Hitler und die
NSDAP übergeben worden war, [1][in die Tschechoslowakei], wo er im August
1933 von zwei deutschen Mördern erschossen wurde, denn er war nicht nur
Jude, sondern auch Pazifist, der sich mit seiner Kritik an Reichspräsident
von Hindenburg bei Rechtsradikalen und Völkischen verhasst gemacht hatte.
Er verlor durch deren Dauerhetze sein Amt als außerordentlicher Professor
für Philosophie in Hannover. Wegen seiner bösen, aber zutreffenden Prognose
vor der Wahl Hindenburgs, „auf Zero folgt immer ein Nero“, machte er sich
bei der deutschen Rechten viele Feinde.
Den vorliegenden Band mit Schriften Lessings aus dem Jahr 1924 verdanken
wir den aufopferungsvollen Mühen des Herausgebers Rainer Marwedel, der sich
seit langer Zeit zusammen mit seiner Lebensgefährtin um die Pflege der
Erinnerung an Theodor Lessing kümmert und ihm 1990 eine Biografie widmete,
die mit dem Ossietzky-Preis ausgezeichnet wurde. Willi Winkler
charakterisierte Marwedels Lebenswerk in einem Porträt in der Süddeutschen
Zeitung 2022 als das eines „Besessenen, der sich niemals als solchen
bezeichnen würde, aber es natürlich ist“, denn für diese Arbeit riskierten
er und seine Lebensgefährtin, die Hannoveraner Bibliothekarin Renate
Bruhns, buchstäblich alles bis auf das Elternhaus als Altersrücklage.
Der vorliegende Band umfasst 60 vom Herausgeber kommentierte Artikel, die
alle im deutschsprachigen Prager Tagblatt erschienen sind. Allein diese von
stupender Kenntnis des Werks des Journalisten Lessing getragenen Kommentare
sind eine editorische Meisterleistung, die größten Respekt verdient.
## Spatzen und Serienmörder
Lessing schrieb über so ziemlich alles, was sich nach dem Verlust des Amtes
in Hannover journalistisch unterbringen ließ. Dazu gehörten kenntnisreiche
Beobachtungen von Tieren. Dabei gewann er unter anderem Einsichten in die
Unterschiedlichkeit von tierischem und menschlichem Zusammenleben, wobei er
sich gelegentlich auf gewagte Analogien, um nicht zu sagen Spekulationen
einlässt. So schließt er von der lebenslangen Existenz von Spatzen in ihrem
Nest auf das Leben von Arbeitern in öden Mietskasernen oder vom Flug der
Schwalben auf die Ingenieurskunst des Flugpioniers Otto Lilienthal.
Nicht zuletzt war wohl die These, „Die Natur tötet, um immer neues Leben zu
schaffen“, ein plausibler Grund für den Titel der Aufsatzsammlung: „Natur
und Ethik“. Zu diesem Titel passt, dass sich viele der Artikel Lessings mit
dem [2][Serienmörder Fritz Haarmann] beschäftigten. Dieser tötete seine
Opfer raubtiermäßig mit einem Biss in die Kehle und meinte dazu in seinem
Prozess eiskalt: „Glauben Sie mir, es macht wirklich keinen Spaß, Menschen
umzubringen.“
Genauso nüchtern behandelte Lessing in seinen Artikeln gewöhnliche
psychologische Probleme, Moden, Erziehungs- und Bildungsfragen, Literatur
und Alltagsprobleme. Einen prominenten Platz nehmen im vorliegenden Band
die Artikel zum damals großes Aufsehen erregenden Prozess gegen Haarmann
und seinen Komplizen Hans Grans ein, in den auch die Polizei verwickelt
war. Was Lessing sarkastisch glossierte und landesweit bekannt machte,
nicht zuletzt wegen seiner Darstellung der von Doppelmoral geprägten
gutbürgerlichen Experten- und Sachverständigengutachten mit dem Tenor:
„hochgradiger Schwachsinn“, „pathologisch“, aber nicht
„unzurechnungsfähig“.
## Spinne als Urbild des Schöpferischen
Lessing sparte nicht mit pikanten Details wie dem Verkauf von Fleisch der
ermordeten homosexuellen Jugendlichen durch Haarmann, dem nächtlichen Lärm
aus seinem Zimmer beim Zerhacken der Opferknochen zur Herstellung von Sülze
sowie der Bezeichnung des Polizeispitzels, der Haarmann auch war, als „Herr
Kriminal“ durch die Nachbarn. In seinem Kommentar weist Marwedel auf
Parallelen hin zu den Romanen des Marquis de Sade, „Justine“ und „Der
bleiche Tyrann“.
Einer strukturell ähnlichen Argumentation wie beim Vergleich von Schwalben
und Spatzen bedient sich Lessing im Artikel über Spinnen und Fliegen, wobei
er die Spinne als Urbild alles Schöpferischen bezeichnet: Wie der Künstler
hat die Spinne nur ihr Werk, also das kunstvolle Netz, vorzuweisen und
bleibt sonst stumm. Die Fliege gilt ihm dagegen als unschöpferisch,
parasitär sowie als „Fabrikware der Natur, überall in Masse schmarotzend
und nur in Masse sich wohlfühlend“.
Der Artikel schließt mit der Spekulation: „Die Natur hat uns in dem
Gegenspiel von Spinne und Fliege eine Beziehung vor Augen gebracht, wie wir
sie wohl auch als Menschen kennen in dem Kriege, jener, die an Schicksal
und Werk gebunden, sich gegen das Leben panzern müssen, mit den viel
zahlreicheren, die lustig dahinleben, schicksalslos, werklos wie die
Fliegen.“
30 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Walther
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