# taz.de -- Rüstungsforschung an Hochschulen: Zeitenwende an der TU Dresden
       
       > An der Technischen Universität sorgt ein geheimer Drittmittelauftrag für
       > öffentliche Diskussion. Eine israelische Waffenfirma lässt Drohnen
       > untersuchen.
       
 (IMG) Bild: Eine Drohne des Typs Hermes 900 startet zu einem Testflug
       
       In ihrer Grundordnung verschreibt sich die Technische Universität Dresden
       einem hohen Anspruch. Sie sei in allen Handlungsfeldern „zu hohen ethischen
       Standards“ und „zur Gestaltung einer friedlichen Welt“ verpflichtet. Aber
       ein aktueller Forschungsauftrag wirft die Frage auf: Was heißt das?
       
       Für das [1][israelische Rüstungsunternehmen Elbit Systems] hat ein
       Professor der verkehrswissenschaftlichen Fakultät in Dresden einen
       Drohnenmotor untersucht. Der Motor an sich ist keine Waffe, könnte aber im
       militärischen Kontext eingesetzt werden. Ein [2][sogenanntes
       Dual-Use-Projekt]. Eigentlich sollte es geheim bleiben. Das hat aber nicht
       geklappt.
       
       Mittlerweile ist ein ordentlicher Streit über die Drohnenforschung
       entstanden. Das Rektorat der TU Dresden erstattete Anzeige wegen
       Geheimnisverrats und plant, die universitäre Ethikkommission neu zu
       besetzen, die Bedenken wegen des Projekts geäußert hatte. Der
       Studierendenrat (Stura) fordert dagegen, die Anzeige fallenzulassen. Das
       Rektorat solle zum Drohnenprojekt öffentlich Stellung nehmen und alle
       laufenden Forschungsaufträge mit militärischem oder Dual-Use-Bezug zu
       veröffentlichen.
       
       Der Fall klingt zwar nach einem lokalen Hochschulkonflikt, aber er zeigt
       sehr eindrücklich, dass sich etwas in Deutschland verändert: Russlands
       Krieg in der Ukraine, steigende internationale Spannungen. Schon 2023
       sprach sich Friedrich Merz (CDU) als Oppositionsführer gegen die
       Zivilklausel aus, mit der viele Universitäten in Deutschland militärische
       Forschung ablehnen. Im Koalitionsvertrag seiner Regierung steht, sie wolle
       eine „Förderkulisse für Sicherheits- und Verteidigungsforschung“ schaffen.
       
       Die „Zeitenwende“ ist auch an Hochschulen sichtbar. Militärische Forschung
       an Universitäten wird schrittweise zur Normalität – und kritische
       [3][Stimmen geraten unter Druck].
       
       ## Durchgesickerte Dokumente
       
       Gegen das Forschungsprojekt an der TU Dresden hatte sich eine deutliche
       Mehrheit der Kommission Verantwortung in der Wissenschaft (KVW) geäußert.
       Doch das Rektorat der Hochschule genehmigte die Drohnenforschung trotzdem.
       Warum? Dazu äußert sich Rektorin Ursula Staudinger nicht.
       
       Franziska Kossatz, Geschäftsführerin für Hochschulpolitik des Sturas, sagt,
       sie sei überrascht gewesen, dass das Rektorat gegen den Beratungsbeschluss
       der KVW entschieden habe. „Wünschenswert wäre, dass die Stimme der
       Kommission nicht nur beratend wahrgenommen, sondern ernst genommen wird.“
       Auch ihr sei nicht klar, weshalb das KVW-Votum übergangen wurde. Kossatz
       fordert mehr Transparenz.
       
       Der Stura erfuhr erst durch durchgesickerte Dokumente von dem Fall. Diese
       Unterlagen liegen auch der taz vor. Zwar erklären sie nicht die Position
       des Rektorats, aber wie es zum Forschungsprojekt kam, lässt sich sehr genau
       nachvollziehen.
       
       Der Rüstungskonzern Elbit hat demnach vor etwas mehr als einem Jahr
       angefragt, ob die TU Dresden einen Motor des Typs Rotax 914 untersuchen
       könnte. Mit so einem treibt Elbit seine Drohne Hermes 900 an. Es ist die
       größte Drohne, die das Unternehmen im Angebot hat.
       
       Elbit ist das umsatzstärkste private Waffenunternehmen in Israel und der
       Konzern hat mit unbemannten Flugsystemen weltweit Erfolg. Die Drohne Hermes
       900 verkaufte Elbit laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri an mindestens
       12 Staaten. Das israelische Militär setzte die Drohne in Gaza und Iran ein.
       
       Der Einsatz sei sowohl militärisch als auch zivil möglich, wirbt der
       Konzern. Die Drohne liefere Bildaufnahmen aus einer Höhe von bis zu 9
       Kilometern. Das helfe bei Waldbrandbekämpfung oder Seenotrettung. Die
       Hermes 900 sei zudem in der Lage, Angriffe durchzuführen und Ziele
       auszuschalten, heißt es von Elbit. Wie genau, eine Anfrage dazu ließ das
       Rüstungsunternehmen unbeantwortet.
       
       ## Elbit an der TU Dresden
       
       An der TU Dresden sollte ein Professor der verkehrswissenschaftlichen
       Fakultät untersuchen, wie sich der fossile Verbrennermotor Rotax 914 unter
       verschiedenen Umweltbedingungen verhält. So steht es in Dokumenten der TU,
       die die taz einsehen konnte. Eine Höhenkammer an der TU kann den Druck und
       die Kälte in mehreren Kilometern Höhe simulieren. Die Forscher:innen
       beobachten dann live, wie der Motor unter der Belastung läuft, ob er
       vereist oder ausgeht. Für das Experiment vereinbarte Elbit, knapp 30.000
       Euro an Drittmitteln zu zahlen. In der wissenschaftlichen Forschung
       vergleichsweise wenig Geld. Laut dem sächsischen Ministerium für
       Wissenschaft bekam die TU Dresden im vergangenen Jahr mehr als 370
       Millionen Euro an Drittmitteln.
       
       Doch gewinnen Rüstungsunternehmen durch Drittmittel Einfluss auf
       Hochschulen? Mehr als 70 Hochschulen in Deutschland schließen Kooperationen
       mit militärischem Bezug aus, um so etwas zu verhindern. Mit sogenannten
       Zivilklauseln verpflichten sie sich zu friedlicher Forschung.
       
       Die Grundordnung der TU Dresden enthält keine solche Klausel. Allerdings
       gibt es auch dort ein Prüfverfahren, das einen verantwortlichen Umgang mit
       Forschungsprojekten sichern soll, deren Ergebnisse zu militärischen Zwecken
       eingesetzt werden könnten. Als Teil davon befasst sich die Ethikkommission
       KVW mit entsprechenden Anträgen und wägt Risiken ab.
       
       Im Fall des beauftragten Drohnenprojekts erörterten die 16 Mitglieder der
       KVW das „weltpolitische Umfeld“, in dem der Motor zum Einsatz komme, etwa
       der Krieg in Gaza, nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober
       2023. Deutschland dürfe nicht zur Aufrechterhaltung eines solchen Konflikts
       beitragen, heißt es in einem Protokoll, dass der taz vorliegt.
       
       Die KVW kann Projekte nicht stoppen, sondern lediglich Bedenken äußern.
       Beim Drohnenprojekt stimmten fast alle Mitglieder dafür, das zu tun. Doch
       das Rektorat genehmigte es trotzdem, und damit ging der Ärger an der TU
       Dresden los.
       
       Ein Sprecher der Hochschule erklärt auf Anfrage, wegen der Vertraulichkeit
       des konkreten Verfahrens werde sich das Rektorat nicht zu Details äußern.
       Unabhängig davon gelte: Das Rektorat messe der Forschungsfreiheit aus dem
       Grundgesetz „eine sehr hohe Bedeutung“ bei. „Als öffentlich finanzierte
       Hochschule sind wir verpflichtet, uns für die Werte unserer Verfassung
       einzusetzen.“
       
       ## Ein Video gegen Drohnenforschung
       
       Dass das Rektorat gegen die Empfehlung der KVW entschied, führte in der
       Ethikkommission zu Diskussionen. Im Protokoll der folgenden Sitzung ist von
       Unverständnis und Distanz die Rede. Die KVW-Mitglieder hätten über
       Konsequenzen gesprochen. Wer welche Position bezogen hat, steht in keinem
       der Protokolle.
       
       Kurz danach wird das Forschungsprojekt öffentlich. Der SDS, eine
       Hochschulgruppe der TU Dresden, die der Linkspartei nahesteht, lädt auf
       Social Media Ende März ein kurzes Video hoch: Justin Tredup,
       Lehramtsstudent, steht darin vor dem Gebäude der verkehrswissenschaftlichen
       Fakultät und kritisiert das Drohnenmotorprojekt. Er befürchte, dass nun
       noch weitere militärische Forschung anstehen würden.
       
       Kurz danach protestieren SDS-Mitglieder beim Senat der Uni gegen das
       Forschungsprojekt. „Krieg darf sich nicht lohnen“, skandierten sie während
       der Sitzung und verteilten Flyer mit Infos zum Projekt.
       
       Das Rektorat erstattet nach eigenen Angaben in der Zeit Anzeige gegen
       unbekannt bei der Polizei, weil „vertrauliche Unterlagen unbefugt an Dritte
       weitergegeben“ wurden. Die KVW erfuhr in der Sitzung Mitte April, dass das
       Rektorat eine neue Zusammensetzung der Kommission plant.
       
       Eine Reaktion auf den öffentlichen Protest? Nein, heißt es vom Rektorat.
       Das Vertrauen sei zerstört. Es vermutet offenbar, dass ein Mitglied die
       Dokumente weitergegeben hat. Neue Mitglieder sollen neues Vertrauen
       schaffen, „um ethische und rechtliche Fragestellungen frei erörtern“ zu
       können. Kommissionsmitglieder, die von der taz zu dem Thema angefragt
       wurden, wollten sich nicht äußern.
       
       Der [4][RCDS allerdings, die CDU-nahe Hochschulgruppe], lobt derweil online
       die „Neuausrichtung“ der TU Dresden „im Bereich der Sicherheits- und
       Verteidigungsforschung“. Das bedeute mehr Geld für die Uni und dass
       [5][diese zur „Verteidigungsfähigkeit Europas“] einen Beitrag leiste.
       
       Der Sprecher der TU Dresden widerspricht dieser Darstellung. Von einer
       „Neuausrichtung“ könne keine Rede sein. Die Hochschule diskutiere wie viele
       andere, wie sie sich zu „sicherheitsrelevanter Forschung“ positioniere.
       
       Vergangenes Jahr hatte der Wissenschaftsrat, das wichtigste
       Beratungsgremium von Wissenschaft und Politik in Deutschland, in einer
       Stellungnahme betont: Akteure im wissenschaftlichen System sollten bereit
       sein, „zur Sicherheit und Resilienz des Gemeinwesens beizutragen“. Vor
       einem Monat erklärte dann die Hochschulrektorenkonferenz in Weimar, um das
       Potenzial für „sicherheitsrelevante Forschung“ zu heben, bestehe
       Handlungsbedarf. Es brauche Förderprogramme, Vernetzung und mehr Sicherheit
       an den Hochschulen. Allerdings: Jede Hochschule entscheide selbst über den
       Beitrag, den sie zum Aufbau und Erhalt von Frieden und Sicherheit leisten
       wolle.
       
       Genau darüber möchte auch der Stura an der TU Dresden noch sprechen. Das
       Rektorat solle sich öffentlich mit Vertreter:innen der Studierenden
       darüber austauschen, wie Forschung an der TU Dresden ihrem Anspruch aus
       ihrer Grundordnung gerecht werden könne: hohe ethische Standards und
       Gestaltung einer friedlichen Welt. „Im vergangenen Winter gab es [6][ein
       Universitätsforum für Verteidigungsforschung]. So was in der Art wünschen
       wir uns wieder“, erzählt Franziska Kossatz.
       
       Die Debatte an der TU Dresden nimmt weiter an Fahrt auf. Währenddessen ist
       das Forschungsprojekt zum Drohnenmotor nach Informationen dieser Zeitung
       übrigens abgeschlossen. Ergebnis: geheim.
       
       3 Jun 2026
       
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