# taz.de -- Ukrainische Band über Identität: „Musik war im Underground“
> Die Kyjiwer Band DakhaBrakha verbindet experimentellen Pop mit Folk. Ein
> Gespräch über Musiktraditionen, Konzerte und das Geben und Nehmen.
(IMG) Bild: DakhaBrakha sind Nina Garenetska, Iryna Kovalenko, Olena Tsybulska und Marko Halanevych
Dieser Text erschien am 2. Mai 2026 in der Verlagsbeilage taz thema global
pop.
Die im Jahr 2004 am Kyjiwer Dakh-Theater ins Leben gerufene vierköpfige
Band DakhaBrakha macht laut eigenen Angaben „EthnoChaos“, greift
Volkslieder auf und aktualisiert sie. Ein Gespräch nach dem Berliner
Konzert am 18. April mit dem Bandmitglied Marko Halanevych (Gesang,
Darbuka, Akkordeon, Gitarre). Neben ihm spielen bei DakhaBrakha noch Nina
Garenetska, Iryna Kovalenko und Olena Tsybulska.
taz: Marko Halanevych, der Bandname „DakhaBrakha“ leitet sich von den
ukrainischen Verben „geben“ und „nehmen“ ab. Wie lief das Geben und Nehmen
bei Ihrem Konzert in Berlin?
Marko Halanevych: Das war ein echter DakhaBrakha-Prozess – wir geben und
erhalten im Gegenzug etwas von einer großen Anzahl von wunderbaren
Menschen. Wir hatten sofort das Gefühl, dass sie gut auf das Konzert
eingestimmt waren. Und wir waren einfach glücklich. Die Kommunikation
zwischen uns und dem Publikum hätte nicht besser sein können.
taz: Wie hoch war der Anteil von Menschen aus der Ukraine?
Halanevych: Ich schätze, etwa die Hälfte des Publikums war Ukrainisch.
Normalerweise sage ich zu Beginn einen Satz, den man in der Ukraine kennt:
„Dobroho vechora, my z Ukrainy“, „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine.“
Die Hälfte des Saals hat reagiert.
taz: Dieser Satz hat ja tatsächlich Kultstatus erlangt, nachdem er im Track
„Good Evening (Where Are You From)?“ des Elektronikduos ProBass and Hardi
von 2021 auftauchte. Tausende Nutzer auf TikTok griffen ihn auf, der Satz
wurde auf ukrainische Briefmarken gedruckt, von Politikern und
Militärangehörigen aufgegriffen. Wie kam es dazu?
Halanevych: Ich habe diesen Satz einmal bei einem Konzert in Amerika
gesagt. Das ist über zehn Jahre her. Als die beiden DJs dann einen Track
mit meinem Satz machten, verbreitete er sich wie ein Virus und wurde in der
Ukraine ziemlich populär. Am Anfang des Krieges hat er die Stimmung
gehoben, Antrieb gegeben.
taz: Mit Ihrer Musik blicken Sie zurück auf musikalische Traditionen der
Ukraine und aktualisieren sie. Wie ist das Verhältnis von Erbe und
Innovation?
Halanevych: Nun, in jedem Stück ist diese Balance unterschiedlich. Manchmal
verändern wir den Originalsong nur wenig, manchmal verändern wir ihn bis
zur Unkenntlichkeit – im Rhythmus, im Tempo und in der Melodie. Die Basis
bildet die ukrainische ethnische Musiktradition, doch unser Fokus liegt auf
dem Experiment, auf der Neuinterpretation.
taz: Sie nutzen etwa polyphonen Gesang. Wie unterscheiden sich denn die
verschiedenen Regionen der Ukraine musikalisch voneinander?
Halanevych: Jede Region dieses großen Landes hat ihre Besonderheiten. In
den Karpaten gibt es fast keinen polyphonen Gesang. Er ist eher rhythmisch,
und es geht um meditative Geschichten. Man sitzt da, hört zu und taucht in
eine bestimmte Atmosphäre ein. In Polesien oder auch in der Region
Dnipropetrowsk sind es laute, mehrstimmige Gesänge. Es gibt Lieder, die in
der Region Luhansk aufgenommen wurden und die wir verwenden, es gibt Lieder
aus Donezk und Cherson. Wir sind ziemlich divers für ein einziges Land.
taz: Wie sieht in Kriegszeiten für Sie die Beziehung zwischen Musik und
Politik aus?
Halanevych: Wir machen uns jeden Tag Sorgen darüber, wie es unseren
Angehörigen gerade in diesem Moment in der Ukraine geht. Und wir tun alles
in unserer Macht Stehende als Musiker, um diesen Krieg zu beenden und dafür
zu sorgen, dass sich solche Kriege nie wiederholen. Und es ist wichtig,
dass die Menschen, die diese Kriege begonnen haben, bestraft werden. Wir
sprechen darüber, wollen unmissverständliche Botschaften vermitteln.
Wenn wir in Europa sind, danken wir in jeder Stadt allen Europäern, die auf
der Seite des Guten stehen, die uns helfen, den Flüchtlingen aus der
Ukraine helfen, unseren Soldaten helfen – und dabei helfen, unsere
Demokratie weiterzuentwickeln. Ein normales Leben in einem freien Europa –
das ist für uns ein Traum, das ist unser Ziel, und wir glauben daran. Wir
sammeln Geld, damit wir der russischen Aggression widerstehen und überleben
können – auch bei unseren Konzerten in Europa. Der Bedarf ist sehr groß:
Von Startlinks über Generatoren bis hin zu medizinischer Ausrüstung.
taz: In der Ukraine erlebt die Kultur gerade eine echte Blüte, Menschen
interessieren sich in diesem Moment der existenziellen Bedrohung vermehrt
für ihre Identität. Wie spiegelt sich das in der Musik wider?
Halanevych: Bis zum Jahr 2014 befand sich die ukrainische Musik im
Underground. Russische Musik gab es hingegen überall: im Mainstream, im
Fernsehen, im Radio. Und obwohl es eigentlich falsch ist, etwas zu
verbieten, wurden Verbote für russische Musik eingeführt. Das gab der
ukrainischen Musik einen Schub. Doch da waren nicht nur die Verbote.
Vielmehr spürten die Menschen während der Revolution der Würde, dass wir
etwas wert sind, dass auch wir für die Welt interessant sein können.
taz: Auf Ihrem jüngsten Album, „Ptakh“ („Vogel“), ist ein Song, den Sie mit
dem ukrainischen Schriftsteller und Soldaten Serhij Zhadan aufgenommen
haben. „Ein Vogel fliegt über das schwarze Wasser / Ein Vogel kreist über
unserem Unglück / Über unserer Freiheit …“, heißt es da. Was ist die
Geschichte dazu?
Halanevych: Wir haben das Lied vor sechs oder sieben Jahren geschrieben.
Während der Coronapandemie wurde bei uns in der Ukraine ein Projekt namens
„Kovcheh Ukraina“, „Arche Ukraine“ organisiert. Sehr unterschiedliche
Künstler, von Ethnomusikern wie uns bis hin zu Barockmusikern, versammelten
sich und gaben ein gemeinsames Konzert. Dafür schufen wir zusammen mit
Zhadan eine Komposition, es sollte eine Art neue Hymne sein: „Ptakh“. Der
Text stammt von ihm.
„Ptakh“ ist seitdem für viele Ukrainer zu einem Symbol geworden, das uns
damals wie heute Inspiration und Glauben an die Zukunft schenkt. Ein Vogel,
wie jener biblische Vogel, der einen Ölzweig im Schnabel trägt und die
Hoffnung vermittelt, dass Leben möglich ist. Die Hoffnung, dass wir, die
Ukrainer, in unserem Land leben können – frei, demokratisch, glücklich. Wir
arbeiten darauf hin.
16 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Yelizaveta Landenberger
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