# taz.de -- Verdienstorden des EU-Parlaments: Merkel gibt sich diplomatisch
       
       > In Brüssel wurde die Altkanzlerin mit einer neuen Auszeichnung geehrt –
       > neben Selenskyj und U2. Sie nutzte ihre Ansprache vor Ort für einen
       > Appell.
       
 (IMG) Bild: „Europa setzt diplomatisches Potenzial nicht genügend ein“
       
       Stehende Ovationen, aber auch ernste Mahnungen: [1][Altkanzlerin Angela
       Merkel] hat eine Auszeichnung im Europarlament in Straßburg für eine
       kritische Bilanz der EU-Politik genutzt. Die EU müsse mehr für Frieden,
       Wohlstand und Demokratie tun, sagte die CDU-Politikerin. Auch andere
       Politiker, wie [2][der frühere EU-Außenbeauftragte Xavier Solana],
       forderten mehr Friedensbemühungen und eine Rückbesinnung auf die
       Diplomatie.
       
       Die Kriege in der Ukraine und in Iran stellten Europa auf die Probe, sagte
       Solana. Er habe sich nie vorstellen können, dass er einen so schwierigen
       Moment in den internationalen Beziehungen erleben würde, so der Spanier.
       Während seiner Amtszeit in Brüssel habe die EU mit am Verhandlungstisch
       gesessen, als es um Iran und den Nahen Osten ging. „Wir müssen diese Rolle
       wiedererlangen und Mitgestalter von Frieden sein.“
       
       Ähnlich äußerte sich Merkel. Bei der ersten Verleihung des neuen
       Europäischen Verdienstordens erinnerte die Altkanzlerin an das gebrochene
       Friedensversprechen der EU. [3][Der „barbarische Angriff“ Russlands auf die
       Ukraine] habe gezeigt, dass Frieden in Europa nicht mehr selbstverständlich
       sei. Auch die neue Sicherheitsdoktrin der USA, die sich gegen die EU
       richtet, zeige, dass man sich nicht ausruhen dürfe.
       
       ## Eine Auszeichnung mit Geschmäckle
       
       Bereits am Montag hatte Merkel einen stärkeren Einsatz für Frieden sowie
       mehr Diplomatie angemahnt. „Europa setzt diplomatisches Potenzial nicht
       genügend ein“, erklärte sie beim WDR-Europaforum auf der [4][re:publica
       in Berlin]. „Diplomatie war immer die zweite Seite der Medaille, auch im
       Kalten Krieg“, so Merkel in Berlin. „Militärische Abschreckung plus
       diplomatische Aktivitäten – das finde ich wichtig.“
       
       Bei der Ordensverleihung in Straßburg mahnte die Altkanzlerin zudem mehr
       Einsatz für Wohlstand und Demokratie an. Das Wohlstandsversprechen stehe
       „genauso unter Druck“ wie der Frieden in Europa. Außerdem sprach sie sich
       für eine stärkere Regulierung der sozialen Medien und der KI aus. Merkel
       sagte, die Grundlage der Demokratie werde untergraben, wenn man für Lügen
       nicht zur Rechenschaft gezogen werde.
       
       Ihren Orden erhielt die Altkanzlerin aus den Händen von
       [5][EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen]. Das hat ein
       Geschmäckle. Schließlich haben beide bis 2019 in der Bundesregierung
       zusammengearbeitet – und es war Merkel, die von der Leyen danach nach
       Brüssel schickte. Lob kam auch vom seinerzeit unterlegenen EVP-Politiker
       Manfred Weber. „Sie ist eine der großen Europäerinnen“, würdigte der
       CSU-Politiker das Werk Merkels.
       
       ## Wolodymyr Selenskyj als Co-Preisträger
       
       Der Europäische Verdienstorden war im vergangenen Jahr auf Initiative des
       Europaparlaments geschaffen worden. Er wurde nun zum 75. Jahrestag der
       Schuman-Erklärung verleihen, die als einer der Gründungsakten der heutigen
       EU gilt. Merkel sowie [6][der frühere polnische Arbeiterführer Lech Wałęsa]
       und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erhielten die höchste
       Auszeichnung. Selenskyj war allerdings nicht nach Straßburg gereist.
       
       Daneben zeichnete das Parlament 17 weitere Politiker und andere europäische
       Persönlichkeiten mit einer zweiten und dritten Stufe aus. Zu den
       Ordensträgern zählt neben Solana auch [7][die irische Rockband U2] und der
       Basketballer Giannis Antetokounmpo. Man würdige „die bemerkenswerten Frauen
       und Männer, die so viel gegeben haben, um diese Union aufzubauen“, sagte
       Parlamentspräsidentin Roberta Metsola in Straßburg.
       
       Die konservative Malteserin war 2022 auf Vorschlag von EVP-Chef Weber in
       ihr Amt gekommen; sie strebt eine Verlängerung ihrer Amtszeit an.
       Allerdings erheben auch die Sozialdemokraten Anspruch auf die Leitung des
       Parlaments, die alle zweieinhalb Jahre wechselt. Über die Vergabe
       entscheiden nicht die Wähler, sondern die Fraktionen. Mit der
       Ordensverleihung hat Metsola nicht nur für die EU geworben, sondern auch
       für sich selbst.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Freiheit-von-Angela-Merkel/!6048344
 (DIR) [2] /Minister-fuer-Laecheln/!1286128/
 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [4] /Medienmesse-republica-in-Berlin/!6012821
 (DIR) [5] /Neues-Misstrauensvotum-im-Europaparlament/!6118023
 (DIR) [6] /Lech-Wasa-wird-80/!5963175
 (DIR) [7] /U2-Werbeaktion-von-Apple/!5033129
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Bonse
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Angela Merkel
 (DIR) EU-Parlament
 (DIR) Ursula von der Leyen
 (DIR) Europäische Union
 (DIR) Auszeichnung
 (DIR) Ukraine
 (DIR) Wolodymyr Selenskyj
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Fukushima
 (DIR) Schwerpunkt Angela Merkel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Resolution des EU-Parlaments: Ja, ja, ja
       
       Das „Nur Ja heißt Ja“-Prinzip als Vergewaltigungsdefinition EU-weit
       einzuführen, scheiterte in der Vergangenheit. Gut, dass nun ein neuer
       Versuch startet.
       
 (DIR) Fukushima, Tschornobyl und AKW-Risiko: Die einkalkulierte Katastrophe
       
       Einen Super-GAU wie in Fukushima hielt selbst Kanzlerin Merkel für
       unwahrscheinlich. Dabei war es exakt die Katastrophe, mit der Atompolitiker
       gerechnet hatten.
       
 (DIR) „Freiheit“ von Angela Merkel: Die Macht hatte ihren Preis
       
       In ihren Memoiren thematisiert die ehemalige Kanzlerin ihre ostdeutsche und
       weibliche Identität. Wer sich einen Blick hinter die Kulissen wünscht, wird
       jedoch enttäuscht.