# taz.de -- Konferenz zu Energiesicherheit: Reiche macht blau statt grün
       
       > Schwarz-Rot will von den bitteren Erfahrungen der Ukraine lernen – macht
       > jedoch das Gegenteil. Und das volle Ausmaß der Irankrise steht noch an.
       
 (IMG) Bild: Mit Energie eindecken: Installation einer Solaranlage auf einem deutschen Baumarkt
       
       [1][Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)] musste
       gesundheitsbedingt auf der Konferenz „Energiesicherheit – Lehren aus der
       Ukraine“ passen. Sonst hätten ihr die Ohren geklingelt: „Kraftwerke dürfen
       nicht mehr so gebaut werden, dass sie allein auf Wirtschaftlichkeit
       getrimmt sind“, sagte der für Energie zuständige ukrainische Vizepremier
       Denis Schmyhal auf der Konferenz in Berlin. „Resilienz muss Teil des
       Aufbaus von Energieinfrastruktur werden“, fügte er hinzu, und dass eine
       dreifache Redundanz bei Kraftwerken hergestellt werden müsse.
       
       Nach dieser teuren Empfehlung, neben laufenden Kraftwerken schon Teile für
       ein zweites eingelagert und Ersatzteile für ein drittes bereits bestellt zu
       haben, kam von dem Mann aus Kyjiw noch ein weiterer dringender Rat:
       [2][Stromerzeugung müsse diversifiziert und vor allem lokaler werden],
       sagte Schmyhal: „Konsumentinnen und Konsumenten von Strom müssen auch
       gleichzeitig Produzentinnen und Produzenten werden“, riet er, ein Appell
       für mehr Solaranlagen auf allen Dächern. Eine nicht sehr willkommene
       Empfehlung für eine Bundesregierung, deren [3][CDU-Wirtschaftsministerin
       die Förderung für kleine Solaranlagen streichen will].
       
       Nicht weniger disruptiv waren die Worte der ukrainischen Energieexpertin
       Olena Pawlenko von der Kyjiwer Consultingfirma Dixi Group: „Wir brauchen
       eine Standardisierung von Energieanlagen“ – also dass die deutsche Siemens
       Energy, der US-Konzern General Electric, die französische Alstom und andere
       nicht mehr unterschiedliche Technik entwickeln und produzieren. Gleiche
       Bauteile würden nach Angriffen auf Transformatoren, Umspannanlagen und
       Kraftwerke Reparaturen viel schneller möglich machen, so Pawlenko.
       
       Europäische Unternehmen sollten sich dabei von Fachleuten aus der Ukraine
       über deren Erfahrungen beraten lassen, sagte die Expertin. „Wir haben für
       diese Lehren einen sehr hohen Preis bezahlt“, unterstrich Pawlenko. Doch
       nun könne die Ukraine von einer Bittstellerin zur Partnerin auf Augenhöhe
       werden.
       
       ## Reparieren, reparieren, reparieren
       
       Vor allem aber müsse, ergänzte Maxim Timtschenko, Chef des größten privaten
       ukrainischen Stromkonzerns DTEK, eine große Anzahl hochkompetenter
       Wartungsteams ausgebildet werden: „Menschen, die bombardierte Anlagen sehr
       schnell wieder reparieren können. Und die müssen wir immer wieder
       motivieren“, sagte Timtschenko mit Verweis darauf, dass in vier Jahren
       Vollinvasion 80 bis 90 Prozent der Kraftwerke und Verteilernetze dreimal
       nacheinander zerstört worden seien.
       
       Seine Aussage, „Energiesicherheit in Europa gibt es nicht ohne die
       Ukraine“, bekräftigten auch der moldauische Außenminister Mihai Popsoi
       sowie Vertreter aus Polen und von der Nato.
       
       Deutschland werde „nie wieder zu russischem Gas zurückkehren“, verkündete
       Stefan Rouenhoff, Reiches Parlamentarischer Staatssekretär. „Wir haben 100
       Prozent russisches Pipelinegas ersetzt und eine
       Weltklasse-LNG-Infrastruktur aufgebaut“, sagte der CDU-Politiker. Während
       er Norwegen und die USA als Hauptlieferländer für Erdgas und verflüssigtes
       Erdgas (LNG) nannte, erwähnte er die großen Mengen russischen LNGs nicht,
       die Deutschland bezieht.
       
       [4][Wie die taz berichtete, haben europäische Länder seit Jahresbeginn mehr
       als 95 Prozent der Produktion von Yamal LNG aufgekauft, des russischen
       Zusammenschlusses von Flüssiggasfirmen im russischen Eismeer]. Nach Angaben
       der NGO Urgewald und der belgischen Umweltschutzorganisation Bond Beter
       Leefmilieu gelangt ein Großteil des über das LNG-Terminal Zeebrugge in
       Belgien und im französischen Dünkirchen importierten russischen
       Flüssiggases ins deutsche Gasnetz.
       
       Zudem hat die Bundesregierung nach der russischen Vollinvasion in der
       Ukraine am 24. Februar 2022 Gazprom Germania, den deutschen Ableger des
       Moskauer Staatskonzerns, in Treuhandverwaltung übernommen und in Sefe
       umgetauft. Sefe nimmt Yamal über Langfristverträge pro Jahr 2,9 Millionen
       Tonnen LNG ab.
       
       Polens Energiestaatssekretär Wojciech Wrochna streute ebenfalls Salz in die
       Wunde: Sein Land habe viel früher als „unsere befreundeten Nachbarstaaten“
       Energielieferungen diversifiziert. Er verwies auch auf die Folgen der
       aktuellen [5][Sperrung der Straße von Hormus durch Iran]. Die Lehre daraus
       sei: mehr saubere Energieträger, Nachhaltigkeit, Unabhängigkeit von
       Fossilen und mehr voneinander unabhängige Lieferländer.
       
       Auch für die Nato wird der Irankrieg zum Problem: Die Streitkräfte des
       Bündnisses bekämen 40 Prozent ihrer flüssigen Energieträger über die
       Meerenge, betonte der beigeordnete Nato-Generalsekretär Jean Charles
       Ellermann-Kingombe. Und die Nato benötige immer mehr davon: „Ein
       F-35-Kampfbomber braucht 60 Prozent mehr Kerosin als eine F-16“. Und in
       George W. Bushs Irakkrieg hätten die beteiligten westlichen Truppen so viel
       Treibstoff verbraucht wie ganz Polen – „und da ging es gerade einmal gegen
       die irakische Armee“. Wie viel Treibstoff eine Konfrontation mit Russland
       benötigen würde, sagte er nicht.
       
       19 May 2026
       
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