# taz.de -- Fanaktivistin vom SC Freiburg: „Wir wollen möglichst ehrlich in diesem System bleiben“
       
       > Der SC Freiburg steht im Europa League Finale. Das sei die Belohnung für
       > Kontinuität und strategische Planung, sagt die Fanaktivistin Helen Breit.
       
 (IMG) Bild: Liebeserklärung an das Freiburger Modell: Fan-Choreo vor dem Pokalfinale 2022 in Berlin
       
       taz: Frau Breit, wo schauen Sie denn das Finale? 
       
       Helen Breit: Ich bin in Istanbul im Stadion. Das wäre doch zu traurig, wenn
       ich nicht dabei wäre.
       
       taz: Die Nachfrage nach Tickets soll das Angebot stark überschreiten. 
       
       Breit: Generell ist das nicht verwunderlich. Aber in Freiburg ist es gerade
       schon surreal. Schon beim DFB-Pokalfinale 2022 war gefühlt ganz Freiburg in
       Berlin. Und irgendwie bricht diese Euphorie nicht ab. Das ist ja nicht
       günstig, nach Istanbul zu reisen.
       
       taz: Das Besondere ist, dass Freiburg als eingetragener Verein dieses
       Finale erreicht hat. Ein vermeintliches Auslaufmodell im kapitalistischen
       Fußballsystem. Ist das jetzt ein statistischer Ausreißer oder eine real
       gewordene Vision? 
       
       Breit: Zweiteres, würde ich sagen. So langsam würden auch die Argumente
       fehlen, um zu sagen, dass das jetzt ein Zufallsprodukt ist. Beim
       DFB-Pokalfinale 2022 hat es sich für mich noch eher zufällig angefühlt.
       Obgleich ich immer schon von dem Weg überzeugt war, den der Verein geht.
       Aus Fanperspektive war es stets okay, wenn der SC nicht unter den Top Ten
       steht. Wir haben Erfolg nicht an Titeln bemessen, sondern daran, was mit
       den vorhandenen Möglichkeiten und kontinuierlicher Arbeit erreichbar ist
       und wie man möglichst ehrlich in diesem System bleiben kann.
       
       taz: Und nun? 
       
       Breit: Der Erfolg jetzt ist Ausdruck davon, dass es sich lohnt, sich nicht
       vom schnellen Geld zu Irrationalem verleiten zu lassen. [1][Der Erfolg
       verweist darauf, dass Kontinuität, strategische Planung belohnt wird.]
       Natürlich gehört auch das Quäntchen Glück dazu. Dass langfristiges Denken
       belohnt wird, das ist etwas, worüber ich mich wahnsinnig freue. Ich bin von
       der 50+1-Regel sehr überzeugt. Es ist natürlich super, wenn man dann solche
       Momente hat, in denen man zeigen kann, es ist auch mit dem Erfolgsanspruch
       möglich, den andere als Maßstab vorgeben.
       
       taz: Sie sind auch beim nationalen Fanbündnis „Unsere Kurve“ engagiert
       gewesen und gut vernetzt. Wie sehr wird der Freiburger Erfolg andernorts
       goutiert und vielleicht auch als Erfolg der eigenen fanpolitischen
       Interessen gefeiert? 
       
       Breit: Ich habe den Eindruck, dass es weit über die nerdigen, fanpolitisch
       Aktiven hinausgeht. Wir haben gerade beim HSV gespielt, wo der
       Stadionsprecher vor dem Spiel Freiburg für den Einzug ins Finale gratuliert
       hat. Es hat einfach das ganze Stadion applaudiert. Für mich schwang da
       zweierlei mit: Applaus für den deutschen Verein, der jetzt im Finale steht,
       aber auch für das Freiburger Modell, mit dem das gelungen ist. Das wird
       jetzt von vielen Menschen honoriert. Das war nicht immer so.
       
       taz: Woran denken Sie? 
       
       Breit: Ich habe durchaus erlebt, für das Freiburger Modell belächelt zu
       werden. Wenn man wirklich erfolgreich sein will, hieß es, geht das so auf
       keinen Fall.
       
       taz: Von wem wurden sie belächelt?
       
       Breit: Zum Beispiel, als wir als Fanvertreter während der Pandemie in der
       Taskforce Zukunft Fußballprofi waren. In diesen Gremien wurden wir als
       Sonderfall abgetan, mit dem kein größerer Erfolg möglich ist. Wir haben
       bewiesen, dass sie unrecht hatten.
       
       taz: Während der Pandemie zeigten sich die Vertreter des kapitalistischen
       Fußballs ja eigentlich offener denn je für andere Konzepte, weil man um die
       Zukunft des eigenen Modells fürchtete. 
       
       Breit: Ja, während der Pandemie haben viele über diesen Spagat gesprochen
       zwischen wirtschaftlichen Interessen auf der einen und gesellschaftlicher
       Verantwortung auf der anderen Seite. Ich glaube, der e. V. ist immer noch
       das beste Konstrukt, das einen auch in den Führungspositionen im Verein
       zwingt, in diesen Balanceakt zu gehen und das nicht aufzulösen.
       
       taz: Umso bemerkenswerter, dass der Erfolg des SC in eine Zeit fällt, in
       der immer noch mehr Geld ins System gespeist wird und von Besinnung keine
       Rede mehr ist. 
       
       Breit: Ich glaube, das verweist eben wirklich auf Kontinuität,
       wirtschaftliche Vernunft, Stabilität. Eine Philosophie der kleinen
       Schritte, und die aber stetig zu tun, Rückschläge zur Kenntnis zu nehmen,
       sich nicht in so einer Negativspirale zu verfangen. Und das hat viel mit
       der Unterstützung der Fanszene zu tun. Wirtschaftliche Vernunft ist nicht
       öde. Sie gibt dir die Kraft, selbst zu gestalten und sich nichts von außen
       diktieren zu lassen.
       
       taz: Können Sie sich noch an Ihren ersten Stadionbesuch erinnern? 
       
       Breit: Das war vor ungefähr 34 Jahren als Fünfjährige mit meinem Papa. Ein
       Zweitligaspiel.
       
       taz: Mit Volker Finke als Trainer? 
       
       Breit: Ja, alle in meiner Generation sind mit Volker Finke aufgewachsen.
       Also 16 Jahre ist schon eine lange Zeit. Und die Trennung von Volker Finke
       war in Freiburg ja auch so ein generationaler Konflikt. [2][Der Abschied
       von Christian Streich] später gelang zum Glück viel besser.
       
       taz: Der bekannteste Konflikt, den dieser Verein je hatte. Die
       Vereinsführung war für die Trennung, eine breite Basis von Fans dagegen. 
       
       Breit: Das war auch so ein Ringen, wie viel Stabilität braucht es, wann
       sind Veränderungen notwendig? Wie tariert man das miteinander aus? Was ist
       eine breite Basis von Fans? Wer ist wie sichtbar? Zu diesem Zeitpunkt
       hatten wir noch keine Diskussionskultur innerhalb der
       Mitgliederversammlungen. Die haben wir erst über viele Jahre entwickelt und
       auch heute ist da noch Luft nach oben.
       
       taz: Der SC Freiburg ist im Ranking der TV-Gelder mittlerweile auf Platz
       sechs. In der Kategorie des Umlaufvermögens, das die Liquidität darstellt,
       sogar auf Rang vier. Was macht denn das mit dem Identitätsgefühl eines
       Freiburger Fans, das aus dem Underdogdasein gewachsen ist? 
       
       Breit: Genau das habe ich mich nach den letzten Spielen auch gefragt.
       Deshalb kann ich keine Antwort darauf geben. Ab wann ist man denn jetzt
       erfolgreich? Früher war es der Nicht-Abstieg, dann war ein Mittelfeldplatz
       in der ersten Liga. Und was ist es jetzt? Ich weiß es nicht. Ich hoffe
       sehr, dass wir nicht vergessen, wo wir herkommen, um eben nicht
       größenwahnsinnig zu werden. Zu glauben, dass einem mehr zusteht als das,
       was man sportlich erreicht hat. Das ist schon eine verbreitete
       Fußballkrankheit.
       
       taz: Und die Ansteckungsgefahr beim SC Freiburg größer denn je? 
       
       Breit: Ja, ich finde schon. Da muss man sehr aufmerksam sein, weil die
       bisherige Perspektive bewahrt man ja nicht automatisch. Das ist harte
       Arbeit. Das zu kommunizieren, von allen einzufordern. Einen Weg zu finden,
       wie man vielleicht jetzt vermehrt unterschiedlichen Wünschen und
       Anforderungen gerecht wird und dabei bei sich selbst bleibt. Ich glaube,
       das wird die größte Herausforderung. Aber es ist eine schöne
       Herausforderung.
       
       20 May 2026
       
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