# taz.de -- Sci-Fi-Filme in Cannes: Viel Zeit für zukünftige Gefühle
       
       > Bei den Filmfestspielen von Cannes verzichtet der koreanische Regisseur
       > Na Hong-jin auf guten Geschmack. Dafür bietet er irrwitzige Unterhaltung.
       
 (IMG) Bild: In Hirokazus „Sheep in the Box“ wird eine geheilte Familie simuliert
       
       Das 79. Festival de Cannes ist zur Hälfte rum und bisher gibt es wenig
       Grund zur Klage. Von den in den Wettbewerb eingeladenen Regisseuren haben
       die meisten bisher überzeugt. Was gelegentliche Enttäuschungen nicht
       ausschließt, auch bei Altmeistern.
       
       So lieferte der japanische Regisseur Hirokazu Koreeda mit seinem Beitrag
       „Sheep in the Box“ eine gar nicht allzu realitätsferne
       Science-Fiction-Geschichte. In der helfen Humanoide als äußerlich
       identische Kopien der Verstorbenen trauernden Familien, den Verlust eines
       Kindes zu bewältigen.
       
       [1][Koreeda, der sich in seinen Filmen viel mit alternativen
       Familienkonstellationen beschäftigt], wählt dabei einen Zugang, der seiner
       großen Stärke, der behutsamen Arbeit mit Kinderdarstellern, etwas im Weg
       steht. Denn der „Junge“, der darin die Hauptrolle spielt, ist ein
       weitgehend apathisches Wesen. Seine Gefühle bleiben eher verborgen.
       Immerhin tun die Roboter in diesem Fall etwas anderes als sonst üblich: Sie
       werden nicht zur Gefahr für die Menschen. Sie beschließen vielmehr, unter
       sich zu bleiben.
       
       Zur Frage des Umgangs mit Verlust passt das durchaus. Koreedas Antwort
       darauf lautet, dass Trauerarbeit mit fetischartigen Ersatzobjekten wie
       Robotern nicht gelingen kann. Seine beiden Erzählungen wollen gleichwohl
       nicht recht zusammenkommen.
       
       ## Filme lassen sich viel Zeit
       
       Vielleicht auch, weil die Roboter mit ihren Motiven auch für das Publikum
       zu sehr für sich bleiben. Die für Koreeda typischen klar aufgebauten, ruhig
       gefilmten Bilder helfen da nur bedingt.
       
       Auffällig viele Filme in diesem Wettbewerb nehmen sich viel Zeit.
       Zweieinhalb Stunden scheint der Standard zu sein, den einige Regisseure wie
       [2][Ryūsuke Hamaguchi] sogar überbieten. Mit zwei Stunden und 40 Minuten
       für seinen Film „Hope“ liegt der koreanische Regisseur Na Hong-jin damit
       gut im Durchschnitt. Als Durchschnitt kann man seine
       Science-Fiction-Horror-Actionkomödie allerdings kaum bezeichnen.
       
       Na Hong-jin debütierte 2008 mit dem Thriller „The Chaser“. Darin
       inszenierte er das Treiben eines psychopathischen Serienmörders mit so
       nervenzehrender Spannung, dass man beim Zuschauen Herzrasen bekommen
       konnte. Diese Fähigkeit, sein Publikum buchstäblich mitzureißen, treibt Na
       Hong-jin in seinem ersten neuen Film seit [3][„The Wailing“ von 2016] zu
       steilen Höhen.
       
       ## Zuerst ist da nur die blutige Spur
       
       Tempo ist fast alles in „Hope“. Im südkoreanischen Fischerdorf Hope Harbor
       nahe der demilitarisierten Zone entdecken die Bewohner ein gerissenes Rind.
       Die Polizei wird gerufen, man vermutet den Angriff eines Tigers, obwohl die
       in der Region sonst nicht vorkommen. Zudem deuten die Wunden des Kadavers
       auf ein größeres Tier als Angreifer hin. Wenig später erhält der
       Polizeichef des Dorfs, Bum-seok (Hwang Jung-min), Notrufe aus dem Ort.
       
       Von da an schaltet „Hope“ um in den Jagdmodus. Bum-seok und die anderen
       Einwohner müssen nämlich vor einem riesigen und sehr wütenden Monster
       fliehen.
       
       Na Hong-jin lässt sich Zeit, bis er diesen Angreifer direkt zeigt. Man
       sieht zunächst nur die blutige Spur der Verwüstung, hört es brüllen und
       Menschen oder Autos werden durch die Luft geschleudert. Sobald das Wesen im
       Bild erscheint, rast die Kamera mit den fliehenden Menschen vor dem
       unbekannten Verfolger davon, die in Autos, auf Pferden oder ihren zwei
       Beinen unterwegs sind.
       
       ## Das Monster weint
       
       Viele dieser Szenen lassen gut erkennen, dass sie ihre aberwitzige
       Geschwindigkeit großzügiger Hilfe aus dem Computer verdanken. Das macht
       nichts. Auch dass das Monster, sobald es vollständig in seiner hässlichen
       Pracht zu sehen ist, von seinem Schrecken verliert und in einer Szene sogar
       weint.
       
       Denn Na Hong-jin gönnt seinen Protagonisten genauso wenig wie den
       Zuschauern eine Atempause. Man kann das selbstverständlich für großen
       Quatsch halten. Enttäuschen tut „Hope“ aber nicht. Er ist sogar sehr
       witzig.
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Regisseur-Koreeda-ueber-Kindheit/!5996514
 (DIR) [2] /John-Lennon-Doku-in-Cannes/!6179362
 (DIR) [3] /Koreanischer-Horrorfilm-The-Wailing/!5454146
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tim Caspar Boehme
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Japanisches Kino
 (DIR) Korea
 (DIR) Hirokazu Koreeda
 (DIR) Roboter
 (DIR) Actionfilm
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Genrefilm
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) John-Lennon-Doku in Cannes: Wo Rosen sich symmetrisch teilen
       
       Bei den Filmfestspielen bebildert Steven Soderbergh das letzte Interview
       John Lennons mit KI. Im Wettbewerb triumphieren Altenpflege und
       Familiensorgen.
       
 (DIR) Regisseur Koreeda über Kindheit: „Die geheime Welt ist verschwunden“
       
       Hirokazu Koreeda erzählt im Film „Die Unschuld“ von der Freundschaft zweier
       Jungen in Japan. Es geht ums Anderssein und um Gruppenzwang.
       
 (DIR) Koreanischer Horrorfilm „The Wailing“: Seelenlose Wahnsinnige
       
       In seinem Horrofilm spürt der koreanische Regisseur Na Hong-jin dem
       Übernatürlichen nach – atemlos und mit widerspenstigem Humor.