# taz.de -- Stadtentwicklung in Berlin: Da blüht uns was
> Nach Senatsplänen könnten die traditionsreichen Späth’schen Baumschulen
> laut Betreiber*innen auf einen kleinen Rest ihrer heutigen Fläche
> schrumpfen.
(IMG) Bild: Einer der originellsten Orte der Stadt: In der Späth'sche Baumschule in Treptow blüht es gerade wie verrückt
Dürfen Gärten, Grünflächen und ein Stück Berliner Geschichte verschwinden,
damit diese Stadt ihre Wohnungskrise endlich in den Griff bekommt?
Diese Frage wird derzeit an einem der originellsten Orte der Stadt
verhandelt: den [1][Späth'schen Baumschulen in Treptow]. Weil sich viele
Berliner*innen die Mieten kaum noch leisten können, plant der Senat auf
Teilen des traditionsreichen Betriebes ein neues Stadtquartier mit bis zu
2.500 Wohnungen.
Doch der dringend benötigte Wohnungsbau hätte einen dramatischen Preis: Die
über 300 Jahre alte und damit älteste noch produzierende Baumschule Berlins
würde auf einen Bruchteil ihrer heutigen Fläche schrumpfen.
Die Zahlen kursieren auf dem Gelände inzwischen wie eine Art
Schreckensformel. Von rund 128.000 Quadratmetern, die die Baumschule nach
eigenen Angaben derzeit in Treptow nutzt, sollen laut Senatsverwaltung
künftig nur noch etwa 28.000 Quadratmeter auf der „Kernfläche“ mit den
historischen Gebäuden Packhalle und Kontorhaus, Pflanzenverkauf und Hof
bleiben – plus ausgelagerte 10.000 Quadratmeter für Großhandel und
Erdwirtschaft.
Das Problem: Nur ein gutes Drittel dieser Kernfläche, also 9.000
Quadratmeter, wird laut Baumschule überhaupt von ihr genutzt – der Rest ist
an andere Unternehmen verpachtet. Da klingt es wie Hohn, wenn die
Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
verlauten lässt, der „identitätsstiftende Nukleus“ der Baumschule bliebe
erhalten.
Das genaue Gegenteil ist der Fall: Von einer weitläufigen grünen
Kulturlandschaft würde am Ende wenig bleiben. Als besonders bitter
empfinden es viele, dass inzwischen bis dicht an das Areal heran gebaut
werden soll. Der frühere Geschäftsführer Holger Zahn, der 1987 im Betrieb
anfing, ihn nach der Wende vor der Zerschlagung durch die Treuhand gerettet
und das Gelände für die Stadtgesellschaft geöffnet hat, fürchtet um sein
Lebenswerk.
An einem milden Mainachmittag voller junger Bäume, blühender Stauden und
einem Himmel wie gemalt ist das Gelände merkwürdig still. Irgendwo klappert
Geschirr und nur wenige Kund*innen sind unterwegs. Die Baumschule wirkt
wie ein Ort, der sich gerade ausruht – und gleichzeitig ahnt, dass ihm eine
grundsätzliche Veränderung bevorsteht.
## Großes Zittern und Zähneknirschen
Laura Lichtenheldt führt über das Gelände: Ende 30, gelernte Druck- und
Medientechnikerin, Tochter von Holger Zahn, inzwischen eine der drei neuen
Geschäftsführerinnen. Sie ist hier aufgewachsen und lebt inzwischen wieder
auf dem Gelände. Die etablierten Veranstaltungen wie den „Späth’en
Frühling“ oder den Weihnachtsmarkt will sie weiterführen, zugleich noch
mehr neue Formate für jüngere Besucher*innen entwickeln. Doch über
allem liegt derzeit ein großes Zittern und Zähneknirschen.
„Das war erst mal ein Schock“, sagt sie über die jüngsten Pläne des Senats,
die kürzlich bekannt wurden. Nach einem Siegerentwurf, auf den sich der
Senat im Anschluss an eine aufwendige Bürgerbeteiligung im Oktober 2025
geeinigt hatte, habe man noch gehofft, man könne über Anpassungen reden.
Nach den neuen Plänen des Senats, die ihnen vor Kurzem vorgelegt wurden,
gehe es nun nur noch darum, wie die geplanten Neubauten auf dem Gelände
verschoben würden. Und selbst das, was am Ende möglicherweise erhalten
bleibt, sei nicht sicher. „Wenn es neue Eigentümer gibt – was passiert dann
hier?“
Die Eigentümerlage rund um das Gelände ist tatsächlich kompliziert. Der
heutige Gartenbau- und Veranstaltungsbetrieb bewirtschaftet seine Flächen
nur als Pächter. Nach der Rückübertragung der Baumschule an die Erben der
Familie Späth 1997 wurden große Teile des Areals von den Nachkommen der
Familie an private Investoren verkauft.
Nach Angaben der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung,
Bauen und Wohnen gehören die fraglichen Flächen heute einer Firma namens
„Baumschulen Berlin-Baumschulenweg GmbH“ – offenbar ein Betrieb, der früher
mal den Erben gehörte und immer weiterverkauft wurde. Die Baumschule selbst
verweist dagegen auf Gesellschaften aus dem Umfeld einer anderen
Immobilienholding, die insolvent sei – wozu sich die Pressestelle der
Senatsverwaltung wiederum nicht äußern möchte.
Diese hält sich bislang überhaupt mit genaueren Aussagen zurück. Und
verweist auf laufende interne Abstimmungen über vorbereitende
Untersuchungen zu einem neuen „Struktur- und Nutzungskonzept“, man sei also
„in einer sehr frühen Phase“. Es fänden außerdem keine Verhandlungen über
einen etwaigen Ankauf statt.
Wie weit die Planungen tatsächlich schon reichen, bleibt also offen. Auf
dem Gelände selbst verstärkt genau diese Unsicherheit jedoch das Gefühl,
dass über die Zukunft des Ortes längst anderswo entschieden wird: Laura
Lichtenfeld fürchtet eine Art dekorative Rest-Baumschule: verdichtet,
touristisch verwertbar, aber ohne den offenen Charakter des Ortes. „Dann
wäre das hier irgendwann wie eine beliebige Gärtnerei.“
## Nicht alles so perfekt
Dabei lebt das Gelände gerade davon, dass es sich jeder perfekten Ordnung
entzieht. Hinterm Restaurant taucht die [2][Märchenhütte des
Hexenkessel-Hoftheaters] auf, das während der Weihnachtszeit hier spielt.
Ein paar Schritte weiter liegt [3][der Weltacker, ein Bildungsprojekt], das
zeigt, wie wenig Fläche jedem Menschen weltweit zur Verfügung steht, um
Nahrung, Kleidung oder Energie zu erzeugen.
An einem glitzernden Karpfenteich, gestaltet von einem [4][Künstler aus dem
ehemaligen Tacheles,] tauchen zwei Schildkröten auf. Dazwischen alte
Eichenalleen, imposante Blutbuchen, Kathedralen aus Weidenruten,
Europaletten, alte Zäune als Rankhilfen, Pfingstrosen in Baukübeln,
Stauden- und Kräuterbeete. Die Späth’schen Baumschulen sind seit Langem
mehr als eine Baumschule. Sie funktionieren heute wie ein Dorfplatz im
Grünen, wie es sie auch auf dem Land kaum mehr gibt: mit Gasthaus,
Hofladen, Weinverkostungen, Theater, Konzerten, Lesungen, Märkten und
Festen.
Für viele Berliner*innen ist das Gelände eine Art Ausflugslandschaft.
Es ist aber auch ein Zufluchtsort [5][für erschöpfte Großstädter aller
Altersstufen und gesellschaftlichen Schichten, die ins Gespräch kommen].
Für Menschen, die Freiraum suchen – und ihn in der zunehmend
durchkommerzialisierten Innenstadt der Smash-Burger und des Coffee to go
kaum noch finden.
Gerade deshalb verteidigen viele Stammgäste den leicht improvisierten
Charakter des Ortes so leidenschaftlich. Dass hier nicht alles kuratiert
wirkt, gehört zum Reiz. „Ich komme nicht nur zum Pflanzenkaufen“, sagt eine
Besucherin, „sondern zum Entspannen“. Eine andere empört sich: „Sonst
kümmert es die Stadt ja auch nicht, dass man sich die Mieten nicht mehr
leisten kann. Warum ausgerechnet hier, wo man mal durchatmen kann?“
[6][Eine Online-Petition, die vor wenigen Tagen gestartet wurde, wurde
schon von über 13.000 Menschen unterzeichnet.]
Hinzu kommt aber noch etwas: Die Geschichte dieses Betriebs erzählt auch
die halbe Geschichte Berlins. Gegründet wurde die Baumschule 1720 von
Christoph Späth als Obst- und Gemüsegärtnerei in Kreuzberg. Später zog der
Betrieb weit vor die Tore der Stadt, dorthin, wo heute der Baumschulenweg
liegt.
Um 1900 gehörten die Späth’schen Baumschulen mit rund 225 Hektar zu den
größten Baumschulen der Welt. Sie waren nicht nur ein Gartenbaubetrieb,
sondern ein internationales Zentrum für Pflanzenhandel, Zucht von Gehölzen
und botanischer Forschung. Pflanzenjäger wie Carl Albert Purpus, dessen
Name in Zusammenhang mit [7][kolonialen Sammelpraktiken] genannt wird,
besorgte für Späth Pflanzen in Nordamerika und Mexiko. Franz Späth ließ das
heute zur Humboldt-Universität (HU) gehörende Späth-Arboretum anlegen.
Kein Wunder, dass der Ort zunehmend auch als grüner Lernraum funktioniert.
Rund 150 Schulklassen kommen jährlich hierher. Gemeinsam mit der HU und der
Berliner Hochschule für Technik BHT ist ein Vorlesungssaal unter freiem
Himmel geplant. Man lernt hier nicht nur etwas über die Vergangenheit,
sondern auch die Gegenwart: über Schwammstadt-Konzepte, klimaresistente
Gehölze, Mikroklimata. Immerhin ist die Baumschule nach wie vor ein
produzierender Betrieb, wenn auch hauptsächlich auf ausgelagerten Flächen
in Brandenburg. Noch immer werden eigene Züchtungen wie die Winterlinde
„Tilia cordata Merkur“ oder die wiederentdeckte Späth-Erle von 1908
verkauft – [8][dringend benötigte Straßenbäume für eine heißer werdende
Stadt.]
## Hier verschwindet Berliner Lebensgefühl
Am Ende der Führung steht Laura Lichtenheldt in der kleinen
Baumschulenbibliothek in einem liebevoll hergerichteten Bauwagen.
Vielleicht, sagt sie, hätten manche Entscheider nie wirklich verstanden,
was dieser Ort eigentlich sei.
Genau darin liegt das Problem dieser Debatte: dass hier nicht einfach eine
Freifläche verschwindet, sondern eine grüne Lunge, ein Stück Berliner
Stadtgeschichte und Lebensgefühl – mitsamt seiner Widersprüche und
Möglichkeiten.
Am 26. Mai will sich Holger Zahl mit [9][Bausenator Christian Gaebler
(SPD)] treffen, um über die Zukunft der Baumschule und die Pläne des Senats
zu sprechen. Mal sehen, ob er vermitteln kann, was hier auf dem Spiel
steht.
22 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wenn-man-gern-in-der-Schlange-ansteht/!6173870/
(DIR) [2] /Streit-um-zwei-Theater-in-Berlin/!5640895
(DIR) [3] https://www.2000m2.eu/de/
(DIR) [4] /Zukunft-des-Berliner-Tacheles/!5956889
(DIR) [5] /Kulturelle-Teilhabe/!6101378
(DIR) [6] https://www.openpetition.de/petition/online/spaethsche-baumschulen-muss-gruenes-zentrum-bleiben-keine-bebauung
(DIR) [7] /Ueber-Dekolonisierung-Botanischer-Gaerten/!6132032
(DIR) [8] /Berliner-Baumentscheid/!6180271
(DIR) [9] /Neubau-in-Berlin/!6178627
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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